KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 11 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 658 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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658 innerer Freiheit heraus konnte das deutsche Volk die Geschlossenheit und Entschlossenheit aufbringen, mit der es in den Kamps gegen eine Welt gezogen ist. Möchten nun auch in nicht allzu ferner Zeit in vollem Masze die Hoffnungen sich erfüllen, die mit den besten jüdischen Deutschen auch Heine gehegt und für die er all sein Leben gekämpft hat. Als Kämpfer für das deutsche Judentum haben wir Heine betrachtetder Dichter ist dabei vielleicht zu kurz gekommen, aber — silent inter arma musae — es erschien uns in dieser Zeit wichtiger, aus den Deutschen als auf den Dichter Heine hinzuweisen, wichtiger, die durch Gunst und Haß verwirrte Persönlichkeit Heines ins rechte Licht zu rücken, als ästhetische Untersuchungen anzustellen. Immerhin glauben wir, daß alle, die zu der Persönlichkeit Heines das richtige Verhältnis gefunden haben, auch den Dichter in ihm lieben werden, lieben »vie der Liebende die Geliebte liebt — mit allen Vorzügen und allen Schwächen. Assimilation. uou I)r. Votljnv renmicv, i^nrobnvlnine-Bnvnrinei 2tuttßnrf. In seiner Schrift „Die polnische Frage" widmet Adolf Grabowsky ein Kapitel der Eharakteristik der beiden größten Bevölkerungsgruppen Polens, den Polen und Juden. So interessant das Buch auch zu lesen ist und so sehr wir die genaue Kenntnis des BersasferS Polens und der polnischen Zustände bewundern, so können wir unS doch auf keinen Fall mit seiner Einteilung der Juden aller Länder in Rationaljuden, Assimllanten und Assimilierte zufrieden geben. WaS Grabowsky über die Rattonaljuden lagt, dürfte im allgemeinen gebilligt werden. Doch ist seine These: „DaS Ghetto ist eine Er» jindung der Juden, nicht der Christen" nur dann richtig, wenn der Verfasser mit dem Ghetto jene geistige Gemeinschaft meint, die von den Rationaljuden unserer Tage für alle Bekenner desJudentumSangestrebtwlrd.Dollteeraberunter Ghetto den mittelalterlichen Begriff verstehen, so ist obige Behauptung nach den Ergebnissen der Geschichtsforschung sicher falsch. Grabowsky unterscheidet dann weiter zwischen Assimllanten und Assimilierten und charakterisiert die ersteren derart, „daß sie wohl eine jüdische Nation verwerfen, aber doch die Ähettolust nicht miffen möchten". Unter Assimilierten versteht er die Juden, „die bis zum wirklichen Zusammenleben mit den anderen - äußerlich und innerlich — vorgedrungen sind. Die haben die Alternative Ghetto oder heutige Kultur völlig im Sinne der heutigen Kultur entschieden". Hierauf möchte ich entgegnen, daß Juden, die dem von Grabowsky geschaffenen Begriff Assimllanten untergeordnet werden können, nirgendwo vorhanden sein dürften. Juden, die die Ghettolust nicht miffen können, finden wir in den Gebieten mittel- und westeuropäischer Kultur Überhaupt nicht. Grabowsky denkt dabei sicher an die Judenviertel Amsterdams, Brüssels, er wird Whitechapel, die Judenquartiere Newyorks, vielleicht auch die Viertel um die Grenadierstraße Berlins vor Augen haben. Sind dies aber Ansiedlungen von Juden, die die Ghettoluft nicht missen können? Sicherlich nicht. Das zeigen Salomon DembitzerS kurze Skizzen „Aus engen Gaffen". Hier »vird recht anschaulich und lebenswahr beschrieben, wie die armen ausgewanderten Juden dort ankommen und nach einiger Zeit von dort wieder wegziehen und anderen Platz machen, nicht well sie plötzlich Assimilierte geworden sind, sondern weil ihnen nichtliegt an der Ghettolust, weil sie diese Räume fliehen, sobald sie können. Hier schildert Dembitzer in wunderschöner Kleinmalerei, daß die Judenvtertel der Großstädte lediglich eine Kolonie jüdischer Auswanderer darstellen, die diese sofort für immer verlaßen, sobald sie nur irgendwie die Mittel dazu haben, um sich wo anderniederzulassen. Daß sich diese armen Juden aber unter sich zusammen schließen und in gemeinsamen Quartieren wohnen, ist nicht weiter verwunderlich. DaS ist die Gewohnheit aller Fremden, und ist eine Notwendigkeit für alle die, die noch besonderunter ihrer Eigenschast alS arme, heimatlose Wanderer leiden, wie dieS doch sicherlich bet den polnischen und galizischen Juden nicht bestritten werden kann. Die Juden schaffen sich, daS ist »weifelloS richtig, solange sie arm und verlaßen find, ihr Ghetto, sie zögern aber auch feinen Augenblick, eS wieder zu verlaßen, sobald ihnen die-irgend möglich ist. Aus aar keinen Fall aber gibt eS gebildete Menschen, die die Ghettolust nicht missen können. Bei diesen gebildeteren und sozial gehobeneren Juden ist die Unterscheidung in Assimllanten und Assimilierte erst recht nicht möglich, da eS unter diesen - mit Ausnahme der Nationaljuden — gar keine gibt, für die die obige Behauptung zutrifft. Oder wer glaubt heute, daß sich die jüdische Jugend in eigenen Jugendveretnen, die jüdischen Studenten in eigenen Verbindungen, die Juden überhaupt in eigenen Vereinen zusammen schließen, nur, weil sie dle Ghettolust nicht missen wollen? Ganz sicher kein Mensch. Die Geschichte hat deutlich gezeigt, daß eS früher in allen Vereinen Juden gab, unb daß damals kein Jude daran dachte, jüdische Vereine — außer religiöser Art — zu gründen, obwohl dle Juden damals der Ghettozeit viel näher standen alS heute.