KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 734 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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734 Führer an, daß Palästina nur für einen geringen Bruchteil der Juoenheit wirtschaftlich aufnahmefähig ist) man begnügt sich deshalb für Palästina mit der „Miniatur" eines jüdischen Volkes als dem geistig-nationalen Zentrum für die in den Ländern der Diaspora verstreut bleibenden Splitter der Judenheit, die aus diesem neuen Nährboden ihre geistige Nahrung gewinnen sollen und sich — in national-kultureller Autonomie — von der „moralischen 'Knechtschaft gegenüber dem sie umgebenden fremden Milieu" freimachen sollen. Wir haben oben für den politischen Zionismus zwei entscheidende Abweichungungen von der bisherigen allgemeinen Anschauungsweise festgestellt, die Uniformierung der gesamten Judenheit unter Zugrundelegung der außergewöhnlichen Verhältnisse der Ostjuden, ferner als notwendige Folge dieser Allheilmittelmr die für die Westjuden widernatürliche, mit dem bisherigen Hoffen brechende pessimistische Grundnote. Diese beiden Neuerungen finden wir, wie schon die bisherigen Erörterungen erkennen lasten, in dem neuen Kulturzionismus wieder; ihre Übertragung auf die geistigen Beziehungen bedeutet die Verschärfung der Gegensätze bis zum äußersten, sodaß die neue Bewegung nunmehr an die tiefsten Gefühlsgrundlagen der deutschen Juden rührt und den K. C.-Gedanken in seinem innersten Kern angreift. Nicht mehr handelt es sich um abweichende Auffassungen in äußeren Dingen, sondern es ringt jetzt Weltanschauung mit Weltanschauung um die Herrschaft, welche von beiden fortan den Weg der deutschen Juden bestimmen soll. In weiterer Ausführung der Gleichstellung der Dinge im Osten und im Westen wird also jetzt der deutsche Jude auch mit allen seinen inneren, kulturellen Bedürfnissen in die nach dem ostjüdischen Modell gefertigte Zwangsjacke gepreßt. Die kleinen Sondermlturansätze im Osten werden zur jüdischen Kultur schlechthin erhoben und der jüdischen Gesamtheit als das geistige Brot dargeboten. Das „Banner des Jargonnationalismus", so von Achad Haam selbst, in dieser Frage von der Mehrheit abweichend, bezeichnet, wird für die gesamte Judenheit entfaltet. Man ist blind dagegen oder sieht es — oer erste Schritt zurück zur Wirklichkeit! — nur langsam ein, daß die besonderen Kulturäußerungen des Ostens, so sehr sie unser Interesse verdienen als beredte Dokumente der Ghettonot und der dennoch unzerstörbaren geisttgen und sittlichen Lebenskraft der östlichen Stammesbrüder, so verwandt sie uns durch ihre ehrwürdigen religiösen Bräuchen entlehnte Grundstimmung berühren, in Wirklichkeit doch in der besonders gearteten, unnatürlich gehemmten Lebensgemeinschaft der östlichen Juden ihre Grundlage und ihren Inhalt haben, daß sie gerade in der engen Begrenzung als Ghettokultur der Ostjuden ihre Bedeutung finden. Allen jenen Schöpfungen ist nichts eigen, was auf eine allen Juden gemeinsame Form des Denkens und Fühlens hinweist; eine einheitliche jüdische Geistesart wird durch diese ostjüdische Kultur in keiner Weise dargetan. Im Grunde genommen sind, wie neben der Tracht der Ostjuden gerade der zuverlässigste Messer der Kulturzugehörigkeit, ihre Sprache zeigt, die gesamten Lebensformen der Ostjuden ausgebaut auf den deutschen Kulturformen des Mittelalters, durch die jene Massen hindurchaegangen sind und die sie in ihrer östlichen Enklave durch Verbindung mit jüdisch-religiösen Gewohnheiten und unter vereinzelten Nachahmungen der polnischrussischen Umgebung zu einer neuen, vom Deutschtum freilich reichlich entfernten Art verarbeitet haben. Wollen wir uns bei dieser Gelegenheit auch darüber klar sein, daß man sich leider nicht gescheut hat, so manche Ghettounkultur, gewisse durch die Gyettonot zu erklärende Erziehungsmängel zur Vermehrung der geisttgen Sonderart in entsprechender Beschönigung zu verwerten, während wir doch als schwere Kränkung es zurückzuweisen gewohnt sind, wo nichtjüdische Kreise in übelwollendem Vorurteil oder in mangelndem historischen Verstehen solche zufälligen, in ernster Erziehungsarbeit von uns bekämpften Fehler zu wesentlichen, dauernden Eigenschaften der Juden zu stempeln unternehmen. Die in der Bezweiflung an der Umgebung und in dem Loslösen von ihr sich äußernde pessimistische Grundstimmung der nattonal-jüdischen Bewegung, wie sie, den östlichen Verhältnissen entnommen, den westlichen Juden suggeriert werden sollte, wuchs sich jetzt zur Forderung der Entwurzelung der deutschen Juden aus ihrer deutschen Gemeinschaft aus. Das deutsche Gemeinschaftsgefühl, der deutsche Kulturwille der deutschen Juden ward der neu zu schaffenden nattonal-jüdischen Kultur zum Hindernis, das zu beseittgen als die erste und wichttgste Aufgabe erschien. Der deutsche Jude mußte aufhören, Deutscher zu sein, bevor eine allgemeine jüdische Kulturbewegung Raum hatte. Nur durch die Konstruktton einer „Entjuduna" der deutschen Juden war der ersehnte universelle jüdische KultuiMsammenhang, wenigstens in der Theorie, zu retten. Der Ruf nach „mehr Judentum" bedeutet in Wirklichkeit — den Rufern selbst kaum bewußt — „Los vom Deutschtum!" Man packt den deutschen Juden an seiner lebendigen Liebe zu seinem Judentum und trachtet, ihn, angeblich im Namen dieses Judentums, seinem Deutschtum zu entfremden. Man sucht dem deutschen Juden einzureoen, daß er in allen seinen Kulturäußerungen nie Deutscher geworden sei, stets ein geistiges 'Sonderleben als Fremder geführt habe, daß gerade deshalb das