KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 12 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 675 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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675 dicht bei uns platzen — 1 m vor uns, 1 m dahinter — der Dreck fliegt nur so um uns herum, Erde fällt auf uns runter, jeden Augenblick erwarten wir, daß uns ein böser Splitter trifft, der Pulvergeruch wird immer stärker, sodatz wir schon an einen Gasangriff denken und die Masken zurecht machen, da merke ich plötzlich an meinem Anzug brennendes Licht, ohne daß ich brenne — es sind die innersten Teile der Granate mit dem brennenden Zündstoff, die hier niedergegangen sind, ohne uns zu verletzen. Das Schauspiel wiederholt sich, auch mein Kamerad „brennt" jetzt, auch die Erde im Graben neben uns „brennt". Noch haben wir die Säcke mit Handgranaten umgehängt, die jeden Augenblick von diesem Feuer erfaßt, explodieren und uns mit vernichten könnender nächste ruhige Sekundenbruchteil wird abgewartet, dann fliegen die Handgranatensäcke über den Rand des Grabens! Noch einige bange Minuten, dann ist der böse Ueberfall glücklich überstanden und weiter gehts auf der Suche nach unserem Loch. Die immer noch umherirrenden Geschosse mahnen zu größter Vorsicht, daher benutzen wir jede sich uns darbietende Deckung, auch wenn wir dabei Hunderte von Metern bis übers Knie durch Waffer und Lehm, Schmutz und Morast waten müssenwozu haben wir denn unsere Sandsacküberzüge? Nach qualvollen 3 Stunden landeten wir endlich in unserm Loch, wo man sich bei einiger Anstrengung leidlich ausstrecken konnte. Da wir uns im Dienste abwechselten, konnte einer ruhig die Schuhe ausziehen, Sandsäcke, Hosen, Strümpfe, Schlüpfer auswringen und draußen zum Lüften und Trocknen auf. hängen, dieweil der andere sich damit begnügen mußte, durch Alkoholgenuß— ich hatte Rotwein, Kognak, Eierkognak mit — für ausreichende Verdunstung und Wiederbelebung der Nerven zu sorgen. Die Stunden vergingen ziemlich schnellalle paar Stunden war ein Befehl zu überbringen, dann atzen wir fortgesetzt meine Bestände runter, auch las ich an diesem Tage eine ganze Menge. Der Arttllerieradau war erträglich, wenn er auch die ganze Zeit fast ununterbrochen anhielt. Um 10 packten wir die Sachen und hielten uns marschbereit, da wir spätestens bis 13 die Ablösung erwarteten. Stätt dessen wurde es 1 Uhr, 3 Uhr, — wenige Minuten vor 3 Uhr kamen die ablösenden Kameraden, die siD nicht zurechtgefunden hatten. Zu fünfen gingen wir jetzt auf eigene Faust querfeldein der Chaussee zu, die uns unserm bekannten Ruheort M. . . nahebringen sollte. Nach kurzer Rast auf der Chaussee gings nach M. . . weiter, das wir um 6 Uhr wih erreichten. Et. was warmes Essen, dann Kaffee, dann Schlafen in der uns schon bekannten Scheune. Die sog. „Ruhe" begann, d. h. das systematische Jnstandbringen des eigenen Körpers, der eigenen Uniform, des Gewehrs, aller Ausrüstungsgegenstände, das Waschen, Trocknen der Wäsche- Haarschneiden,Rasieren etc. ~ kurz, alles Dinge, die einen gut und gern 4 Taste beschäftigen können, zumal noch allerhand Nebenarbeiten hinzukommen, z. B. Aufräumungsarbeiten in den zerschossenen Straßen, Häusern, Kellern, Sammeln von Beutestücken usw. — Wiederholt tauchte jetzt das Gerücht auf, daß wir von M. . . aus vollständig abgelöst werben sollten, also gar nicht mehr kn Stellung vor. zugehen brauchten, eines der unzähligsten Gerüchte, das man nicht glaubt, dessen Richttgkeit man aber doch im Sttllen erhofft. Die beiden ersten 3 Ruhetage waren im Nu verflogen, als uns am 3. Morgen die Nachricht überraschte, daß eS schon heute in Stellung gehe, dies, mal aber nur für drei Tage, nach