KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 12 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 684 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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684 Um dieses Problem nun dreht jtcfj im letzten Grunde unser Streit. Es ist charätteristisch, daß mein Gegner immer nur vom Volk, von der Nation, allenfalls auch von der Religion redetvom Staate aber nicht anders, als er für ein isoliertes Volk in Betracht kommt. Dieser Gesichtspunkt aber ist es, der angegriffen werden muß. Die Judenfrage gilt uns nicht als die eines isolierten Volke-, sondern vielmehr als die eines Volkes, das in anderen Staaten zerstreut ist, und das sein politisches Verhältnis zu jedem dieser besonderen Staaten herzustellen und klarzustellen hat. Ich habe mich schon darauf berufen können, daß ich nicht etwa aus Apologetik gegen den Zionismus-sondern vielmehr als ein allgemeines ethisch-politisches Problem die Erhaltung der Nationalität fordere. Man erkennt hieraus sogleich den allgemeinen Grund, der mich zu dem Versuch bestimmt hat, zwischen Nation und Nationalität den Unterschied zu definieren: daß zwar die Nationalität eine sittliche Naturtalsache bleibt, daß aber erst durch den Staat die Nation kraft eines reinen Aktes der politischen Sittlichkeit konstituiert wird. Man sollte nnn denken, daß durch den Ausweg dieser Definition alle Differenz mit dem Zionismus geschlichtet wäre. Denn was könnte das religiös-jüdische Bewußtsein noch mehr wünschen als den Fortbestand der Nationalität zum Fortbestände der Religion? Wenn dennoch gegen diese Schlichtung sich Widerstand erhebt, welchen Grund kann dieser haben? Bei dem Begriffe der Nation scheint er nicht mehr verständlich - denn moderne Menschen stehen samt und sonders unter dem bewältigenden Problem des Staates. Oder aber stehen die Zionisten, bei aller ihrer Modernität, dennoch unter dem alleinherrschenden Zauber der Religion, sodaß alle anderen Probleme der Kultur, das der Wiffenschaft und zumal das des Staates, gegen dieses Grundproblem ihres Hebens zurücktreten? Stände es so, dann, aber nur dann allein wäre es verständlich, daß sie aus aller wirklichen ^ranve es oann, aoer nur oann auein wäre es verständlich, daß sie aus aller wirklichen ponnWen Lveu pcy yerausqetzen, oas umsmnsrsmittel der Nationalität verschmähen und durchaus nur schlechthin Identität fordern mit dem Volke für ihr einziges Problem der Religion, und daß sie daher das Volk nur in der isolierten religiösen Einzigkeit anerkennen. Nach dieser Deutung fordert der Zionismus das jüdische Volk für den jüdischen Staat, während für den modernen Staat allerdings die jüdische Nationalität als zureichend scheinen müßte. Unser Streit also dreht sich nicht sowohl um das jüdische Volk als vielmehr um den jüdischen-Staat. Eigentlich also erkennt der Gegner meine Definition, daß der Staat erst das Volk definiere, seinerseits an, aber er schließt daraus auf einen Sonderstaat für das jüdische Volk. Aus welchem genau bestimmten Grunde wird nun aber diese Forderung erhoben? Ist es das Machtbedürfnis eines lebensfähigen Stammes, dem die Zerstreuung widerstrebt, der in der Sammlung erst eine wahrhafte Heimat sich gründen will? Solcher zeitgemäßer Nationalismus mag eine geheime Triebkraft im Zionismus seindie einzige und allseitige ist er nicht. Die ideale Grundkraft liegt offenbar hier im Mysterium der Religion. Und hierin dürfte die beste Erklärung und Entschuldigung für den Zionismus bestehen. Von hier aus läßt sich vielleicht auch noch die letzte Hoffnung auf eine Verständigung fassen. Die Auseinandersetzung darf daher die Konsequenz der Prinzipien nicht scheuen. So zentral uns modernen Menschen die Religion ist im Gesamtproblem der Geschichte, so gilt sie uns doch nur als eine der konzentrischen Spezialitäten innerhalb der Einheit der sittlichen Kultur. Den Schwerpunkt aller Menschenkultur blldet uns der Staat. Das Ich des Menschen bleibt eine empirische Zweideutigkeit, so lange es nicht zur Reinheit objektiviert wird im politischen Selbstbewußtsein. Sofern ich Anteil nehme an der idealen Persönlichkeit meines Staates, behaupte ich wahrhaftes Selbstbewußtsein. Dieser Satz ist uns jetzt eine lebendige Wahrheit geworden. Unser ganzes Gefühlswesen ist in unserem Staütsbewutztsein konzentriert. Es ist uns daher auch keine Frage mehr, ob die Wiffenschaft, ob die Religion den Vorrang hat in unseren Kulturinteressen. Der Staat allein bildet den Mittelpunkt, und von ihm aus werden alle Kulturfragen geordnet. Die Idee des Staates aber vollendet sich im Staatenbundsomit wird die Idee des Staates zur Quintessenz der Ethik. Die Realisierung der Sittlichkeit aus Erden vollzieht demgemäß der Staat, als Symbol des Staatenbundes. Es schwindet für uns demzufolge der Gegensatz zwischen Staat und Religion, wie ebenso auch der zwischen Staat und Wiffenschaft. Denn unsere alten jüdischen Philosophen haben uns von diesem Albdruck sonstiger Religiosität befreit, indem sie Religion durchaus als Erkenntnis fordern. Dieser Schwerpunkt der Ethik ist folgerichtig der unserer Religion. Staat und Kirche bilden für uns keinen Konflikt. Dennoch aber entsteht dem Judentum in der Geschichte des Volkes eine Schwierigkeit aus dem Problem des modernen Staates, sofern dieser ein nationaler Staat sein will. In diesem Staate scheint der Jude, als Volk, einen Staat zu bilden, insofern er einen isolierten Stamm bildet.