KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 744 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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dem charakteristischen Denken der Orthodoxie den orthodoxen Juden hineingestellt hat. Und so wahr und richtig einerseits die ernste starre Behauptung der Orthodoxie ist, das Judentum zu bedeuten, so — falsch ist sie! Für den, der den geschichtlichen Zusammenhang verloren hat, ist es zunächst ganz unmöglich, orthodoxer Jude zu werden. Die Kluft, die zwischen Gewohntem und Gewolltem liegt, ist zu groß, um mit einem Schlage überbrückt zu werden. Er hat nicht das Judentum in seiner ganzen geschichtlichen Wucht hinter sich, nicht die gewaltige metaphysische Vonoben-herab-Denkweise ortyodoxen Judentums. Er muß den umgekehrten Weg machen. Ihm wird das Judentum zum Ziele, zum Ende, zur Aufgabe, kurz, zum Problem, weil er nicht von ihm ausgehen kann, es ihm nicht gegeben, nicht Prinzip ist. Den Begriff des Problems gilt es also weiterhin zu fragen, was er uns zu sagen hat. Welche Folgen in seiner Eigentümlichkeit als Ziel- und Aufgabenbegriff liegen. Wo etwas zum Problem wird, wird es jeder metaphysischen Ursachen- Sphäre entrückt. Alles Sein verliert vor ihm seine Eigenschaft als unmittelbare Gelegenheit. Vielmehr wird offenbar, daß es nur als ein allgemeiner Vorwurf, eine Aufgabe gedacht werden kann, welche durch die wissenschaftliche Behandlung zu lösen ist. Und wenn wir vorhin davon sprachen, daß uns die Wahrheit verschlossen ist, daß wir nicht wissen, was zuerst war, so können wir jetzt hinzusügen, daß wir den Anfang zwar nicht wissen, aber unseren Anfang) und dieser Anfang ist die Aufgabe! Dieser Anfang ist aber zunächst nichts als eine Zugrundelegung, eine Grundlegung, eine Hypothese. Zugleich aber ist uns auch der Weg gewiesen, der W 'g wissenschaftlicher Behandlung. Dieser ist jedoch ein ganz anderer, als den wir vorhin rennen lernten. Führte jener von oben herab, so führt dieser von unten herauf. Wem das Judentum zum Problem geworden, der fragt nach der Möglichkeit des Judentums, nach seiner selbständigen Begründung. Dieser Weg führt das Judentum stets zu einer Auseinandersetzung mit der modernen Kultur. Das Judentum als Problem bedeutet nichts anderes als seine Einfügung in die moderne Kultur. Hier verlieren zunächst die religiösen Urkunden, die religiöse Geschichte ihren göttlichen Nimbus, um ihn um so Üeser und reiner in der ethischen Neubegründung des Judentums zu finden. Der wissenschaftliche Weg fragt nicht nach Autorität und unerschütterlichen Geboten, sondern macht nichts anderes als die Probe auf ihre Recht- Mäßigkeit. Daß dabei der ethische Kern des Judentums in den Mittelpunkt aller Betrachtung gerückt wird, kann keinen Wunder nehmen. Das Sittliche, die Erkenntnis und der Begriff sind so nahe verwandt, daß der Wissenschaft das Sittliche immer zunächst liegt. So nahe ist die Sittlichkeit bei Sokrates schon mit dem Begriff verbunden, daß für ihn an dem Problem des Sittlichen das Problem des Begriffs entstand. Es ist darum kein Zufall und keine Willkür, wenn im modernen Judentum so viel vom sittlichen Kern des Judentums gesprochen wird, zu dem alles andere, der Ritus und das Gesetz bloß im Abhängigkeits- und Beziehungsverhältnis stehen. Für den modernen Juden sind die überlieferte Gewohnheit, die Sitte, der Brauch keine selbständigen Faktoren, die ein absolutes Judentum ausmachen, sondern nur Diener im Hause des Sittlichen, welche durch die geschichtliche Macht, die sie in sich tragen, dem Sinne ihres Herrn Helsen und ihn unterstützen. Dabei fällt ohne weiteres vieles fort, was in der Ueberlieferung noch treu bewahrt wird, zum neubegründeten sittlichen Kern des Judentums aber nicht mehr im Abhängigkeitsverhältnis, in Beziehung steht. Ins einzelne zu gehen ist uns im engen Rahmen unserer Aufgabe versagt. Aber zur Genüge erhellt schon aus dem Dargestellten, daß ein Kampf, wie er vor dem Kriege in häßlichen Formen zwischen orthodoxern und modernem Judentum geführt wurde und leider auch während des Krieges nicht ganz verstummt ist, recht Wunder nehmen muß, wenn man bedenkt, daß er im Grunde doch so wenig Anlaß findet. Nicht jene haben das Judentum und nicht diese! Was sie beide haben, sind Wege, deren einer ebenso wahr ist wie der andere. ' Legt der eine die. geschichtliche Tradition zugrunde und baut darauf seine Welt, sein Leben und Handeln, nun, so hat der andere ebenso recht, das Problem zugrundezulegen und von diesem aus weiterzuarbeiten. Es muß nur im Auge behalten werden, daß beides doch im Grunde nur Anfänge sind, gewollte Anfänge, von uns gewollte Anfänge. Glauben wir so den religiösen Zwiespalt im Judentum psychologisch begründet zu haben, so bleibt uns dennoch übrig, wenn wir das Problem des Judentums ganz erfassen wollen, auch jenen Zwiespalt zu betrachten, der die geschichtlichen Auffassungen vom Judentum trennt. Es gilt hier am besten, von vorneherein dies Problem unter dem Begriff der „Judenheit" anzufassen. Denn es handelt sich im Streite, den die Sache des Zentralvereins oder unseres K. C. mit dem Nationaljudentum und Zionismus führt, keineswegs rein um das Judentum, sondern zunächst um die praktische Frage nach dem Schicksal der Judenheit. Für den unbefangenen deutschen Juden persönlich existiert kein eigentliches Problem der Judenheit. Er ist in Deutschland geboren, in