KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 12 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 687 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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687 Staaten untergingen. Das politische Aufgehen bedingt und sichert uns den religiösen FoÄbestand. Es ist zu beachten, daß Buber den Gegensatz des jüdischen Volkstums zur messianischen Menschheit anerkennt. „In der messianischen Menschheit mag das. Jrchentum dereinst aufgehen, mit ihr verschmelzennicht aber vermögen wir einzusehen, daß das jüdische Volk in der heutigen Menschheit untergehen müsse, damit die messianische erstehe." Das Sophisma tritt klar zutage. Daß . hier die Sache nicht in Ordnung ist, verrät das Satzgefüge selbst: „vielmehr muß es eben darum mitten in ihr verharren, aber nicht als eine stetig abbröckelnde Naturtatsache im Verein mit einer immer breiter konfessionalisierten Religion". DaßzunächstdieNationalitätkeine„abbröckelnde Naturtatsache" ist, sondern, wie fast alle Bedingtheiten der menschlichen Natur, vermöge ihres idealen Wertes, als eines geschichtlichen Faktors, fruchtbaren Bestand haben muß, ist nicht nochmals hervorzuheben. Was aber denkt sich mein Kritiker bei dem Satze, mit dem er das liberale Judentum neben der Naturtatsache durch den „Verein mit einer immer breiter konfessionalisierten Religion" zu charakterisieren beabsichtigt? Vielleicht verstehe ich diesen verschleierten Ausdruck nicht recht.' Wie ich ihn aber verstehen muß, enthält er eine schwere Verdächtigung, die mit Entrüstung zurückgewiesen werden muß. Unsere Differenz nimmt hier einen aktuellen politischen Charakter an. Zum politischen Einheitsgefühl fordere ich ferner ebenso unbedingt das Eingehen in die gesamte Kultur des Nationalgeistes. Ich lese den Faust nicht schlechthin als ein schönes Gedicht, sondern meine Liebe geht vor ihm auf, als zu einer deutschen Offenbarung. Und so geht es mir ähnlich sogar bei Luther. Und so bei Mozart und Beethoven. Und etwa nicht auch ähnlich bei Stein und Bismarck? Ein Wort aus dem „offenen Briefe" muß ich hier ausdrücklich anzieh ensonst bleibe ich lieber in der positiven eigenen Darlegung. Erst in Palästina werde sich der Versuch, das Judentum zu erhalten, erfüllen- „denn jeder wahrhafte Zionist ist auch im innerlichsten Sinn unterwegs". Mit diesem einen Worte allein ist unsere ganze Kultur-Differenz gekennzeichnet. Der Zionist ist unterwegs. Wir aber wollen durchaus überall nur daheim sein und immer mehr uns heimisch machen. Auch mit unserer Religion sind wir daheim in der menschheitlichen Welt, und -daher geschichtlich vorzugsweise in der deutschen Welt. Palästina ist nicht nur etwa das Land unserer Väter, sondern vollends das Land unserer Propheten, der idealen Stiftungsvollender unserer Religion, Und so ist es uns das heilige Land vielmehr nur als daß Land unseres ewigen Heiligtums. Aber, wie unsere religiöse Gegenwart vielmehr immer nur und immer mehr die Zukunft ist, so ist die sittliche Welt in ihrer geschichtlichen Entwicklung unser eigentliches gelobtes Land. Und wenn irgendwo Klassizität und Romantik sich wesenhast scheiden, so hier. Der klassische »unserer Religion geht auf die Zukunft ns ch heit, nicht auf die Vergangenheit eines Stammes, dessen Heiligkeit in seiner weltgeschichtlichen Idee besteht, nicht aber an einen geographischen Ort gebunden ist. Für uns wohnt Gott, wie für den Psalm, „in denLobgesängenJsraelS". Diese aber sollen nicht nur in alle Welt erklingen, sondern wir selbst wollen die echten Boten bleiben, die sie in ihrer ursprünglichen Eigentümlichkeit über die Welt verbreiten. Es verdient Beachtung, wie dieser moderne Schriftsteller mit den biblischen Gleichniffen operiert, wo den neuen Problemen der Religion Und des Staates gegenüber die strengste ethische Begrifflichkeit angestrebt werden muß. Die messianische Zukunft verstehen wir nicht nach dem Gleichnis, daß der Herr allen Völkern „auf dem Berge Zion ein Mahl richten wird", sondern wir berufen unS auf die zahlreichen bilderlofen Aussprüche, in denen der einzige Gott als der „Herr der ganzen Erde" geweissagt wird. Daher können wir nur die gesamte geschichtliche Erde als die Zukunstsstätte unserer Religion anerkennen. Und nur diese Zukunft erkennen wir als unsere wahrhafte Heimat an. Mein Gegner aber verbleibt in dem Widerspruch zweier Sätze. Zuerst heißt es: „DaS Hetmstreben nach derHeimstätte ist ein nationales." Unmittelbar darauf aber: ,Das Streben des jüdischen Gemeinwesens in Palästina wird ein Übernationales sein müffen." Dieses Ueber ist ein modernes Modewort, daS mir schon am Ueberempirischen und Ueberindividuellen abstoßend ist. Die lokale Präposition enthält keine begriffliche Bestimmung. Es heißt aber auch weiter: „Wir wollen Palästina nicht für die Juden: wir wollen eS für die Menschheit, denn wir wollen es für die Verwirklichung deS Judentums." Also ist die Verwirklichung des Judentums doch nur durch die Menschheit bedingt! Und nur für die Menschheit sollen wir wieder Palästina gewinnen! Für die Menschheit jedoch haben die Propheten die Welt erschlossen, den „neuen Himmel" und die „neue Erde", und Palästina ist ihnen nur das Symbol dieser künftigen Welt. WaS hat der Prophetismus mit diesem widerspruchsvollen Nationalismus gemein? Die gesamte Geschichte des Judentums lehrt, in Uebereinstimmung mit