KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 12 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 686 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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686 frottieren unsere Religion an unserer Ethik, an dem wahrhaften Zentrum der Kultur, an der wissenschaftlichen Philosophie. Diesem Verfahren näherten sich bereits unsere großen Alten. Nichtsdestoweniger aber find und bleiben wir, wie jene auch, treue Bekenner unserer Religion. Entspricht es -der Wirklichkeit unserer Geschichte, wenn mein Gegner sagt: es gebe nur zwei Wege für das echte Judentum, den der absoluten Gesetzesfreue und den des Zionismus? Wären alle anderen Wege und Wegrichtungen in unserer Geschichte durchaus nur Abwege zur Entartung? Welches Kriterium gibt es zur Entscheidung der Frage, ob nur der Weg nach Palästina die wahrhafte Wirklichkeit der Zukunft bestimme? Das geforderte Kriterium liegt offenbar in unserer Religion selbst. Aber welcher Begriff, unserer Religion ist der richtige? Es ist wiederum nur der Begriff, der über das Recht und Wesen der Wirklichkeit entscheidet. Das moderne Judentum ist das geschichtliche. Die geschichtliche Entwicklung gibt ihm sein Selbstbewußtsein. Und der Leitfaden unserer religiösen Entwicklung besteht im Prophetismus, dessen Höhepunkt der Messianismus bildet. Auf diesen Zielpunkt des Messianismus hin lenken und deuten wir unsere gesamte Geschichte. Der Untergang des jüdischen Staates ist uns das Musterbeispiel der geschichtlichen Theodizee.. Derselbe Micha, der den Satz geprägt hat, daß Gott vom Menschen das Gute fordere, er hat auch das prüvidentielle Gleichnis erdacht: „Und es wird sein der Rest Jakobs inmitten vieler Völker, wie Tau vom Ewigen." Es ist unser stolzes Bewußtem, als göttlicher Tau inmitten der Völker sortzuleben, und unter ihnen und für sie fruchtbar zu bleiben. Die Propheten alle versetzen uns in diese Mitte der Völker hinein. Die Weltmission des „Restes Israels" ist ihre einheitliche Perspektive. Und nur von dieser Perspektive aus darf der natürliche Gedanke von der Heimkehr des Restes verstanden werden. Denn fast niemals sott der Rest allein heimkehren, sondern beinahe immer sind es „viele" und „alle Völker", die zu dem Lichte Gottes strömen werden, zu dem Lichte, als das die Propheten selbst für alle Völker sich von Gott eingesetzt fühlen. Diese Religion der Menschheit ist unser modernes Judentum. Und dieser Schwerpunkt unseres religiösen Kulturbewußtseins enthebt uns jedes Zwiespalts zwischen unserem Judentum und unserem Deutschtum. Auch die Juden aller modernen Staaten können sich auf Grund der Religion von solchem Zwiespalt frei fühlen. Die jüdische Religion ist ihrem messianischen Gottesbegriffe gemäß durchaus nur Welfreligion. Dieser messianische Glaube kann durch keine geschichtliche Wirklichkeit, durch kein Elend und sogar auch durch kein Glück der Gleichberechtigung beeinträchtigt werden. „Heil dem, der harret." Die Hoffnung allein sichert uns unsere Wirklichkeit. Die Hoffnung, die Zuversicht bildet demnach auch unser politisches Grundgefühl. Wir lieben unser Deutschtum, nicht nur, weil wir, wie der Vogel sein Rest, unsere Heimat lieben, und auch nicht nur, weil wir unsere geistige Bildung doch wahrlich nicht allein aus Bibel und Talmud, sondern auch aus den Schätzen und Schächten des deutschen Geistes schöpfen. Alle diese gewichttgen Motive treten für unsere Liebe züm deutschen Volke zurück gegen das Bewußtsein, daß wir uns vorzugsweise im deutschen Geisteswesen in innerlichster Harmonie erkennen mit unserer messianischen Religiosität. Der deutsche Geist ist der Geist der klassischen Humanität und deS wahrhaftigen Weltbürgertums. Welches Volk hätte einen Kant, der bei aller seiner Originalität nur die volkstümliche Vollendung von Leibniz ist! Und welches Volk hätte diese geistige Einheit von Dichterheroen, wie sie durch Lessing und Herder, durch Schiller und Goethe unsere Geistesgeschichte lebendig macht! Welches Volk hätte überhaupt diese Einheit von klassischer Dichtung und Philosophie! Die deutschen Geister sind allesamt Propheten der Humanität. Es geht wahrlich mit natürlichen Dingen zu, daß wir deutschen Juden uns einheitlich fühlen als Juden und als Deutsche. Und die ausländischen Juden, deren religiöses Leben durch die in Deutschland wurzelnde Wissenschaft des Judentums befruchtet ist, sollten, und sie könnten das unbeschadet ihres polittschen Nattonalgefühls, diesen deutschen Mittelpunkt der sittlichen Kultur erkennen und achten und unter ihren Völkern trotz allen Teufeln der nationalen Eifersucht und Mißgunst zur Anerkennung zu bringen als ihre Kulturaufgabe erkennen lernen. In dieser unserer polittschen Religiosität liegt nun unsere praktische Differenz von der zionistischen. Während der Zionist nur durch das volle, uneingeschränkte jüdische Volkstum daS Judentum erhalten zu können glaubt, sind wir der entgegengesetzten Ansicht, daß durchaus nur das universell menschheitliche Judentum die jüdische Religion zu erhalten vermag. Und alle Bitterkeit des Kampfes wird verständlich und entschuldbar aus dieser Differenz, die nicht nur etwa eine solche der Takttk ist. Beide Parteien glühen für unseren religiösen Fortbestand. Das will ich gern anerkennen. Für diesen aber fordere ich zwar unbedingt die Erhaltung der Rattonalität, aber ebenso unbedingt fordere ich das Aufgehen in den modernen Rattonalstaat. Sonst müßte ich fürchten, daß^ wir in den modernen