KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 12 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 698 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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philosophische Studium im weitesten Sinne, dem früher die Eigenberechtigung als Sonderfakultät abgesprochen wurde, da' man es als selbstverständliche Voraussetzung der übriaen Fakultäten auffaßte, weshalb noch heute in Preußen jeder Student zuerst ins Album der philosophischen Fakultät eingetragen wird, gibt dem einzelnen die Grundlage zu einer im heutigen Leben für einen Gebildeten unerläßlichen allgemeinen Belehrtheit. Wann hat der, der es versäumt, sich im Entwicklungsalter mit den Quellen der Allgemeinbildung vertraut zu machen, wohl noch später Gelegenheit hierzu? Ist die „Burschenzeit" entschwunden und der Beruf zwingt den Philister nach bestandenem Examen, für andere und nicht mehr für sich zu arbeiten, so soll er nicht mit Schaudern und Trauer an eine unnütz verbrachte Studienzeit zurückdenken, in der er das Gute, das ihm die alma mater hat bieten können, verschmäht hat. - Wenn die Korporation in solcher Weise ihre Mitglieder vhne Zwang und unter Ausnutzung der individuellen Anlagen und Geistesrichtungen erzieht, dann wird sie mit Freuden ein stetes Wachsen ihrer Mitgliederzahl gewahr werden: Denn -welche Eltern wollen nicht, daß ihr Sohn in Hände fällt, die sein geistiges Gedeihen fördern und zu verdoppeltem Streben anregen? Und nun gerade zu unserem Verbände! Können wir K.C.er die Wahrheit unserer Tendenz, das Einsftthlen der deutschen Juden mit ihren Mitbürgern, den Aktiven besser empfinden lassen, als wenn wir ihn antreiben, sich mit Werken deutscher Meister, deutscher Kunst, Literatur und Musik zu beschäftigen, damit er sieht, wie sehr uns diese Werke Herz- und gemüts^ verwandt sind, wie ihre Verfasser uns oft „aus der Seele": -gesprochen haben, wie es nur ein Volksgenosse mit gleichen Anschauungen, gleicher Gefühlswelt und gleichem Empfindungswesen zu tun vermag. Muß er dann nicht praktisch erkennen, wie haltlos der antisemitische Standpunkt ist, wir seien ein Fremdkörper im deutschen Volke, der deutschem Wesen verständnislos gegenübersteht. Und wie können wir besser unseren Aktiven die Erhabenheit und Schönheit jüdischer Religion und jüdischer Wesensart, jüdischer Geschichte und Ethik zeigen, als daß wir sie fortesetzt anregen zur Beschäftigung mit Werken exvorragenoer Juden aller Richtungen, mit Schriften über unsere Gotteslehre und Kultur. In dieser Weise können wir unserem K. C.- Jdeale .die schönste Ausdrucksform gewahrem Das jüdische Akademihergeschlecht, das den K. C.- Korporationen entstammt, wird gepanzert sein mit dem Rüstzeug einer vielseitigen allgemeinen und besonderen deutschjüdischen Bildung, die ihm für die-: Folgezeit j neben der Achtung - seiner Mitbürger eine Verachtung aller Nichtstuer auf den Weg gibt. Wir ziehen ein Geschlecht heran, das überall seinen Mann steht, das im öffentlichen Leben als Staatsbürger, innerhalb der jüdischen Gemeinden als treu verläßlicher Arbeiter und im privaten Verkehr als feste, ehrenhafte Persönlichkeit Segen wirkt. aus zwei Quellen?) Kein Roman, ein Buch des Lebens! Voll esunder Wirklichkeit und natürlicher Kraft, voll arten Kampfes und zarten Empfindens. Ein Buch, aus dem uns der Duft deutscher Wälder begrüßt und der schmeichelnde Ton altjüdischer Sitten und Weisen, ein Buch, geboren in der Kraft des deutschen Bodens und des jüdischen Geschicks, durchwoben von der zarten Lyrik des deutschen Schwärmers und des jüdischen Herzens!— Bor uns liegt das Leben eines jüdischen Menschen. Es ist kein Roman! Es ist das ewig alte, ewig neue schmelzerfüllte Kampsleben des „gleichberechtigten" Juden. Jfeder von uns, jeder in seiner Art, hat es t, lebt es noch. Bon dem Augenblick an, wo sich zum ersten Male zwischen dem jüdischen Kind und dem christlichen Spielgenoß das graue Gespenst einer künstlich gezüchteten Fremdheit hineinstellt, läßt es uns nicht mehr los, stellt es uns immer und immer wieder vor neue Fragen, neue Charakterproben, neue Entscheidungen. So tragen wir alle in uns von dem tausendfachen Leid jüdischen Schicksals! Und so auch Loewenbergs „Moses Lennhausen"! Wir begleiten ihn, geführt durch eine einfache, prächtige Sprache, auf seinem Lebenswege durch Haus und Schule, über Seminar und Universität ins Leben hinaus — und immer wieder sehen wir auf seinem Pfade die wohlbekannten Gestalten auftauchen, sehen wir die hämischen Gesichter voll Selbstüberhebung und Spott, schaudern vor dem Ruse: „Still, du bist Jude" und „Jude, zurück". Wir sehen seine BrUst vor Schmerzen zerrissen, ihn seufzen unter der Last der Mitverantwortung für die Fehltritte und die Mängel anderer, sehen ihn zweifeln an sich selbst, sehen ihn seinem Judentum Alles opfern, Liebe Und Stellung und schließlich seine Heimat selbst, nur Eines nicht., „seine Ehre". Vor die Wahl gestellt zwischen äutzerm Glück und innerer Qual, zwischen Taufe und Anstellung, quillt ihm vom beladenen Herzen das stolze Wort des selbstbewußten Juden, das Bekenntnis, das seit Gabriel Rießer in *1 Roman von Jacob Loewenberg. Egon Fletschei, Berlin 1914.