deren Ablauf dann die Heimat winke! So ging's wieder ans Packen. Abends V, 10 Abmarsch, diesmal in eine etwas anders gelegene Stellung hinein. Vom Graben war an dieser Stelle kaum noch etwas zu sehen, alles zerschossen, Granatloch reihte sich an Granatloch, dazwischen verstreute Unterständedie allerdings hier besser ausgebaut waren. Meiner bestand z. B. aus einem kunstgerecht schräg in die Erde getriebenen Stollen, der durch zahl, reiche dicke Bohlenbretter genügend abgesteist war, Holzstufen besaß und für die Klein- und Mittelkalibrigen schon ausreichende Sicherheit bot. Wenn auch an ein Schlafen auf diesen hohen Stufen nicht zu denken war, so konnte man doch mit dem Aufenthalt in diesem Unterstände, der wohl einer der besten war, sehr zufrieden sein und sich darin allen leiblichen Genüssen mit Inbrunst hingeben, was wir auch ausgiebig raten. Die Zeiteinteilung war wieder die gleiche: nachts wurde einige Stunden Posten gestanden, die restlichen Stunden wurden mit Verbessern des Unterstandes, Mederherstellen des Grabens und allerlei andern nützlichen Arbeiten verbracht, während tagsüber alles unten in den Löchern war, schlief, las, döste, atz, trank etc. Der Abend des 13. rückte heran und stundenlang früher als erwartet traf unsere Ablösung ein. Gruppenweise verließen wir die Löcher und die Stellung, um uns l1/- Stunde später — aus dem ärgsten Feuerbereich heraus'— zugweise auf der großen Straße zu sammeln. Auch dieser Rückzug ging glücklich vonstatten, wenn wir auch an dem Treffpunkt alle todmüde einträfen, sodaß unser Leutnant sich mit großem Genuß am Vertilgen meiner letzten Flasche beteiligte, in die ich kunstgerecht Eier, kognak, Kognak und schwarzen Kaffee hmeingemischt hatte. Weiter ging's. In dem bekannten M... hatten wir einen Feuerüberfall zu bestehen, vor dem wir in Unterstände flüchteten. Bald kamen wir an die Feuergrenze und gleich dahinter in den ersten nicht zer. schössenen Wald! Was einem hierbei für Gedanken kommen, wenn man wochenlang nur zerstörte Wälder, zerschossene Bäume, vernichtetes Grün gesehen hat! N In diesem Wald gab's den ersten warmen Kaffee aus der Küche, dann ging's immer weiter bis morgens 6 Uhr. In G ... machten wir einen Tag Rast, hier gab's Post, hier gab's Kantinen. Am nächsten Tag, Sonntag, den 14., begann mittags die „Ruhezeit". Zuvor begrüßte uns noch der kommandierende Generalsprach uns den Dank und allerhand gute Wünsche für die Ruhe und Zukunft aus, dann setzte sich die Bataillonsmufik m Bewegung nach dem Bahn. Hof B... und mittags 1 Uhr erscholl bei Abfahrt des Zuges zum ersten Male wieder die „Parole Heimat! aus unserer Kl-post-vriefmappe. 3-8- 3. August 1914. Mein lieber Weißmann! „Kaum -gedacht, ward der Lust ein End' gemacht", d. h. in die lebendige Wirklichkeit übertragen, kaum sonne ich mich ein paar Tage in dem Glanz meiner Charge,alsF.C. X, und schon sehe ich mich zu dem gezwungen, was wir auf unserem letzten Konvent als Ulk beschlossen haben, nämlich meine Würde an Dich abzutreten und Dich zu bitten, während des Krieges die Geschäfte unserer lb. Verbindung zu besorgen. Denn ich werde dazu nicht mehr imstande sein, da ich mich festern früh zum hiesigen Jnf.-Reg. 180 angemeldet äbe und nun in einigen Tagen wahrscheinlich zu einer vierwöchentlichen Ausbildung nach Tübingen komme. Dann bin ich als Kanonenfutter reif, ich wollte, ich wäre schon in der Front. Denn es ist fürwahr eine Schande, heute noch ohne Uniform herumzulaufen. Das einzige, was-mich ärgert, ist, daß meine Doktorarbeit, welche ich nach V^lähriger Arbeit vorige Woche beendet habe, nun vielleicht nie mehr erscheinen wird. Na, hoffentlich komme ich trotz allem einigermaßen ganz wieder zurück. Wenn