KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 743 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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743 Begründung des Judentums als Aufgabe, als Ende eines' Weges, als Ziel. Zu dieser Zielbetrachtung konnte das orthodoxe Judentum sich niemals verstehen — aus leicht erkenntlichen Gründen. Es war das Judentum, das sich in Sitte, Lebensanschauung und Gewohnheit von Haus zu Haus, von Geschlecht zu Geschlecht vererbte, sodaß es keinem in den Sinn kam, an der Wahrheit des Ueberkommenen, seiner Vollkommenheit und Endgültigkeit zu zweifeln. Es ist die Geschichte in ihrer Reinheit, die da ihr Wort spricht. Aus der Geschichte heraus wuchs ihnen das Judentum, sie selber waren das Judentum und sorgten für sein Bestehen. Es ist noch heute die Wucht jener Wahrheit in der kraftvollen Aeußerung der Orthodoxie, daß sie allein das Judentum erhalten habe und erhalten werde. Und es ist noch heute ihr echtestes und unbestreitbares Recht zur Existenz, Geschichte zu sein. Und mit dem Ernst und der Würde, die allem Wahren anhaftet, gilt auch denen ihr Recht als unantastbar, die längst nicht mehr in ihrem Banne und ihrem Leben stehen, die von Geschlecht zu Geschlecht diesem Judentum entfremdet worden sind. Vom Begriffe der Geschichte aus wollen wir das Wesen der Orthodoxie zu erfassen versuchen. Und zwar wollen wir den Begriff der Geschichte so weit wie möglich dehnen, um jeder Einseitigkeit vorzubeugen. Seinem hauptsächlichen Sinne nach verstehen wir unter Geschichte das ewig sich gleich bleibende Werden und Vergehen der Dinge, der Menschen und der Geschehnisse. In diese Kette ewiger Ursachen und Wirkungen ist der Mensch eingespannt gleichsam als bloßes Glied, das nur zusammen mit den unzähligen anderen Gliedern die rätselhafte, ewig bewegte Kette bildet. Und tatsächlich trifft dies einen wesentlichen Kern des Geichichtsbegriffes. Denken wir nur an die Momente der Gewohnheit, der Sitten und Gebräuche, wie sie zum großen Teil das Wesen der Orthodoxie ausmachen, so liegt darin die ganze Gebundenheit an das Vergangene, an die endlose Zahl der Menschen, die ebenso taten, vor Augen. Aber ist es wahr, daß die Geschichte nur in diesem Sinne das Eigentümliche der Orthodoxie ausmacht? Ist auf diese Weise der Mensch nicht bloß ein gekettetes Wesen, das nur in das Radwerk einer ewig gleichgestellten Uhr eingespannt ist, ein Wesen, das nur durch die Geschichte gemacht wird? Und es erhebt sich jetzt die alte Streitfrage, ob die Geschichte die Menschen mache oder umgekehrt die Menschen die Geschichte, ob zuerst das Ei oder zuerst das Huhn war. Und bevor wir dieseDoppelsrage nicht auch in ihrem Doppelsinne lösen, eher werden wir niemals ein rechtes Bild der Wahrheit erhalten. Tatsächlich hat diese Scherzfrage von Huhn und Ei einen ttesernsten Hintergrund. Was zuerst war, was der Grund und welches die Folge, darüber zu entscheiden ist uns nicht gegeben. Die Wahrheit an sich ist uns verschlossen. Wir wissen nur, daß das Huhn die Eier legt und umgekehrt aus dem Ei das Huhn schlüpft. Oder angewandt: was die Wahrheit ist, wissen wir nickst, aber wiffen, daß die Geschichte die Menschen macht, ebenso wie die Menschen die Geschichte! Hiermit sind wir an dem Schlüsselpunkt unserer ganzen Gedankenreihe angelangt, von dem aus wir das gesamte weitschichttge Material sichten wollen. Was folgt, wird nur eine ständige Wiederkehr dieser Gedanken sein: es ist der Boden, aus dem wir stehen, und von dem aus wir die Einigung des Judentums erstreben wollen. So sehr die Geschichte die Menschen macht, so sehr machen die Menschen Geschichte! Nicht allein die Gewohnheit, die Sitte, die Gebräuche, die Umstände machen den Menschen, sondern er ist es auch selber, der sie formt und schafft, der sie zu denken und weiter zu bilden imstande ist. Auch die Geschichte offenbart uns ihr Doppelantlitz, insofern sie auch Menschenwerk ist. Auch die Orthodoxie ist nicht bloß Gewohnheit, Uebung und Brauch, auch sie ist ihr Teil menschliches Eigentum! Wieviel tausendfach spiegelt sich dies in der grandiosen Denkarbeit der jüdischen Literatur wieder! — Aber eins ist das Entscheidende: Was sie denkt, ist gewiß Denken, aber wiederum überliefertes Denken, und wie sie denkt, ist deduktives Denken! Sie geht von etwas vor ihr Gedachtem aus) alles, was ihr entgegentritt, mutz zu ihm passen, oder — es ist falsch! Auch hier spielt die Ueberlieferung die Rolle einer Regulattve, eines Korrigierenden; aber das ist das Entscheidende, daß diese Regulative nicht Ziel, Ende, Aufgabe, Zukunft ist, sondern sie für die jüdische Orthodoxie Ausgangspunkt, Anfang, Gegebenes, Vergangenheit ist — das Judentum, das geschichtliche Judentum! Die Wahrheit, die alle Erkenntnis korrigieren soll, steht hinter ihr, nicht vor ihr, ist da und braucht nur genommen zu werden. So sehr der einzelne auch denken, grübeln und Systeme bauen mag, die Wahrheit ist unumstößlich, ist absolut. Zu ihr muß er zurück! Nach ihr muß alles Denken sich richten. Auf dieses metaphystsche Ohne-uns-sein der Wahrheit muß man den Blick richten, um ganz und gar das Denken der Orthodoxie zu verstehen, um jene starre Dogmatik zu begreifen, die aus diesem Denken entstehen kann. Ihr, der das Judentum von vorherein Prinzip ist, kann es mithin nicht zum Problem werden. Zum Problem wird es erst da, wo der Mensch nicht mehr in jenem geschloffenen geschichtlichen Zusammenhänge steht, in den die Gewohnheit, die Sitte, der Brauch vereint mit