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KC-Blätter · 1916-09-01 · Heft 13 (September 1916) · p. Seite 741

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Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 13 (September 1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 741 (sequence 35)
Language
German
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741 Für diesen Standpunkt wird eine Betrachtung, welche das Aushören der nationalen Existenz als etwas anderes denn als furchtbarstes Unglück ansieht, ja es unter einem gewissen höheren Gesichtspunkte als wünschenswert, als Forderung zur Erfüllung absoluten Wertes beurteilt, schlechterdings verwerflich. Denn sie kennt keinen höheren Gesichtspunkt als den nationalen, und der Spruch: Right or wrong my country wird ihr immer als Leitsatz gelten, wenn auch verschiedene Kultur- und Moralanschauung mit verschiedenen Mitteln seinen Gebrauch handhabt. Der Prophet aber ist von vornherein weltbürgerlich gesinntsein Vaterland ist die Menschheit. Ihr Sinn bedeutet ihm die Erfüllung des göttlichen Sittengesetzes, das keine national begrenzte Heimat hat, und dessen Anspruch keinem Volke wirklicher oder vermeintlicher Auserwähltheit zu Liebe nachgelassen werden kann. Israel hatte — dieser Gedanke wird am klarsten und völlig unmißverständlich in den Reden des Buches Jesaia ausgesprochen - die nationale Aufgabe, daß die ihm dargebotene Erkenntnis der sittlichen und religiösen Wahrheit alle Nationen erleuchten sollte. Was es positiv zu leisten hatte, um diesem Universalismus des Geistes die Erfüllung zu bringen, das erfahren wir nirgends. Aktive Religionspropaganda war noch ein ganz ferner Gedanke. Aber daß das Moralgesetz hier aufs peinlichste bewahrt und seine Verletzung aufs härteste geahndet werden mutzte, war gewiß. Und so fühlten sich die Propheten, wenn sich auch in ihnen die Stimme des Blutes nie ersticken ließ, zu allererst als die Sachwalter und Verteidiger des beleidigten Rechtes und standen bei aller glühenden Liebe zur eigenen Nation, deren Verderben ihnen das Herz zerfetzt, nationalistischer Selbstüberschätzung so fern, daß ihnen das Toben der Weltmächte als der Donner des Weltgerichts erschien. Diese Grundanschauung schließt natürlich nicht aus, daß einzelne von ihnen den Herrschern ihres Landes politische Fingerzeige gaben, die, soweit wir sehen können, die Situation klug berücksichtigten. Abseits von den Händeln der großen Welt glaubten ein Jesaia und ein Jeremia vielleicht mit Recht, ihrem Volke einen Schatten nattonaler Selbständigkeit länger bewahren zu können. Wenn sie dem jüdischen Duodezstaat die Wahrung strikter Neutralität zwischen den Großmächten des Nordostens und Ägypten ans Herz legten, so mochte das das einzige Mittel sein, die Existenz etwas länger zu fristen. Aber solche stäatsklugen Ratschläge wurden von ihnen gewiß weniger in der Überzeugung ihrer praktischen Zweckmäßigkeit gegeben, als hervorgehend aus dem Motive, daß das wirkliche allein wahrhafte Tätigkeit entfaltende Agens der Weltgeschichte, Gott, die Dinge schon so lenken werde, wie es seinem Weltplan entspricht. Dieses Motto bedeutet nun freilich gerade das Gegenteil von dem, was wir unter Polittk zu verstehen gewohnt sind. Und so war es in der Tat: der ethische Rigorismus hatte die Schranken zerschlagen, welche die nationale Gemeinschaft von der Einheit der Menschheit absperrten, und der ethische Monotheismus vollendete dieses Werk, indem er, den Gedanken der Alleinwirksamkeit Gottes in die äußerste Konsequenz fortführend, alles Heil von der Durchsetzung des Guten durch ihn erwartete. Die Gefahr des Quietismus, die hier nicht mehr fern liegt, erhält aber ihr starkes Gegengewicht durch die feurige Aktivität des prophetischen Naturells, das, gleichsam eine Projektton des allwaltenden höchst persönlichen und durchaus lebendigen Gottesseltsam von der Jesaia-Weisung absttcht: In Stille und Vertrauen sauf das'göttliche Eingreifen) ruht eure Kraft Freilich wird bei alledem die Kraft des freien Wollens niemals angezweifelt, die Realisierung der sittlichen Forderung im Getöse der Weltgeschichte eben auf Grund der als selbstverständlich angenommenen menschlichen Freiheit verlangt, und der Widerspruch zwischen der aufs gründlichste betontenOmnipotenz Gottes und der Verantwortung der Menschen, der einzelnen wie der gemeinschaften, blieb hier, wie immer gerade bei prophetischen Naturen, unausgeglichen. Ordnen wir nun auf Grund des Vorangehenden die Begriffe: Moral — Polittk, deren Beziehung in der Gegenüberstellung zumeist als Gegensatz empfunden wird, unserer Vorstellungswelt ein! Das Problem bedeutet für uns, grob, aber nicht falsch formuliert, ob und wieweit das ethische Gesetz, das unangefochten im Verkehr der Individuen gilt, auch für die internationalen Beziehungen Richtschnur sein soll, ob z. B. das im Privatleben gewiß anfechtbare „Not kennt kein Gebot" bei nationaler Lebensgefahr zu respektieren oder zu verwerfen sei. Daß bei den Propheten die Frage in dieser uns geläusigen Formulierung sich nicht findet, liegt auf der Hand. Aber die zu iyrer Beantwortung erforderlichen Materialien bieten sich bequem dar. An Stelle des politisch wirkenden Menschen, dem der Bestand der eigenen nationalen Existenz und das Eintreten für sie als unbedingt höchsteForderungen gelten, erscheint der prophetische Gott, der das Todesurteil über ein Volk vollstreckt, das dem sittlichen Gesetz sich nicht fügt- und der leidenschaftliche Beifallden der Prophet, wenn auch in ftrrchtbarer tragischer Überwindung des eigenen patriotischen Gefühls, der göttlichen Waltung spendet, zeigt, daß sein universalistisch gewendeter, d. h. auf das Sittliche schlechthin sich erstreckender

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