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KC-Blätter · 1916-09-01 · Heft 13 (September 1916) · p. Seite 735

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Journal
KC-Blätter
Volume
1916-1917
Issue
Heft 13 (September 1916)
Date
1916-09-01
Page
Seite 735 (sequence 29)
Language
German
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735 L unfruchtbare Streben nach Teilnahme am heimatlichen Kulturleben als ein erniedrigendes Nachlaufen zu verwerfen sei. Wer wiederum ein organisches Hineinwachsen der deutschen Juden in die deutsche Kultur anerkennt, fordert dennoch die Loslösung von den bisherigen Lebensformen, weil nur fern von dem uns angeblich wesensfremden Deutschtum unsere jüdischen Persönlich, keitswerte sich frei und rein entwickeln könnten. Wo man vollends zugeben mutz, daß dem deutschen Juden sogar ein wesentlicher akttver Anteil an dem deutschen Geistesleben zuzusprechen ist, versteigtmansich zu der ungeheuerlichenJormulierung, datz wir uns die Verwaltung fremder Kulturgüter anmatzten und uns bescheiden von dieser uns nicht zukommenden Tätigkeit zurückzuziehen hätten. Das Schlagwort der „inneren Entzweiung", der „geistigen Zerrissenheit" taucht auf, um uns die frohe Bejahung unseres deutschvaterländischen Gefühls zu verkümmern. Datz man erst durch solche Begriffsverwirrung den deutschen Juden in seinem natürlichen Fühlen unsicher macht, ihn des inneren Halts gerade beraubt, indem man ihn aus dem Kulturgefüge seiner Lebensgemeinschaft herausreißt und ihm zumutet, in dem Flugsand einer Phantomkultur neue Wuseln zu schlagen, wird man nicht gewahr. Es ist nach dem Dargelegten verständlich, datz, je klarer sich dieser wahre Kern der nationaljüdischen Bewegung herauskristallisierte, um so schärfer die gegen den K. C.-Gedanken gerichtete Tendenz offenbar werden mutzte. Viele von uns haben anfangs mit gewissem freudigem Interesse der neuen Bewegung zugesehen, so sehr sie auch an ihr instinktiv das Fremde und Unnatürliche herausfühlten. Mit dem allmählichen Hervortreten der wahren Ziele der neuen Bewegung aus der gärenden Entwicklung wurde aber die Schar der „sympathisch Gegenüberstehenden" gewahr, datz sie bisher über der Freude am selbstbewußt-jüdischen Tun der neuen Bewegung den gefährlichen Irrweg nicht klar erkannt hatten, der dort von vornherein eingeschlagen worden war. Jetzt trat an die Stelle der anfänglichen Sympathie die ilm so schmerzlicher empfundene Erkenntnis, datz von dieser Bewegung — so ehrlich sie es mit ihrer Liebe zum Judentum auch meint — eine gewaltige Gefahr für die deutsche Judenheit und zugleich für das gesamte Judentum droht. Die Gefahr erschien um so dringender, als wir wahrnehmen mutzten, datz die meisten deutschen Anhänger der neuen Bewegung mit blinden Augen dort, wo sie aufzubauen meinten, gerade an der Vernichtung unsrer Wesensart arbeiten, mit blinden Augen, indem sie sich nicht bewutzt sind, was das Deutschtum unsrer Persönlichkeit bedeutet, wie wenig sie aus unserem innern Sein das auszumerzen vermögen, was aufzugeben gefordert wird. Der deutsche Zionist wurzelt sicher mit der gleichen urwüchsigen Liebe in der deutschen Volksgemeinschaft wie wir andern deutschen Juden. Wo wir die Forderung, der deutschen Kulturgemeinschaft zu entsagen, mit dem vollen Bewußtsein der Tragweite dieses Verlangens ausgesprochen finden, sind es auch meist östliche Juden und nur selten einige ihrer westlichen Schüler, von denen sich freilich einer in seiner Entfernung von aller Wirklichkeit sogar bis zu dem ..großen Haffen" alles Deutschen verstiegen hat. Wenn deutsche Zionisten ihre Beziehungen zum deutschen Vaterland in den durch den Gesetzesbuchstaben festgelegten Rechtsbeziehungen erschöpft meinen oder gar vom „Gast" und „Wirtsvolk" sprechen, tun sie das sicherlich in unbewußtem Widerspruch zu der Fülle der natürlichen Gemeinschaftsgefühle, die sie in Wahrheit mit der deutschen Heimat, ihrer Sprache und Kultur, mit der deutschen Vergangenheit und Gegenwart ebenso wie mit deutscher Zukunft verbinden. Gerade deshalb sehen wir mit um so größerer Besorgnis, wie jene Kreise zunächst in ihren Gedanken, aber auch bereits .in ihrem Tun sich in eine jede gesunde Entwicklung erstickende Ghettoatmosphäre einschließen und alles lebendige Fühlen für ihr Deutschtum abtöten, dem Traumbild einer ihren wahren Bedürfniffen entgegengesetzten Phantasiekultur nachgehend. Diese schwere Besorgnis durfte uns nicht länger schweigen lassen. Wir sahen die Pflicht, durch unsern Mahnruf die von einem unwirklichen Judentum Träumenden in die Wirklichkeit zurückzurufen. So wurde denn zuerst in unserm Verband jenen nationaljüdischen Kreisen zugerufen: wir können den „Boden deutsch-vaterländischer Gesinnung" nicht verlassen, unser Wirken sür die jüdische Gemeinschaft darf des Bewußtseins nicht entraten, daß wir deutschen Juden „einen durch Geschichte, Kultur- und Rechtsgemeinschaft mit dem deutschen Vaterland unlöslich verbundenen Bolksteil" bilden! In gleicher Weise hat der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens verkündet, daß an der von Anbeginn geübten „unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung" festzuhalten sei und eine Lösung der deutschen Judenfrage nur auf dem deutschen Heimatsboden zu billigen sei. Es ist das erste Mal gewesen, daß der im Geist einmütiger Zusammenarbeit aller deutschen Juden geschaffene und betätigte K. C.-Gedanke genötigt war, einer Sondergruppe der deutschen Juden aus Gründen der Notwehr entgegenzutreten. Wir sahen, es blieb keine andre Wahl. Und letzten Endes dürfen wir feststellen, daß nur diese klare Gegenüberstellung des Wollens hier und dort uns aus dem Wirrsal der letzten Jahre herauszubringen vermag. Sorgen wir dafür, daß allen deutschen Juden klar und unverhüllt zur Erkenntnis kommt, wohin unser Weg und

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