KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 740 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268902-2268903--1805-3523425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
740 und Dinge wesentlich das gleiche Ausmaß, dieselbe Art offenbaren, wie wir es an uns und dem um uns herum alle Tage erfahren können: der uns störende Mechanismus des „Uebernatürlichen" fehlt zum großen Teil, wenn wir von dem Erlebnis des Wunders ihrer eigenen Erleuchtung absehen. Wohl ist Gott die stärkste in das Dasein eingreifende Realitätüber er wirkt/ unbeschadet seines durch und durch persönlichen Charakters, mehr dem Weltgeschehen immanent, mit der Substanz geistig-geschichtlichen Lebens verwoben. So tritt, verglichen mit der pentateuchischen Betrachtung, das künstlich konstruktive Moment in der Erfassung der göttlichen Weltregierung mehr in den Hintergrund. Das Leben selber lehrte die Propheten die stetige unmittelbar gegenwärtige Wallung der Gottheit. Und ihr auf das unmittelbar Gegebene eingestellter Blick, der geschärfte Sinn für Tatsachen mußte auch vor aller ethischen Forderung das immerhin naive Urteil korrigieren, das bislang in der Wertung und weltgeschichtlichen Placierung des eigenen Stammes zu Worte kam. Nicht, daß der klare Wirklichkeitssinn des prophetischen Sittenkritikers Israel von seiner Stelle als Mittelpunkt der Weltgeschichte verwies; im Gegenteil, sie haben am entschiedensten die Konsequenz gezogen, daß die Nation, der sich der eine wahre Gott allein offenbart, sein auserwähltes Volk sei. Ja, der zu einem beträchtlichen Teil unter ihrem Einfluß stehende Pentateuch dürfte den ihm selbstverständlichen: Vorzugsrang Israels wesentlich aus ihrem Geiste.geschöpft haben. Aberdiese Selbstverständlichkeit eben ist es, die ihr zur vollen ethischen Höhe geläuterter Monotheismus vorwirft. Wenn der eine Gott der Gott aller ist, so haben alle den gleichen Anspruch an sein Interesse. Wendet er es aber einer Nation in ausnehmender Weise zu, so muß nicht nur als Äquivalent bei ihr eine besondere sittliche Würdigkeit obwalten, sondern oer eine Menschheitsgott muß sich ihrer zum Zwecke der Erhöhung und Erziehung aller bedienen. Die erste dieser Bedingungen wird von sämtlichen Propheten mit unübertrefflicher Klarheit gestellt. Wenn sie durchweg von Amos bis Maleachi den sittlichen Zustand ihres Volkes aüss grimmigste geißeln, so hat dieser sich gewiß nicht unter der mo ralisch-kulturellen Höhenlage der Nachbarstämme befunden, sondern der Gedanke, daß noblesse oblige, entzündete den Eifer der Mahnenden. Tatsächlich wird von ihnen unermüdlich das Thema von dem Undank des Volkes gegen seinen göttlichen Wohltäter abgewandelt. Doch das war nur die eine -Seite. Sollte die Lehre vom einzigen Gott nicht graue Theorie bleiben, so mußte sich sein Interesse an der Menschheit, das sich gar zu eng auf ihren israelitischen Ausschnitt begrenzte, zur positiven Einwirkung auf die Fülle der Völkerwelt weiten. Der Schritt zum klaren Universalismus wurde durch das Verdammungsurteil erleichtert, das der prophetische Gott über sein schuldbeladenes Volk fällte und sich auszuführen anschickte. Denn verfiel Israel dem Tode, den es um seiner Sünden willen reichlich verdiente, so konnte doch um Gottes willen die Weltgeschichte nicht aushören. So war es die Logik des ethischen Gedankens, die den Blick entschränkte und in die Weite führte. Und die Umwelt war mittlerweile regsam genug geworden, um ihre tätige Realität höchst kräftig spüren zu machen. Das letzte Menschenalter hat uns über die außenpolitischen Zustände des biblischen Israel durch die Ausgrabungen in Ägypten und im Zweistromlande deutlicher sehen gelehrt. Es erscheint jetzt verbürgt, daß es einer völligen Unabhängigkeit sich nur während einer verhältnismäßig kurzen Zeit erfreut hat, während der längsten Dauer seiner nationalen Existenz auf palästinischem Boden aber in bald straffer, bald loser Form den Pharaonen^oder oen babylonisch-assyrischen Großkönigen uütertan war. Ja, das Auftreten der großen Gottesmänner im 8. Jahrhundert warnurdasWarnungssignal, das eine neue von Mesopotamien andrängende Eroberungswelle verkündete. Gedeutet aber wurden diese sich in rascher. Folge bis zum UntergaugeJerusalems wiederholenden feindlichen Kriegsfahrten als das göttliche Strafgericht.! Wir haben es also in der Prop.hette „mit einer ganz eigentümlichen politischen Erscheinung! zu tun. Der Prophet ist Politiker, sofern er ausschließlich auf die öffentlichen.Dinge einzuwirken trachtetaber seine auf den Staat gerichteten Absichten zeigen eigene Ziele und eigene Mittel. Jede gemeinhin so genannte Politik will schließlich das Dasein der eigenen Nation erhöhen, und sie sucht darum, wo sie sich nicht etwa eigennützig^ bewußt in den Dienst: begrenzter Gruppen und Klassen stellt, den Egoismus der Individuen in dem wohlgegründeten und von ihr wirklich als heilig empfundenen Egoismus des Volksganzen auszüheben. Sie zeigt immer die Tendenz, die Wechselbeziehung zwischen Einzelwesen und Menschheit zu Gunsten derjenigen zwischen Bürger und Staat zu opfern und die staatliche, beziehungsweise nationale Einheit als die höchste und vornehmste reale Gemeinschaft zu würdigen. Wobei der Vorwurf der Selbstsucht vor der Tatsache nicht standzuhalten scheint, daß ja nicht das Glückstreben der Einzelpersönlichkeiten aus seine Rechnung kommt, sondern diese im Gegenteil dem Interesse des Staatswohls unbedenklich preisgegeben werden.