KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 11 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 654 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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<354 er lebte in einer Zeit, in der sie sich langsam und unter den schmerzlichsten Wehen anbahnte. Er durchlebte die ganze Zwiespältigkeit, welche die Entwicklung des Judentums in der ersten Halste des neunzehnten Jahrhunderts kennzeichnet. Das ausgehende achtzehnte Jahrhundert hatte mit den aus dem Mittelalter überkommenen historisch-scholastischen Anschauungen gebrochen, hatte aus Gründen des „natürlichen Rechts" die allgemeinen Menschenrechte, den Grundsatz der Freiheit sür alles, was Menschenantlitz trägt, proklamiert. Das Licht und das Feuer, das sich damals über Europa ergötz, drang auch in jene Winkel, wohin religiöser Fanatismus einen ganzen Volksteil einst verbannt und wo ihn selbstische Interessen der Volksgenossen vom geldbedürstigen weltlichen und geistlichen Machthaber bi* zum ängstlichen Zünftler seither sorgsam eingesperrt gehalten hatten. Es offenbarte sich damals die geistige und moralische Stärke des jüdischen Stammes in einer Erhabenheit, wie sie nicht oft in der Geschichte der Menschen und Völker angetrofsen wird. Ein schmerzvolles Ringen begann. Aus der einen Seite ein inbrünstiges Sehnen der deutschen Juden, sich deutschem Geist und deutschem Wesen ganz hinzugeben, gekennzeichnet durch die Bestrebungen, die sich an den Namen Mendelssohn knüpfen, durch die begeisterte Teilnahme an den Befreiungskriegen und weiterhin durch die Pflege höchster geistiger Kultur in den Kreisen einer Henriette Herz oder einer Rahel Levin, wo sich die Geistes- und GeburtSaristvkratie des aufstrebenden Preußen ein Stelldichein gab. Aus der anderen Seite jener aufreibende Kamps gegen die tief eingewurzelten Vorurteile »rnd den gut gepflegten Hatz der überwiegenden Mehrzahl der christlichen Volksgenossen, Hegen die zahlreichen Verfallserscheinungen bei denStammesgenossen, wie sie sich als Folge jahrhundertlanger Knechtung imb Abschätzung herauSbilden »nutzten und erst mit der völligen nutzeren »mb inneren Gleichstellung ganz schwinden können An diesem Kainps gegen daS Ghetto »»ach i»men »md außer» hat Heine einen mehr als gewöhnlichen Anteil. Zunächst darf schon die Tatsache als nicht zu gering angeschlagen »verdeit, datz er a!o ein starker geistiger Exponent des Judentums anzufehen ist, datz er durch sei». Schassen der Welt von de»» Entwicklungsmöglichkeiten der Jude»» nach tatisendjähriger Knechtung einen »veithin sichtbaren Beiveis gegeben hat. Wen»» «»» »ronvegifchen Fjorde»» skandinavische junge Mädchen die Loreley in deutscher Sprache singen, »v,e der Versasser es erlebt hat, »venu die besten deutschen Komponisten Heine» Lieder öfter als tue irgend eines andere»» Dichter» vertont haben, wenn se»»»e Werke in alle Kultursprachen übersetzt »vorden sind und »venn selbst Männer von der Wesensart eines Treitschke seine Bedeutung anerkannt haben, so hat Heine durch seine blotze Zugehörigkeit zu»n Judentmn der jüdischen Sache nicht zu unterschätzende Dienste geleistet. Aber darin hat sich sein Verhältnis zum Judentum nicht erschöpft. Er hat im Befreiungskampf der deutschen Juden mitgestritten und »nitgelitten und »venn er einmal gewünscht hat, »nan möge ihm ein Schwert auf den Sarg lege»», denn er sei ein braver Soldat in» Befreiungskriege der Menschheit gewesen, so gilt daS ge»vitz für den Kainps, in dein »vir Juden stehen. ES gilt trotz der Tatsache, datz Heine sich äutzerlich durch die Taufe vo»n Judentmn getrennt hat. Wir »visien — Heine hat es oft genug ansgesprochen —, datz er diesen Schritt bis zu seinem Lebensende bitter bereut hat. Trotzde»»» sehen »vir in seiner Taufe eine schivere Verfehlung an der jüdischen Sache, die »vahrlich dadurch nicht geringer »vird, datz er ohne innere Ueberzeugung den Glauben ge- »vechselt hat. Nicht zur Rechtfertigung, »vohl aber zu»»» menschlichen Verständnis seines Handelns n»utz aber doch aus die näheren Uinstände, die den Uebertritt veranlaßt haben, hingewiesen »verden. ES kann nicht geleugnet werden, datz bei der Taufe Heines auch materielle Gründe »nitspr»»chen. AIS er vor die Notlvendigkeit ge» stellt »vurde, einen bürgerlichen Berits zu ergreifen, bereitete ihn» die Wahl große Schivierigkeiten: Zun» Handelsstande, dein einzigen säst, der den» Juden zugänglich »var, ta»»gte er nicht. Die akademischen Berufe aber waren den Inden damaliger Zeit in noch höhere»»» Matze als heute verschlossen. Salomon Heine ge»vährte dem Neffen die Mittel zun» Studiun» unter der ausdrücklichen Bedingung, datz er in Hainburg die Advokatenlaufbahn einschlage, die dort »vie fast überall im Anfang deS neunzehnten Jahrhunderts den Juden gesperrt »var. Aber die tiefsten Gründe für HeineS Uebertritt liegen doch »vohl aus einer anderen Linie. Aus einer ge»vissen inneren Verzweiflung heraus, nicht kalten Herzens, auS übler Schachergesinnung. »vie so viele Stellen- »»nd ErsolgSjäger unserer Tage, hat Heine den Schritt getan. Unter seinen „Gedanke»» »»»»d Einfälle»»" findet sich der Satz: „Der Taufzettel ist das Entreebillet zur europäischen Kultur." Man hat diesen Satz eynisch genannt; er ist es in gewissem Sinne auch. Aber eS steckt in ihn» sür die Zeit HeineS ein großes Stück Wahrheit und der Zynismus liegt in den Tatsachen, ist die Schuld derjenigen, die das Jtldentun» in Niedrigkeit gestürzt »md gehalten und derjenigen, die eine Prämie aus das Spiel mit den» Heiligste»» gefetzt haben. Wir haben oben a»»sgeführt, mit welch eifriaer Liebe der St»»de»»t Heine an den geistigen Be-