KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 12 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 696 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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zu gelangen, die für seine Zukunst tonangebend sein soll. Man kommt dann häufig zu dem Ergebnis, nur der Nichtkorporierte kann sich solcherart betätigen, ohne durch die Beschränkungen des Berbmdungslehens in kommentmäßiger und tendenziöser Hinsicht an seiner geistigen Vervollkommnung und der Schaffung einer Persönlichleit gehindert zu werden. Es wird aus die „Freie Studentenschaft" hingewiesen, die ihre Mitglieder mustergültig zu vielseitiger Anregung anhält und Gelegenheit zur Bereicherung des Geistes in objektiver Weise gewährt. Aber sie fällt dabei selbst leider in den von ihr bekämpften Fehler der Einseitigkeit, indem sie von vornherein ihren Mitgliedern tendenziös einen korporattonsseindlichen Standpunkt ausdrängt und dabei die hohen Aufgaben des eigentlichen Korporationswesens und deffen wertvolle Seiten gröblich verkennt. Welches sind aber diese wahren Vorzüge, die eine Korporation ihren Mitgliedern bieten soll? Das moderne Korporationswesen soll die gesellschaftliche und persönliche Erziehung des Studenten herbeisühren. Diese Erziehung ist eine andere als die im Elternhaus und in der Schule genoffene. Man braucht nicht „unerzogen" im umdläusigen Sinne zu sein, um einer Korpörationserziehung zu bedürfen. Wo jene frühere Erziehung bedauerlicherweise fehlt, muß und kann naÄrlich die fehlende Kinderstube durch die Einwirkung der Korporation ersetzt werden. Im allgemeinen setzt aber erst mit Beendigung der häuslichen und schulmäßigen persönlichen Erziehung .die Kommenterziehung ein, in einem Zeitpunkt, da der Mulus gerade einer Anleitung und Stütze dringend bedarf. Das enge Schuljoch ist vorbei, das Elternhaus oft fern, und ohne jeden Uebergang sieht der junge Student plötzlich mitten in der viel verkannten) falsch aufgefaßten „akademischen Freiheit" als eine in vieler Hinsicht unabhängige, aus sich angewiesene Persönlichkett. Gerade die streng Erzogenen sind häufig diesem jähen Umschwung nicht gewachsen. Sie wissen sich in dem neuen Milieu nicht einzufinden, ihnen fehlt das richttge, objektive, aus Erfahrungen gestützte Urteil. Deshalb mißverstehen sie vieles und geraten in die Gefahr, zu entgleisen. Wie wesentlich ist da der Anschluß an gleichaltrige, einer gleichen gesellschaftlichen Schicht entstammende Studiengenoffen, der Ratschlag erfahrener älterer Bundesbrüder, die systemattsche Anleitung zu einer korrekten, ebenso von Vorurteilen und kleinlichen Skrupeln wie von unberechtigter Anmaßung und frivoler Selbstgefälligkeit befreiten LebenSWhrung. Die wesentliche Ausgabe der Korporationen ist, die Mitglieder fürs Lebm so zu erziehen, daß sie imstande find, sich stets in korrekter, ehrenhafter Weise zu benehmen, Unmanieren abzustreisen und sich in allen Lebenslagen bewußt zu sein, eine für sich verantwortungsvolle Persönlichkeit zu bilden. Nur berührt sei ferner der Segen, den das Korporationswesen in körperlicher Hinsicht den Mttgliedern bietet. Fecht- und Turnsport, vor allem der typisch studentische Sport des Manderns, der von alterSher die Vorliebe der Musensöhne gefunden hat und der nicht genug gepflegt werden kann, sie kräftigen nicht allein die körperliche Konstitutton, sie erwecken auch neue und schöne Ideale. Das Wandern erweitert den Gesichtskreis, hebt die Liebe zur Natur, macht mit neuen Verhältnissen bekannt und nährt nicht zum geringsten den Hang zum Romanttschen, dem köstlichen Kleinod der akademischen Jugend. Ich bin überzeugt, daß gerade die viel gepriesene und geschilderte Romanttk des Studentenlebens nur noch in den Korporattonen weitererhalten wird. Der Freistudent muß auf die typisch studenttsche Art der Romanttk, die nicht in äußeren Formen besteht, denn sie ist ein ttefinnerlicher Zug, verzichten. Nur der Korporattonsstudent kann den herrlichenStudentenliedern Eichendorffs,Scheffels, Roquettes, Mörikes jenes ideale Gefühl nachempfinden, aus dem heraus sie entstanden, aus der Begeisterung für Freundschaft, HeimatSliebe, Naturschwärmerei, der Liebe zur Schönheit und Freiheit. Sieht man die Pflege dieser Ideale als Aufgabe der Korporation an, so wird man die bunte Couleur, den Chorgesang, die Kneipe, die sogmannte Exklusivität, nicht als Selbstzweck, sondern als Symbol des Verbindungswesens auffaffen, in ihnen Anklänge an frühere der Romanttk mehr zugängliche Zeitperioden finden, die uns noch den Schatten einer Zeit reinsten Idealismus in die Gegenwart hineintragen. Der Hinblick auf die ideale Anregung, die das Korporattonswesen dem jungen Studenten zuteil werden laffen soll und die nicht unter Hinweis auf mancherlei Auswüchse, die einzelne Korporattonen traurigerweise zeitigen, verkannt werden darf, zeigt hie Fälschlichkeit des Vorwurfs, das Berbindungsleben Müsse zur Verflachung führen. Dabei haben wir bisher nur vom Korporattonswesen im allgemeinen gesprochen, ohne auf die für unS K. C.er naheliegende Frage von Tendenzverbindungen heranzugehen. ' Wer der Ansicht ist, das Korporattonswesen führe schließlich zu Oberflächlichkeit, Bildungsmangel und Trägheit, gibt zu erkennen, haß nach seiner Auffassung hiese Erscheinungen bei Nichtkorporierten zum mindesten seltenerbemerkbar sind, daß das Nichtakttvsein mithin eine conditio sine qua non zur Erlangung höchster