KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 11 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 657 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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657 Größen, müssen es sein in beider Interesse. Die innere Zugehörigkeit zur Nation wird durch andere Fanoren bestimmt. In erster Linie, wie schon oben angedeutet, durch oie innige Erfassung der gemeinsamen kulturellen und nationalen Ausgaben. Daß die Juden hierzu willens und fähig sind, haben sie trotz schwerster Anfeindungen bewiesen und beweisen es täglich auss Neue. Beweisen es vor allem auch dadurch, daß sich immer weitere Kreise der schweren Verantwortlichkeit, die sie als Juden tragen, bewußt werden und sich bemühen, die Schlacken, die der Gemeinschast aus den Tagen des Ghettos anhasten, zu entfernen. Je mehr diese Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden, desto eher wird auch die andere Voraussetzung des festen Zusammenschlußes, die Anerkennung durch den anderen Teil, erfüllt werden. Äs kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die Entwicklung, die dieses Problem seit den Tagen der formellen Gleichstellung der Juden genommen hat, im einzelnen zu erörtern. Nur soviel darf gesagt werden, daß in Anbetracht der kurzen Zeitspanne vieles erreicht ist und manche Anzeichen darauf hin-! deuten, daß die Entwicklung ihren Weg, wenn auch langsam, weitergeht. Heine stand am Eingang der Entwicklung. Er ist zu einem ausgeglichenen Standpunkt nicht gekommen. Wir glauben aber dargelegt zu haben, daß seine innere Zerrissenheit nicht einem Mangel; an deutscher Empfindung, einem grundsätzlichen; Gegensatz der deutschen und jüdischen Psyche ent-! springt, daß sie vielmehr im wesentlichen ihren; Grund hat in den widrigen Berhältniffen, in die er hingestellt war. Doch er hätte nicht der echte 1 Dichter sein müssen, der er war, wenn er im! ohnmächtig verneinenden Spott stecken aeblieben wäre, wenn er nicht mit dem prophetischen Blick des wahren Poeten die Entwicklung hätte voran»- sehen sollen. In einer Gedenkschnst für Ludwig Marku», einen seiner Freunde und Kampsgenofien au» der Zeit seiner Zugehörigkeit »um „Verein sür Kultur und Wissenschaft de» JuoentumS", hat er e» ausgesprochen, daß die Emanzipation früher oder später bewilligt werden müsse, nu» Gerechtigkeitsgefühl, au» Klugheit, au» Notwendigkeit. Er yat aber auch den Gedanken ausgesprochen, der ln diesen Tagen de» Weltkrieg» nicht nur von Juden, sondern auch von einsichtigen Andersgläubigen al» richtig anerkannt ist, daß e» zu den weltgeschichtlichen Ausgaben de» deutsche« Volke» gehöre, die Schranken niederzulegen, die ein Jahrtausend der Unduldsamkeit aufaerichtet bat. Ankuüpsrnd an die jüdische MesfiaSidee hat er diesen Gedanken einmal in einer gelegentlichen Auszeichnung in etwa» barocker Welse so auSgedrückt: „Ist die Mission der Juden geendigt? Ich glaube, wenn der weltliche Heiland kommt: Industrie, Arbeit, Freude. Der welttiche Messias kommt aus einer Eisenbahn, Michel bahnt ihm den Weg, Rosen werden gestreut auf seinen Pfaden." Die Synthese zwischen Deutschtum und Judentum. wie sie Heine vorgeschwebt hat, kann aber wohl nicht schöner ausgedrückt werden, als in jenen Versen des Dehmel'schen HeinegedichtS, die, den gewaltigen Rhythmen der Rordseebilder nachgebildet, also lauten: Ich sehe seinen meerblan stillen Blick, die dunklen Amethysten der Pupillen, in sich gekehrt, heimkehrend uns der $evm*; er träumt ein Lied: Ueber die finstern Furchen der Nordsee, über die fliehenden Schäume her, sicht er ihn kommen, seinen Ahnherrn Ahasver: er sucht den MessiaS. Der Wind jagt seinen Bart, morgendlich funkelt ein Strand; seit Jahrtausenden so, der arme Alte, sucht er den Tod. Plötzlich sprühen ihm alle Welten Licht: fern am Strand siebt einer, der reckt sich, jünglingSkcck, und blickt und lacht, lacht in die Sonne: der deutsche Michel, aus dein Schlaf erwacht. Und Ahasver schreit auf. datz sein Schrei die Möven vor ihm herschreckt über daleuchtend spritzende Wasser, und ans Land stürmt er und bricht zusammen, und Jahrtausende schluchzen dem erstaunten Michel ins dumme Herz: Mein Heiland du, mein heimlich erstandener Herr Israels! Hinten aber aus den Dünen sitzt mit vertvunderien Mienen, den Sonnenaufgang nach der Uhr erwartend, das versammrlte deutsche Publikum, Christen- und Iudenpüoel, und jemand sagt: Ja, Herr Geheimrat von Schultze, davon ahnten wir nicht»! — Die Befreiung der Juden durch die frei gewordenen Deutschen, durch den erwachten deutschen Michel — da» ist die Idee, die Dehmels Versen zu Grunde liegt und dieser Idee hat auch Heine noch am AuSgang seines Leben», in einer im Jahre l854 erschienenen nachträglichen Note zu den Denkworten auf Ludwig Markus Au-bruck verliehen, wenn er sagt, die Juden könnten erst dann wahrhaft emanzipiert werden, wenn auch die Emanzipation der Christen vollständig erkämpft und sicheraestellt sei, ihre Sache sei identisch mit der des deutschen Volkes; sie dürsten nicht al» Juden begehren, wa» ihnen al» Deutsche längst gebühre. Inzwischen hat sich — vielleicht in anderer Form, al» Heine und viele Ser Dtreitgenossen au» den Sturm- und Drangen de» deutschen Volkes gedacht haben — die anzlpatlvn der Deutschen vollzogen; nur aus