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KC-Blätter · 1916-05-01 · Heft 11 (Mai 1916) · p. Seite 656

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 11 (Mai 1916)
Date
1916-05-01
Page
Seite 656 (sequence 34)
Language
German
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656 falschen Anschauung, das Judentum sei eine verlorene Sache, das Festhalten an ihm hindere den restlosen kulturellen Anschluß an das deutsche Volk. Heine hat seine Schwäche bitter bereut und seinen Irrtum eingesehen, je älter er ivurde und je mehr er sich mit dem Judentum beschäftigte. Denn das ist das Hervorstechendste an dem Verhältnis des Dichters zur jüdischen Sache, daß er nach seinem formalen Uebertritt nicht ängstlich bemüht war, die Spuren seiner Zugehörigkeit zum Judentum zu verwischen, wie es sonst übler Brauch ist bei Renegaten, sondern daß er weiter den stärksten Anteil an der Geschichte und dem Geschicke seiner Stammesbrüder nahm und dieS auch ösfentli'h bekundete. Wir erinnern nur an die von tiefem Mitgefühl und Verständnis eingegebenen Bemerkungen über das tragische Schicksal des jüdischen Volkes in den Abhandlungen über den Kaufmann von Venedig", in Shakespeares „Mädchen und Frauen", oder an Gedichte wie „Prinzessin Sabbath", oder „Jehuda ben Halevy". Außerordentlich zahlreich sind besonders in den späteren Schriften die Hinweise ans die Bibel, und wenn Heine auch selbst von sich sagt, daß die Bibel sein religiöses Gefühl wieder erweckt habe und wir keinen Anlaß haben, daran zu zweifeln, so scheint es unS doch, daß er die Bibel in erster Linie als GefchichtSwerk, als daS gewaltige Monument einer weltgeschichtlich bedeutsamen Gemeinschaft, einer Gemeinschaft von hoher Mission auch für die Gegenwart, aufgefaßt hat. Gerade ln den kurz vor seinem Tode abgeschlossenen „Geständnissen" hat er dies in unzweideutiger Weise bekundet, so, wenn er schreibt: „Er sMoseS) nahm einen armen Hirtenstamm und schuf daraus ein Volk, das ebenfalls den Jahrhunderten trotzen sollte, ein großes, ewiges, heiliges Volk, ein Volk GotteS, daS allen anderen Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp dienen konnte; er schuf Israel! . . . Die Juden waren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, »»icht bloß ehemals, sondern bis aus den heutigen T ag, trotz achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung und des ElenvS. Ich habe sie »vürdigen gelernt »md »venn nicht jeder Geburt-stolz bei den Käm» pen der Revolution und ihrer demokratischen Prinzipien ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte der Schreiber dieser Blätter stolz daraus sein, daß seine Ahnen den» edlen Hause Israel angehürien, daß er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben, utib aus allen Schlachtfeldern de- Gedanken» gekämpft und gelitten haben . . . Den Juden, denen die Welt ihren Gott verdankt, verdankt sie auch besten Won, die Bibel . . Weiter »veist dann Heine ans die seitdem vielfach erörterten Berührungspunkte, aus die „Wahl. Verwandtschaft" der germanischen Völker und der Juden hin, wie uns scheinen will mit Recht. Die scharfe Antithese, die Fischer in seiner oben angeftlhrten Studie über Heine zwischen jiidischer und deutscher Weserrsart feststellen zu müsten glaubt, ist, soweit sie besteht, im wesentlichen das Ergebnis einer künstlichen Entwirrung, wenn auch nicht geleugnet »verden kann, daß gewiffe, durch die Stammesverschiedenheit bedingte Unterschiede, vorhanden sind, die »vohl niemals ausgeglichen »verden können, aber für die Frage einer gemeinsarnen kulturellen und nationalen Arbeit auch in keiner Weise beträchtlich sind. Keinesfalls können wir der von Fischer vertretenen Anschauung beipsiichten, eine innige Verschmelzung des Judentums mit dem Deutschtum könne nur durch den Anschluß an den christlichen Positivismus herbeigesührt werden. Die Theorie Fischers beruht aus der Lehre vom „christlichen Staat", die mit Recht von der über- »vältigenden Mehrzahl des deutschen Volkes, vor allem auch von der nationalen Mittelpariei »»nd »neisten kirchlichen Kreisen, längst abgelehnt ist. Den wissenschaftlichen Begründer dieser Lehre, den getauften Juden Stahl, stellt Fischer der Person Heines gegenüber, um seine These zu beweisen. Nichts liegt unS ferner, als an der Lauterkeit der Gesinnung und der GesinnungStreue Stahls »» zweifeln, wir nehmen auch gerne an, daß der lebertritt Stahls a»»S tiefster ueberzeugung »»nd „Not deS Herzens" erfolgt ist und daß er im Christentum eine Befriedigung gesunden hat, die ihm, dem allerdings bei seinem Uebertritt erst siebzehn Jahre alten Knaben, der jüdische Glauben versagt hatte. Damit ist aber für die Ansicht Fischernichtbewiesen. Er selbst »vird Männern wie Leopold Zunz, Gabriel Riester, LaSker, auch dem weniger als Dichter denn als Mensch und Deutscher be»nerkenS»verten Berthold Auerbach, um nur einige der bekanntesten z»r nennen, »in« bedingtes deutsches Empfinden und Bewußtsein nicht absprechen können, und andrerseits »vttrde für Männer »vie Friedrich der Große, Goethe, Schiller, von den bedeutendsten Philosophen seit Kant ganz zu schweigen, im „christlichen Staat" kein Platz sein. Fischer meint denn auch und bewetst oaourch die ganze Brüchigkeit seiner Theorie, für den Angehörigen de- Christentums bedeute die Zugehörigkeit zu dieser Religion daS Einverleibtsrm in die Kulturaemeinschaft, der die ttber»vältigende Majorität seiner Mitbürger angehöre, und damit »verde diese Zugehörigkeit für ihn zu einen» Geborgensei»,, ganz Aeichgültig, ob er als Gläubiger, Zweifelnder oder Indifferenter seiner Kirche gegenüberstehe. Ist daS aber richtig, so kann daS Glaubensbekenntnis niemals maßebend sein sür die innerliche Zugehörigkeit zur kation. Kirche und Staat sind tnkommensuravle

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