KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 12 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 685 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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685 Dieser modernen Schwierigkeit gegenüber lautet nun ohne Verabredung bei allen freieren Juden in allen Staaten die Selbstverteidigung: wir wollen keinen eigenen Staat bilden, mithin auch keine eigene Nation sein, sofern der moderne Staat Nationalstaat ist. Aber wir sind und bleiben eine eigene Religion. Und zu deren Erhaltung sind und bleiben wir prinzipiell ein eigener Stamm, eine eigene Nationalität. Kann man die Nationalität, die „Naturtatsache" mit gewichtigeren Elementen ethisieren, als wenn sie zur geschichtlichen Erhaltung der Religion gefordert wird? Alle die Gesühlsmomente, die mein Gegner für die Nation hervorhebt, gehören dieser religiösen Nationalität an. Sie ist der geschichtliche Faktor der Religion. Aber von diesem Punkte aus, der uns einigen sollte, sage ich nun, und zwar der Hauptsache nach im Sinne aller modernen Juden: die Religion ist ein Faktor der Geschichte, aber nicht der philosophische Schwerpunkt der Geschichte. Wie stellt sich die jüdische Religion in ihrer empirischen Bedingtheit und Belastung zur ethischen Grundidee des Staates? Alle Leiden des Judentums und seinerBekenner, die äußeren wie die inneren, gehen von dieser Frage aus. Die Staaten sagen in ihrer Verblendung: es sollen keine Gruppen unter uns sein, die unter irgend einer Fiktion ein staatsartiges Sonderdasein führen. Und die von den Zweideutigkeiten der Modernität, wie von der Not des Tages, bedrängten Juden sagen, wenn sie absallen wollen: die jüdische Religion steht in einem unversöhnlichen Konflikte mit dem Fundament des modernen Völkerlebens, das der nationale Staat blldet. Unser Staatsbewußtsein fordert daher unsere Absage an das Judentum. Diesen beiden Irrungen hält das moderne Judentum die These entgegen: allein und ausschließlich unsere Religion sei der Unterschied zwischen uns und unserem Staate und demgemäß auch unserer Nation. Darf jetzt noch der Einwurf sich hervorwagen, diese These sei eine Ausflucht der Verlegenheit oder gar feiger Asfimilationstendenz? Ein solcher Einwurs verletzt die ethische Pflicht der modernen Staatsgesinnung. Mit einem solchen Skeptizismus dürste man überhaupt keinen Anteil am modernen Staate begehren. Es ist verkehrt und irreführend, alle idealen geschichtlichen Momente nebst den mit ihnen verwachsenen Gefühlen ausschließlich dem religiösen Volkstum einzupflanzen: so daß für das national-politische Bewußtsein an sittlichen Kräften des Geistes und des Gemütes nichts mehr übrig bliebe. Erbarmungslos schreitet der Zionist dagegen über das liberale Judentum hinweg, das in den Kulturländern eine Heimstätte zu besitzen sich einbilde. Dieser persönlichen Illusion wird die Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes entgegengestellt. Und nur dieses heimlose jüdische Volk soll die jüdische Wirklichkeit bilden. Wir Scheinjuden dagegen werden daher mit Fug vom jüdischen Volke abgetrennt. So wird nach demvorgesaßtenBegriffediejüdische Wirklichkeit zugeschnitten. Und das Phänomen dieser Wirklichkeit wird immer exklusiver: nur in Palästina, nur im jüdischen Staate könne das „verschüttete", das „fiktive" Judentum überwunden und beseittgt werden. Die ganze bisherige Geschichte des Judentums wird hier zur bloßen Ideologie entstellt. Das Ghettobewußtsein ist nicht das Gespenst, sondern der wahre Geist des Judentums, des wirklichen. Alle Kulturbestrebungen der jüdischen Geschichte verfallen diesem Verdikt: sie ackern nur Begriffe, erzeugen aber keine Wirklichkeit. Und die moderne liberale Entwicklung ist nur die Fortbildung jener früheren falschen Wirklichkeiten. Sie müffen allesamt entwurzelt werden. Probleme und Schwierigkeiten, geschweige Konflikte des modernen Kulturlebens gibt es für die Enge dieses Nattonalismus nicht. Der Jude ist nur Jude, sofern er sich seines jüdischen Volkstums bewußt macht. Wenn es nun aber das Schicksal des Bolksjuden ist, auch das Bewußtsein des Deutschen aus sich nehmen zu wollen, wäre dies schlechterdings nur ein Irrtum, nur eine Illusion, nur eine polittsche Abstraktton, oder aber erfordert der tatsächliche Anteil des modernen Juden an einem Staate, dem er sich in Freiheit anschließt, die einheitliche Durchdringung der lebendigen staatbildenden Motive und ihrer geschichtlichen Entwicklung, sodaß für diesen Juden fein Staatsbewußtsein notwendig auch zu einem nattonalen Bewußtsein wird? Und bedarf diese Doppelheit der Nationalität nicht einer Bereinhettlichunq? Der Rücksichtslosigkeit gegenüber, mit der die ganze bisherige Wirklichkeit des Judentums, wie sie von Ieremia schon vorgezeichnet wurde, verworfen wird, behaupten wir alle mit der Sicherheit des historischen Instinkts: keine Einschränkung der bürgerlichen Gleichberechtigung darf uns'an dem absoluten Pflichtgedanken und Pflichtgefühl für den Staat beirren, dem wir uns anschließen. Uns freien Juden ist der Staat nicht einer der vielen Kulturbegriffe, die wir in den Brennpunkt unserer Religion vereinigen. Kaum haben so beschränkt unsere Vorfahren im arabischen Spanien gedacht, als sie dort aus ihrem Kulturmilieu ihre Blüten hervortrieben. Inzwischen sind wir uns der Segnungen klar bewußt geworden, deren uns der moderne Staat in allen Formen und Verwandlungen des Geistigen teilhast gemacht hat. Unser Horizont ist heÜer geworden! Wir. kon-