KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 736 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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wohin jener Weg geht! Wir dürfen dem gesunden Wirklichkeitsgefühl unsrer deutschen Glaubensbrüder vertrauen, daß sie Traum und Wirklichkeit zu scheiden wissen werden, sodaß sich bald wieder alle Kräfte zu den dringenden, für Träume keine Zeit lassenden Gegenwartsaufgaben zusammenfinden. IV. Wir würden die Geschichte des K. C.-Gedankens nur unvollständig darstellen, wollten wir nicht zum Schluß die gewaltigen Einwirkungen wenigstens andeuten, die gerade von der Gegenwart mit ihrem großen, die tiefsten Grundlagen unseres Fühlens erschütternden Geschehen ausgehen, Einwirkungen, die weit nachhaltiger die Zukunft der deutschen Juden bestimmen werden, als wir es heute wohl verspüren. In den Streit um das, was an unserem Judentum und an unserem Deutschtum tote Beriffe und was lebendige Wirklichkeit ist, tritt as große Erlebnis unsrer Tage, jenes „machtvolle Heraus aus unfern sonstigen allzumenschlichen, vitalen und leiblichen Bedingtheiten" und die so ermöglichte volle „Erkenntnis der Realität der Natton als geistige Gesamtperson", wie Scheler in seinem gedankenreichen Werk „Der Genius des Krieges und der deutsche Krieg" in klarer Schärfe es uns auseinanderzusetzen weiß: „Im Kriege erst werden sich jene großen machtvollen geistigen Kollektivpersönlichkeiten, die wir „Natton" nennen, ihrer Existenz und ihres Wesens voll bewußt. Im Frieden ist die Natton für ihre Glieder mehr ein symbolischer Begriff als ein anschauliches, erlebtes selbstdaseiendes Etwas - mehr eine komplizierte Kollektton und Relatton als eine substanttelle Person. Erst im Kriege wird dieser Begriff mit jener Anschauung und jenem geheimen Leben erfüllt, die auch noch im Frieden sein, hier nur sür Anschauung und Gefühl unerreichbares Fundament bildenerst hier wird die gleichsam konstttuttonelle, in der Friedensegoität begründete metaphysische Täuschung, Nation sei ein bloßer Beziehungskomplex oder ein mehr oder weniger künstlich zusammengebundenes Kollektivum, klar durchschaut. Jetzt erst meinen wir voll das große geistige Wesen zu schauen und zu suhlen, dem wir alle als seine Glieder angehören und das uns erst jetzt als bloße „Glieder" stürmisch zu sich an sein pochendes Herze reißt.... Die Realität der Nation wird hier dem geisttgen Auge wahrhaft sichtbar und greifbar und die ihr im Frieden zuerteilte Rechtfertigüngspflicht ihrer Realität vor dem Einzelbewußtsein fällt nun umgekehrt aus das Einzelbewußtsein als Last der Rechtfertigung zurück. Jeder empfindet nun, es sei viel selbstverständlicher und sehr viel evidenter, daß die Natton „sei" als daß er selber „sei"- und jeder empfindet, er müsse sein Sein vor ihr, der Natton rechtfertigen und durch Tat verdienen nicht aber wie vorher sie vor ihm." Diese „erkenntnisdisponierende Bedeutung sür absolute Wirklichkeiten", die dem Kriege eignet, muß natürlich auch unser Problem der Stellung der deutschen Juden zum Deutschtum in voller „Anschauungsreinheit" erhellen. In diesem Zusammenhang erweist sich der Krieg als die gewalttge Probe für unsre Gemeinschaftsgefühle. Nur das, was echt und ungekünstelt ist, kann sich in dieser Probe bewähren. Was innerlich zusammengehört, was wirklich „Glied" des Ganzen ist, das fühlt sich mit elementarer Gewalt „an oas pochende Herz" des „großen geistigen Wesens" gerissen, von dem Empfinden erfüllt, daß es vor diesem „das eigene Sein rechtferttgen und durch Tat verdienen" müffe. Hören wir zu diesem Gäwnkengang noch, wie Schwarz in seiner echtgefühlten Schrift „Der Krieg als nattonales Erlebnis^ diese mitreißende, alle Gefühlsgrundlagen offenlegende Kraft des Krieges für uns Deutsche treffend kennzeichnet: „Schiller konnte mahnen, sich ans Vaterland anzuschlietzen, well damals noch dem einzelnen Deutschen die Wahl gelassen war, sich ein irdisches Vaterland zu erstreiten oder der Bürger einer außerweltlichen Gemeinschaft der Geister zu bleibensür uns steht nach den Jahren der Sehnsucht und des Leidens, nach den Kriegen, die Uns die Einheit brachten, und den 44 Jahren friedlicher Arbeit im Schutz des Reiches diese Frage nicht mehr zur persönlichen Entscheidung. Das Erleben der nattonalen Zusammengehörigkeit passiert nicht mehr die Schranke einer Ueberlegung, eines sich aufraffenden Entschließens - es ist eine unmittelbare Notwendigkeit von einer Evidenz, wie sie nur eine im Grunde der Seele empfundene und darum geglaubte Offenbarung besitzt." In der Tat, glaubte man vorher in einzelnen Kreisen, es sei Frage des Willens, wie man zu seinem Deutschtum stehe, — der Krieg hat uns gelehrt, daß das deutsch-nationale Zusammengehörigkeitsgefühl uns alle ohne Unterschied in urwüchsiger, von der persönlichen Entscheidung durchaus unabhängiger Kraft lebendig erfüllt. Der Krieg bedeutet für diejenigen deutschen Juden, die zuvor alles auf das einseitig gefühlte Erlebnis ihres Judentums gestellt haben, das endlich hinzutretende Erlebnis des Deutschtums. Die Grundlage des K. C.-Gedankens — treue Hingabe in gleicher_Weise an die deutsche Heimat wie an die jüdische Religionsgemeinschaft — findet in diesen Tagen ihre jeden WÜrerspruch zum Schweigen bringende Bekräftigung. Die harmonische Einheit 'unsres Deutschtums und unsres Judentums, die man so oft in Zweifel gezogen hat, bewährt sich gerade jetzt, wo der deutsche Jude in der ungehemmten Möglichkeit,