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KC-Blätter · 1916-07-01 · Heft 12 (Juli 1916) · p. Seite 703

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 12 (Juli 1916)
Date
1916-07-01
Page
Seite 703 (sequence 41)
Language
German
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sorgen, sein Hoffen und Wünschen «erstattet. Und die tiefste aller religiösen Bewegungender Chassidismus, wird zwar nicht systematisch geschildert und erklärt, aber der Leser verspürt ihn in fast jeder Gestalt, die chm im Buche entgegentritt, und er lernt chn in seinen Wirkungen wie in den Anregungen und Tröstungen kennen, die der gedrückten leidvollen Seele des armen Juden durch chn gegeben worden sind. Der Bilderschmuck ist — mit Ausnahme der Karikatur auf dem Einband — sehr zu loben, sowohl was die Auswahl der Bilder wie die Wiedergabe anbetrifft. F. G. Matti Aikio, der Lappe, Der Sohn des Hebräers. Roman. Autorisierte deutsche Ausgabe von Niels Hoyer, 1914, München. Georg Müller, Verlag. 240 Seiten. „Ich gebrauche Matti Aikios eigene Worte: „Es ist eine Perversität, Lappe zu sein." Mit diesen Worten beginnt Niels Hoyer das Geleitwort, das er dem Roman voranschickt. Droben in den Finnmarken wohnt ein zähes, kerniges Bauernvolk. Bodenständig klebt es an der ererbten Scholle, getreu seinem uralten, von den Vätern ererbten Beruf: Rennrierherden zu züchten. Matti Aikio aber wollte mehr sein als das: Nach idealeren Zielen strebte er und die Bildung der Welt gedachte er in sich aufzunehmen. Doch das ist gegen die Tra. dition, und so mutzte er die Heimat verlassen. Als ein verlorener Sohn seines Volkes. So ist der heimatverlorene Lappe zum Outsider geworden. Das Buch, in dem nun Mattt Aikio seine Lebensschicksale erzählt, ist nicht eine Beschreibung seines eigenen Lebens, eS ist vielmehr eine Maskerade. „Der Jude," sagt Hoyer in seinem ungemein zum Verständnis des Ganzen beitragenden Vorwort, „ist die Maske. Aikio hat recht: Der Lappe <der heimatverlorene Lappe wohlverstanden! und der Jude sind Brüder: Outsider. Das Kleid, die Farben find verschieden. Die Last aber, die sie beide, in der europäischen Welt ihr Leben entwurzelt lebend, dahinschleppen, ist eine gemeinsame, hat gleiche Quelle, gleiche Demut: das Ewig-Fremdsein, Niemals-Aufgehen-Können in Europas Temperament, mag es das germanische, slavische öder romanische sein!" Soweit Hoyer. Wenn wir diese Zeilen lesen, so vermögen wir uns in der Tat eine rechte Vorstellung von dem Lappenvolke und dem Outsidertum Matti Aikios zu machen. Aber wenn er die Lappen mit den Juden vergleicht, so können wir ihm beim besten Willen nicht folgen. Wenn das Buch, die Lage der Juden vor zweihundert Jahren schilderte, so lietze sich ja allenfalls darüber reden. Aber datz die Juden, die seit langem einen tättgen Anteil an Europas Geistes-, Kultur- und Wirtschaftsleben nehmen und auch, soweit sie Deutsche sind, in gewaltigem Matze an dem blutigen Ringen Deutschlands um seine nationale Eigenart teilhaben, heute noch „ewig-fremd" der europäischen Kultur sind, das vermag doch selbst der fanatischste Antisemit oder Zionist nicht zu behaupten. Wer also das Hoyersche Geleitwort gelesen und die eben erörterten Betrachtungen daran geknüpft hat, der glaubt nun, wie auch ich glaubte, einem antisemitischen Tendenzroman gegenübedstehen. Wenn dem wirklich so wäre, so wäre eigentlich mit einer ablehnenden Kritik des Geleitworts auch schon unser Urteil über den Roman als solchen gefällt. Aber können wir wirklich annehmen, datz Matti AMo, der Sproß eines naiven Bauernoolkes, der, wie ihm Hoyer bestätigt, nie unter Juden gelebt und nie von Juden gewußt hat, in seinem Erstlingswerk der Verfechter des anttsemittschen-Raffenwahnes sein soll? Schon das