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KC-Blätter · 1916-05-01 · Heft 11 (Mai 1916) · p. Seite 655

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 11 (Mai 1916)
Date
1916-05-01
Page
Seite 655 (sequence 33)
Language
German
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655 strebungen der deutschen akademischen Jugend teilnahm. Ein großer Teil seiner jüdischen Umwelt aber war damals noch stark in den engen Anschauungen und den in gewissem Grade verkümmerten ethischen Begriffen des Ghettos besangen. Die reformatorischen Bestrebungen Mendelsohns und seiner Anhänger, den jüdischen Kult und das jüdische Geistesleben in Einklang zu bringen mit den veränderten Lebensbedingungen der deutschen Judenschast und den gewaltigen geistigen Errungenschaften des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts, stießen aus zähen Widerstand bei der großen Mehrheit der Juden. Im christlichen Lager aber sah man mit feindseliger Besorgnis auf die Emanzipationsbestrebungen der fremdgewordenen Volksgenossen und legte ihnen Schwierigkeiten über Schwierigkeiten in den Weg. Gerade der hochstrebenden Elemente mußte sich unter solchen Umständen eine starke Hoffnungslosigkeit, ein quälender Zweifel an der Möglichkeit der Gesundung der jüdischen Gemeinschaft und ihrer krlturellen Verschmelzung mit dem Volke, in dessen Mitte sie wohnte, bemächtigen. So lag der Fall bei Heinrich Heine. Wenn er den Rabbi von Bacharach beim Durchschreiten der Frankfurter Judenaaffe voll Bitterkeit sagen läßt: „Wie schlecht geschützt ist Israelfalsche Freunde halten seine Toren von außen und drinnen find seine Hüter Narrheit und Furcht, so will er damit sicher auch ein Spiegelbild seiner eigenen Zeit und seiner eigenen Seelennöte geben. Der „Rabbi von Bacharach" ist in der Zeit entstanden, als Heine sich mit dem Gedanken der Taufe trug und es ist charakteristisch für das starke Gefühl der Zugehörigkeit zum Judentum, daß er gerade damals die Quellen der jüdischen »te mit eifriger Hingabe durchforschte, um rk zu schreiben, da» ein mannhafte- Bekenntnis zur jüdischen Sache bedeutet und von einer schmerzlichen Liebe zu seinen Stammesgenossen zeugt. E» ist, als ob die heilige Liebe zur Wahrheit, die Scheu vor der Lebenslüge, die bei Heine am Ende immer den Sieg davontrug über die mannigfachen Unzulänglichkeiten s^ine» äußeren Leben», iym die Feder in die Hand gedrückt hätte, ln flammender AnNage sein Innere» zu enthüllen. Sein Wesen lehnte sich dagegen aus, sich selbst und die Welt mit den wohlfeilen Scheingründen allzuvleler Renegaten au betrügen. Eine Klage ist da» Werk über da» Leid und dle Erniedrigung der Juden, eine Anklage gegen ihre Verfolger und eine AnNage de» Dichter» gegen sich selbst. Rur au» dem Gefühle tiefer tragischer Schuld und SeldstanNaae kann die Szene zwischen Don Isaak Abarvanel, dem spanischen Renegaten, und Sara, dem Weibe de- Rabbi, geboren sein. Der äußerlich stolze und selbstbewußte Täufling, der sich so gut in den Allüren christlich-kastilianischer Ritterlichkeit gefällt, macht der schönen Sara in gespreiztem Grandezzastil eine feierliche Liebeserklärung und am Schluß seiner stolzen Tiraden bietet er ihr seine Ritterdienste an, bittet sie, ihre Farben tragen zu dürfen. Sara, jenes stille Weid, in der der Dichter mit rührend keuscher Liebe eine prachtvolle Art edler jüdischer Fraulichkeit verherrlicht hat, deren Urbild wohl die über alles geliebte Mutter war, errötet schmerzlich über das ihr so weltferne Gebaren des zudringlichen Fremden und „mit einem Blicke, der um so schneidender wirkt, je sanfter die Auaen sind, die ihn versenden, und mit einem Tone, der um so vernichtender, je bebend weicher die Stimme, antwortet die tiesgekrünkte Frau: „Edler Herr! Wenn Ihr mein Ritter fein wollt, so müßt Ihr gegen ganze Völker kämpfen, und in diesem Kampfe gibt es wenig Dank und noch weniger Ehre zu gewinnen! Und wenn Ihr gar meine Farben tragen wollt, so müßt Ihr gelbe Ringe auf Euren Mantel nähen oder eine £>lnu* gestreifte Schärpe umbindendenn dieses sind meine Farben, die Farben des Hanfes, welches Israel heißt und sehr elend ist, und auf den Gaffen verspottet wird von den Söhnen des Glücks." Wenn dann Heine die beschämende Wirkung dieser Abfertigung und weiter die Abfuhr schildert, die der Rabbi dem als einstigen Freund und Studiengenoffen erkannten Abtrünnigen erteilt, so läßt er unS einen tiefen Einblick in seinen eigenen seelischen Zustand zur Zeit seine» UebertrittS tun. Die Gen.^ffenSkämpfe Heines waren nicht eigentlich religiöser Natur. Heine hat jedem Dogma wohl niemals ablehnender gegeniiber gestanden, als gerade damals, wo er völlig unter em Einfluß Hegel scher Philosophie stand. Der Sinn und da- Verständnis für Einrichtungen de» Ritus, die unzweifelhaft in starkem Maße bei ihm vorhanden waren, lagen doch mehr auf ästhetisch-poetischem Gebiet und hingen mit der durch die Anregungen der Romantik noch vertieften mystischen Sehnsucht deS Dichter» zusammen. Diese äußert sich bei ihm aber ebenso stark in Darstellungen auS dem Jdeenkrei» de» katholischen Marienkultwie in den Schilderungen jüdischer Festgebräuche und Legenden. Ein dogmengläubiger Mensch im theologischen Sinne ist Heine nie gewesen, auch dann nicht, al» er nach seinen eigenen Worten „allen philosophischen Stolz abgelegt hatte und wieder zu religiösen Ideen übergeaangen" war. Wa» ihn, vor seinem Uebertritt uuolett heftigster Selbstanklage bereitete, da» war da» Gefühl de» Verrat» an feinen Stammesbrüdern, am eigenen Ich. Er hat diesen Verrat begangen - au» Schwäche und au» der a»l» den Zettumständen gewonnenen

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