KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (September 1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- Seite 733 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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neue Bewegung nicht sehen. Da man die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte sür das jüdische Volk wollte, mutzten eben alle Juden der Welt — zum mindesten in der Theorie - sich mit der den Ostjuden bereiteten Zukunft solidarisch erklären und auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse verzichten. In diesen beiden Besonderheiten erschöpfte sich zunächst im wesentlichen das Neue an der jungen zionistischen Idee, die kraft der großen Persönlichkeit ihres deutschen Führers und auf der Grundlage des Mitgefühls sür die östlichen Brüder sich unter den deutschen Juden eine nicht unbeträchtliche begeisterte Gemeinde schaffen konnte. Daß in Wirklichkeit der Gedankengang der neuen Idee dem deutschen Juden eine völlige Wandlung in seinen Beziehungen zum Deutschtum aufnötigte, daß man das nationale Band der deutschen Gemeinschaft zu zerschneiden unternahm, um — jenseits von Religion.— ein alle nationalen Schranken niederlegendes, jüdischnationales Band zur inneren Verbindung der einzelnen Teile zu knüpfen, kam nicht recht zum Bewußtsein. In dem Begriff „jüdisches Volk", dem gedankenlos übernommenen, in Wahrheit damals unklarsten Begriff des sonst farblosen Programms, sah Herzl nicht eine unserm deutschen Volkstum gleichzusetzende und deshalb gegensätzliche jüdische Kulturgemeinschaftnicht positive Güter des Geistes sind ihm die Träger des „jüdischen Volkes^, ihm erscheinen die Juden deshalb als Volk, weil „der Feind uns gegen unfern Willen dazu macht". Daß die kulturelle Verschmelzung der westeuropäischen Juden mit ihrer Umgebung als „Entjudung" zu bewerten und rückgängig , zu machen sei, sind dem Herzlschen Jdeengang unbekannte Vorstellungen. Herzl stellt sich die Zukunft so vor, daß wir auch in dem neuen Gemeinwesen das bleiben, was wir jetzt sind. Aus diesem Gedankenkreis kam Herzl sogar dazu, die hebräiscke Sprache als allgemeine Verkehrssprache abzuleynen. Die äußere Hebung und Befreiung der Juden, nicht eine in n e r e Wandlung des Iud entums, war zunächst der Inhalt der neuen Bewegung. Die hier zuerst als Problem geformte allgemeineJudenfrage erscheint als bloße äußere Judenfrage. Soweit - sind die ersten Führer. der jungen Bewegung als deutsche Juden noch von dem ihnen unbewußten Gefühl des: festen Zusammenhanges mit' der? heimatlichen-Kulturerfüllt, daß ihnen das Zerreißen der sie geistige an das Deutschtum knüpfenden Bande widernatürlich erscheint. Man leseunter diesem Gesichtspunkte die Berichte über die. ersten zionistischen Kongreffe und: die. dazu von Achad- Haar» (Ginzherg) zum Unwillen‘ der? offiziellen Zionisten i geschriebenen kritischen Aufsätzein unerbittlicher-Klarheit deckt der damals noch gegen den allgemeinen Strom schwimmende Antftwde Her^ls die widerspruchsvolle Haltung der westlichen Führer auf, die sich jeder praktischen Arbeit im Jntereffe einer jüdisch-nationalen Kultur widersetzen und entgegen der „schönen Phrase" von der „Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" nach der eigenen offiziellen Erklärung überhaupt nicht wissen, was jüdische Kultur fei und was sie mit dem Zionismus zu tun habe. Dem von Tag zu Tag wachsenden Einfluß Achad Haams, des scharfsinnigen ostjüdischen „Praktikers", zweifellos des bedeutendsten Kopfes der neuen Bewegung überhaupt, und dem Wirken der sich ihm anschließenden „westlichen Schülers blieb es Vorbehalten, durch Abkehr von dem bloßen äußeren „politischen" Wollen zur inneren, Lrlturellen Bewegung dem neuen Gedankengang den folgerichtigen Ausbau zu geben. Hatte' den deutschen Führern das natürliche Empfinden für die Wirklichkeit in dem logischen Zuendedenken ihrer Idee Halt geboten, so waren dem östlichen Führer und überhaupt den östlichen Juden solche Bedenken eben wegen ihrer historisch ganz anders bedingten Art durchaus fremd. Sie sorgten denn auch, je mehr sie an Einfluß gewannen, dafür, daß man nicht auf halbem Wege stehen blieb. Das dem „jüdischen Volk" gewidmete Werk wurde in der ihm auf den Weg gegebenen Entwicklungstendenz weiter gedrängt, die geistig-kulturelle Vereinheitlichung als die Voraussetzung der äußeren Zusammenfassung zum Judenstaat betrieben. So vollzog sich denn in unseren Tagen die Umstellung der äußeren zur inneren Judenfrage. Rach den inneren Wesensgrundlagen des Judentums selbst, zugleich nach den individuellen Kulturgütern der' einzelnen Juden streckte nunmehr die neue Bewegung ihre Hände aus. Religion und Stammesgemeinschaft, das auf dieser Grundlage gepflegte jüdische Gemeinschaftsgefühl, reichten nicht mehr hin. Ein kultureller, alle Lebensäußerungen durchdringender Zusammenschluß aller Juden ward das Ziel der „jungjüdischen Bewegung", unter Aushebung jeder inneren Gemeinschaft mit dem Volksganzen, in dem unsere Väter und Barväter ihre Heimat gehabt haben. Als „innere. Wiedergeburt" oder „Renaissance^ des Judentums, als „Befreiung von der inneren Knechtschaft" wird das neue Streben formuliert. Die Befreiung der Juden, insbesondere der ostjüdischen Mafien aus ihrem äußeren Kerker,. die dringende Tagesförderung, die der Ausgangspunkt der. ganzen Bewegung war, tritt gegenüber dem neuen Wollen völlig in den Hintergrund und wird einer fernen Zukunft überlassen. Ja, in allen diesen äußeren Dingen nüchterner und „praktischer" denkerö als die „politischen" Vorgänger, erkennen die neuen