KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 11 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 653 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2268830-2268895-2268900--1715-3523334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
653 reizvoll es wäre, es wurde zu weit abseits führen, wollten wir den zahlreiä en Pfaden nachgehen, die Heine und fein Werk mit dem Rhein, seinem Leben, feinen Sitten und der schönen Eigenart seiner Anwohner verbinden. Heines Kunst, seine lyrische wie epische, war — das haben uns Rheinlands beste Künstler oft gesagt — rheinische Kirnst, Heimatskunst im besten Sinne, ein Jahrhundert fast vor ihrer offiziellen Erfindung. In der weniger bekannten Rezension der Gedichte seines rheinischen Studienfreundes Johann Baptist Rousseau, aus dem Jahre 1823, hat sich Heine über das Verhältnis des Poeten zur Heimat geäußert: „Der wahre Dichter hat das Talent, die unbedeutendsten und unerfreulichsten Dinge des Lebens so anzuschauen und zusammenzusetzen, daß sie sich zu einem schönen, echt poetischen Gedichte gestalten. Deshalb hat jedes echte Gedicht eine bestimmte Lokalfärbung, und im subjektiven Gedichte müssen wir das Lokal erkennen, ivo der Dichter lebt. Aus den vorliegenden Dichtungen haucht uns der Geist der Rheinegenden an und wir finden darin liberall Spuren es dortigen Treibens und Schaffens, des dortigen Volkscharakters mit all seiner Lebensfreude, Anmut, Freiheitsliebe, Beweglichkeit und unbewußten Tiefe." Sicher ist daS deS Rheinländers Charakter und es sind auch die wesentlichen! Charakterzüge des rheinischen Dichters Heine. Die „Loreley" ist ein rheinische- Volkslied und ein deutsches, trotz der schlimmsten Albernheiten, die darüber gesagt und geschrieben sind, und wird es bleiben, selbst wenn sich eine- TageS unsere Kölnische und Düsseldorfer RheinschiffahrtSgesellschast entschließen sollte, jedem Rheinfahrer mit seinem grünen oder braunen Fahrschein eine Anweisung in die Hand zu drücken: „Ueber da- Verhalten deS allein echten deutschen Rheinreisenden beim Sichten de- Lurleifelsen nebst einer auSgewählten Sammlung von Erkatzliedern, zusammengestellt nach rein arischen Gesichtspunkten von Adolf Bartels." Was dieselöbliche Unternehmen ganz gewiß bleibe,» lassen wird. Heine war ein echte- Kind de- Rhein-; von all den Merkmalen, die er als charakteristisch für den Rheinländer bezeichnet, fehlt ihm keine-. einewar nicht ungetrübt bei ihm: die Lebensfreude. Wohl war er durchaus LebenSbejaher; er bezeichnete sich selbst gern alS Hellenen und hatte damit sicher insofern Recht, alS fein innerstes Sehnen nach hellenischer Kraft und Schönheit ging, wenn auch, wie Dehmel sich in seiner mehrerwähnten Dichtung ausdrückt, dir Dehnstlcht siech war „durch die lange Knechtschaft J-raelS." lleberreich ist ia das deutsche Schrifttum an Verherrlichungen klassischer Zeit und antiken Lebens; in den verzwicktesten Metren ist griechische Schönheit gefeiert worden; ursprünglicher und mit unmittelbarerer Freude wohl nie als in den einfachen Rhythmen des Gedichts: „Ich bin der Gott der Musika, verehrt in allen Landen-k" Auch der Heroismus und die heitere Ruhe, die Heine in den langen Jahren seines Leidens gezeigt hat und die seinen zahlreichen Besuchern immer wieder ein Rätsel erschienen, zeugen von einem starken Lebenswillen, zugleich auch von einer ungewöhnlichen moralischen Kraft. „Jede Pause — schreibt der treue Freund Alfred Meißner — benutzte er, um seiner Umgebung zuzulächeln und seinen Gast, wer es auch war, zu erheitern. Er nahm Anteil an allem, was die Welt be-! wegte, er klagte nicht, er siel niemandem zur Last, er wies seine Lieben hinaus, wenn die Schmerzen kamen, er verzweifelte nicht. Wie ein Weltweiser im griechischen Sinne deS Wortes ließ er geschehen, was der unabänderliche Ratschluß des Schicksals über ibn verhängte. Er schrieb Romanzen, Satiren, Balladen, verbesierte alte Auflagen, laS Korrekturen und richtete dabei Briese an Freunde in allen Himmelsgegenden. Das tat er krank, aus seinem Sterbebette . . . Mir kam es oft vor, als wenn sein Geist zu stolz gewesen wäre, um einzusehen, wie schmerzlich er vom Körper mitberilhrt werde." Man darf eS bezweifeln, ob einer der selbstgerechten Tugendwächter, die ja über den Dichter zu Gericht gesessen haben, ein gleiches Maß stoischer Stärke aufgebracht Hütte. Aber waS nicht der Krankheit Schmerz und Leid vermochte, Heines Lebensfreude zu trüben. daS vermochte der „Judenschmerz" Er nagte wie ein häßlicher Wurm am Herzen deS Dichters. Heine war Künstler biS in die Fingerspitzen, sensitiv und von einer starken Reizbarkeit, die natürlich durch die körperlichen Leiden, besonders seine nervösen Kvpsbeschwerden, noch gesteigert wurde. ES ist gewiß kein Zufall, daß diejenigen Dichtungen, die Heine während seines Aufenthalts an der See concipierte, vor allem die „Rordseedilder", die stärksten und reinsten Offenbarungen seinedichterischen Schaffens geworden sind. Am Meer, daer liebte „wie seine Seele", suchte und fand er Linderung seinequälenden Kopfleiden-; dort fühlte er sich frei von den physischen ' Hemmungen, die auch seine psychische Artung stark beeinfluffen mußten. Einem so empfindlich organisierten Menschen mußte die unwürdige! Stellung de- Judentummir allen ihren großen und kleinen Begleiterscheinungen, mußten die häßlichen Kränkungen, die er al- Jude zu erleiden hatte und an denen auch körperlich und seelisch frühere Naturen zerbrechen körtnen, besonders tark treffen. Heine ward in einer Zeit geboren, ln der ln Deutschland dle Gleichberechtigung der Juden noch nicht einmal ans dem Papier stand: