KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 12 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 688 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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688 der Weissagung der Propheten, daß die Verwirklichung des Judentums an unsere Zerstreuung unter die Völker der Erde gebunden ist. Diese Zerstreuung ist dermalen unsere geschichtliche Wirklichkeit. Die Wirklichkeit deS Zionismus widerspricht daher der Begriffswelt -er Propheten und der unseres gesamten philosophischen Rationalismus. Denselben Widerspruch gegen die mesfianische Weltmisston mit den Mitteln der allgemeinen Kultur blldet die Forderung Bubers aus besondere „jüdische Denkformen", „die von denen der europäischen Kultursprachen, unserer„Muttersprachen", verdrängt worden sind". Schon die Setzung der Muttersprache unter AnführungSstriche müssen wir von unserem verdächtigten Dualismus aus als eine Frivolität zurückweisen. Abgesehen aber von dem Problem der hebräischen Sprache, müssen die besonderen jüdischen Denksormen überhaupt als eine verhängnisvolle Absurditätgebrandmarkt werden. Lieber laffe ich mir noch den Mischen Schädel gefallen, als die spezielle Mische Logik. Und wenn die zionistischen Stilisten die Denkformen aus ein allgemeineres und angeblich intimeres Gebiet hinüberspielen möchten, so wird dadurch an der entscheidenden Bedeutung der Denksormen nichts geändert. Auch die mesfianische Misfion wird dadurch gelähmt. Sie beruht im Letzten Grunde nur auf der Gemeinschaft der menschlichen Denkformen in Logik und Ethik, bei allen Menschen und allen Völkern. Der Monotheismus selbst ist keine eigene Denksorm, sondern vielmehr nur ein eigener Denkinhalt. Nur diesen Geist mit diesem seinem reinen Inhalt erkennen wir als jüdischen Geist an, und von deffen Wurzelkrast erhoffen wir Fruchtbarkeit sür alle stttlichen Probleme, aber nicht schlechthin für alle logisch-wissenschaftlichen. Sofern jÄoch die sittlichen Probleme zugleich die des einheitlichen wiffenschastlichen Geistes find, befieißigen wir uns der freien unabhängigen Wissenschaft für alle Geistesfragen und scheuen in unserer religiösen Ueberzeugung keine Konflikte mit der freien Wissenschaft. Auch von den allgemeinen Geistesfragen aus läßt fich daher unsere Differenz präzisieren. Wie ich mit Inbrunst fühle: „von Zion geht die Thora aus", so flihle ich mit dem gleichen Ernst der Pietät: von Hellas geht die Wissenschaft aus. Ich kämpfe demzufolge aus den gleichen Gesichtspunkten sür die Erhaltung deS Griechischen in der deutschen Schule, wie für das Hebräische im Gebet. Aber die Forderung der hebräischen Sprache, als der allgemeinen Sprache alles Geistigen, ist eine Einschränkung des geistigen Horizontes und schlechthin eine Unwahrhasttgkeit des Kulturbewußtseins. Im Deutschtum hingegen erkenne ich den harmonischen Einklang seiner Geistesgeschichte mit demPlatonismuS, wie andererseits nicht minder auch mit dem ProphetiSmuS und den Psalmen. Daher liebe ich in der Einheit, die der deutsche Geist in seiner Wissenschaft und seinem Staate darstellt, den Weg oer Vorsehung zur Erreichung des mesfianische» Zieles. Und in dieser Liebe der providentiellen Misfion des Deutschtums bin ich mir zugleich unerschütterlich bewußt meiner Liebe zum Einzigen Gotte, der nicht nur in Zion thront, sondern der einst die ganze Erde zum gelobten Lande macht. So wurzelt am letzten Ende doch unsere Differenz in unserem Begriffe der Religion. Es entschlüpft meinem Gegner das Wort: „Daß der Zionismus als solcher zu der religiösen Frage überhaupt keine Stellung nimmt". Damit hat er aber aufgehört, „als solcher" eine religiöse Partei zu sein. Und ich erhebe Einspruch gegen die Fiktion, daß ein Standpunkt als ein jüdischer anerkannt werden dürfte, der zu der religiösen Frage an fich keine Stellung nimmt. Auf diese Konsequenz seien die Kommilitonen hingewiesen: aus ihr erklären fich hinlänglich die Zweideutigkeiten und Widerwärtigkeiten, deren Widerlegung uns auserlegt ist. Ich schließe mit der Losung des großen Rabbi Jochanan ben Sakkai: ich bin in diesen Kampf nur eingetreten, „auf daß die Streitigkeiten fich nicht mehren in Israel". 20 Jahre U.C. Kriegsgedanken. In diesen Tagen find 20 Jahre verfioffen, seit sich die damals bestehenden Korporationen gleicher Tendenz zu einem Verband, zum K. C., zusammengeschlossen haben. Es scheint mir heute nicht die Zeit zu sein, dieses Ereignis in seiner ausschließlichen Bedeutung für unseren engeren Kreis zu würdigen. Das um uns tobende gigantische Bölkerringen läßt es nur in den allerseltensten Fällen zu, daß wir unsere Gedankenwelt völlig vor ihm verschließen. Unser Denken steht so unter dem Einfluß des Krieges und seiner Folgeerscheinungen, daß nur hier der Ausgangspunkt all unserer Betrachtungen sein kann. Auch hat vieles, was früheren Zeiten seine Entstehung verdankte, erst jetzt Gelegenheit gehabt, den Beweis seiner Zweckmäßigkeit zu Liefern. So wird es gerechtfertigt sein, daß auch unser Gedenktag heute in einer ganz anderen Weise gewürdigt wird, als eS sicherlich sonst geschehen wäre. Der Zusammenschluß einzelner zu einer Gesamtheit kann sowohl ein Zeichen der Schwäche I wie auch der Kraft sein. Wenn fich der einzelne