können wir nicht glauben, und wenn wir sein Buch gelesen haben, so komme» wir von Sette zu Sette immer mehr zu der Ueber-? zeugung, datz in ihm trotz mancher uns unangenehm berührender Stellen irgend eine Tendenz keine» Platz hat. Und darum wollen wir es nicht durch die Hoyersche Brille betrachten. Wir wollen es mit rein künstlerischem Auge beschauen, und ich glaube, datz wir dann diesem rem schönltterarischen Werke am meisten gerecht werden. — David Hesmon ist der Sohn einer jüdischen Hausiererfamilie. Seine Ettern haben die Finnmarken bereist, und als sie nicht mehr in der Lage gewesen sind, ihr Kind mit sichzu führen, haben sie es bei einem alten, kinderlosen lappischen Ehepaar untergebracht, das David ganz wie seinen leiblichen Sohn auUeht. Hier wächst der Kleine auf, hier wird er exogen wie die andern Bauernkinder um ihn herum, hier nimmt er an ihren Spielen teil wie ihresgleichen. Frühzeittg wird er christlich gelaust, aber seine Pflegeeltern verheimlichen ihm seine jüdische Herkunft nicht. Da durchzieht ein jüdischer Händler, Jbram, die Gegend. Er bemerkt den kleinen David und zieht ihn ins Gespräch. Das macht einen gewalttgen Eindruck auf unfern Helden. Als Jbram sich auf den Weg macht, hält es David nicht länger bei seinen Pflegeettern. Einem dunklen Drange folgend, verlätzt er seine Berge und stützt Jbram nach. Er schlietzt sich ihm an und durchwandert an seiner Seite ganz Norwegen. In Christiania finden wir David wieder. Das Hausiererleben hat ihm doch nicht behagt, so wie Matti Aikio das Renntterzüchten nicht befriedigte. Auch er will höher hinaus, und da ihm seine bildnerische Begabung den Weg weist, so läßt er sich als Bildhauer nieder. Sein erstes Merck findet allseittgen Beifall, und so gelangt er bald in die matzgebenden Künstlerckreise der Hauptstadt. Sein Ehrgeiz treibt ihn, einen langgehegten Plan auszuführen. Er macht sich an die bildnerische Gestaltung Christi. Doch sein anfänglicher Erfolg wandelt sich ins Gegenteil. Eine schwere Enttäuschung hat ihn ereilt, er verzweifelt an seinem Beruf und er verwandelt seine Schöpfungen in einen wüsten Trümmerhaufen. Und als er vollends entdeckt, datz seine Freundschaft mit der kunstbegeisterten Jda Been nicht wahr werden kann, da flieht er die verhatzte Hauptstadt und flieht hinaus in die Berge, in das Land seiner Kindheit. Hier trifft er alles ohne viele Veränderungen wieder. Er wird erkannt und freudig begrüßt. Aber ein alter Aberglaube, der schon in seiner Jugend bestanden hat, lebt wieder auf. Er vergiftet ihm alle Herren, und so geht er abermals in die Fremde. In Polen vollendet sich sein Geschick. Er erinnert sichdatz seine Eltern in Polen geboren seien, und so macht er sich auf, seine Verwandten au^usuchen. Bald gelangt er in den Geburtsort seiner Ahnen, eine mittelpolnische Stadt, nicht anders als die andern Städte in Russisch.Polen. Bald erfährt er, daß hier eine alte Frau lebe, die ihm als seine Tante bezeichnet wird. In ihrem Hause lernt er Judith, die Tochter eines angesehenen jüdischen Bürgers kennen. Nach kurzer Zeit sind sie ein Paar. Er nimmt seinen Bildhauer, beruf wieder auf und versucht sich nochmals an der Christusidee. In plastischer Schönheit ersteht das Bttd des Erlösers. Doch die Juden der Stadt nehmen Anstotz an seinem Werk. Ihre Zeitung beschimpft ihn, und eines Tages findet er sein Atelier in Flammen. Alles wird vernichtet, allein das Bildwerk trotzt der Glut des Feuers und bleibt erhalten. Von nah. und fern strömen die Bauern zusammen, um das Wunder zu bestaunen. Da packt David der Wahnsinn. Er steigt auf den Sockel der Slawe, weist auf das ihr absichtlich gegebene jüdische Antlitz und brüllt den Bauern zu, sie

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