KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 11 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 651 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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651 soviel dessen, waS bekämpft werden muß, daß wir die dort nötigen Kräfte nicht unnütz absplittern dürfen. Aber: verachten wir nicht völlig die kleine Torheit, die unsere werdende Klarheit — und sei eS auch für Sekunden — trüben möchte! Also, es handelt sich um dies: unsere Großstadttheater haben (man braucht ja in Gedanken an den Ernst der Lage mit ihnen nicht allzu rigoros zu verfahren) in letzter Zelt und auch schon früher Judenkomödien mit einer sonderbaren Vorliebe zur Darstellung gebracht. Das sind Stücke, in welchen entweder nur Juden Vorkommen oder doch wenigstens ein Jude den „beliebten" Chargenspieler beschäftigt. Man soll nicht auf den Gedanken kommen, wir seien zu empfindlich oder wir witterten hinter jedem Spaße den Antisemitismus —: von besten Aeußerungen ist schon darum hier gar nicht die Rede, weil die geschäftskundigen Direktoren sich vor so etwaschwer hüten würden. Osten gesagt: mir wäre ein ehrliche- Wort der Feindschaft beinahe noch lieber, als da-, woran ich hier denke — Shakespeare- Shqlock ist wahrhaftig kein Bild der Verehrung! Und daß wir einen Scherz vertragen, daß wir ihn sogar lieben und all' daS an unwohl kennen, waS belacht werden mag, daß beweist altes und neuejüdisches Schrifttum zur Genüge. Auch dem Juden ist der Frohsinn und der Spaß willkommen: ich meine selbstverständlich nicht den vielberedeten Witz, der sich gar zu oft und zu protzig breit macht und am Ende immer widerlich ist. Allerdings — Menschen, welche keine Minute ernst bleiben können und mit dummen Verdrehungen ihre geistige Armseligkeit bemänteln, gibt und gab eimmer und überall. Wir wollen unauch nicht mit dem Problem von seelisch-tieftrer Schichtung beschäftigen: wie überhaupt das Verhältnis de- Juden zu den Gebilden de- Komischen oder de- Humorsich gestalte. Da-, wogegen ich den guten Geschmack anruftn möchte, ist etwa- Besonderein jenen Judenkomvdien, deren Titel ich nicht zu nennen brauche. Kurz und mit einem Worte gesagt: eist der Bourgeois im Juden, der stcb da breit macht. Ein Freitagabend wird vorgetührt: Hauptsache ist dabei da- Esteneine dicke Behaglichkeit wird gleichsam mit der Suppe ausgetragin. Ein „jüdischer" Au-druck sällt. Kinder machen altkluge Bemerkungen. Bo« Geschäft — natür» lich — und von der Börse muß geredet «erden. Und dann muß irgendwie da- „jüdische Herz" aus dem billigen Bilderbogen erscheinen, oder eine sade Dei-heit: Sprüche der Väter find die Worte nicht, aber Geschwätz, so sentimental und so billig, baß man flch schämt. Die Träger all' dieser Herrlichkeiten find entweder ein gerissener Jobber — der aber ein grundanständiger Kerl ist — oder der „tüchtige Junge" oder die brave Tante oder so etwas ähnliches. Ganz schlimm aber wird die Sache, wenn das Verhältnis des Juden zum Christen oder gar zur Judentaufe berührt wird: da sitzt etwa eine ganze Familie zusammen, Leute, die sich so „jüdisch" benehmen, wie enur in gewissen Kreisen möglich ist — und plötzlich stellt sich heraus, daß alle seit Jahren getauft sind! Und so weiter. Ich habe gesagt: man schämt sichman fühlt solchem verkitschten Judentum gegenüber das Gleiche, wie gegenüber dem verkitschten Deutschtum in Hurra-Stücken mit bengalischer Beleuchtung und überschrieener Gefühlsduselei, j Wüßte ich, daß solche Scham immer ausglühte,! diese Zeilen wären ungeschrieben geblieben. Aber l ich habe bemerkt, daß man sich nicht schämt, daß j der jüdische Bourgeois diese Zerrbilder mit üblem Behagen ausnimmt und daß der christliche I Bourgeois mitmacht: autiefer und würdiger j Seelenverwandschaftk Schlimmer noch: eS sind! Juden, welche diese Machwerke hergestellt haben, | eS sind jüdische Künstler, denen bei der Darstellung nicht schlecht wird. Gewiß: daS Zeug ist sehr nebensächlich. Aber eS ist ein Symptom, welches nicht Über«! sehen werden darf. Die Leute, welche immer! wieder nach derartiger „geistiger Nahrung" verlangen, sie find eS, auf welche wir uns im! Kampfe um unser Judentum nicht verlaßen j können: sie aber, die ihrer Würde so leicht ver- ' geffen oder gar keine haben, schreien zumeist und ' am lautesten um HUse, wenn Verachtung sich ' geltend macht. Sind davielleicht gar die gleiche,i ' wackeren Leute, welche im Privatleben daS Wort ' ^Fude" nicht laut aussprechen und kindische Wortspiele statt seiner gebrauchen? jMan beachte auch hier die böse Analogie mit dem Ausländsdeutschen vor dem Krieae!) Aber dann ist ihnen wohl, wenn sie sich als Publikum untereinander sicher fühlen und ihre eigene Feigheit begrtnsen dürfen! Diejenigen, die sich schämen können, foUcn i immer wieder ihre Stimme erheben und mahnen. ' Au- Unwürdigem kann keine Freude kommen. , Dawiderwärtigste Schauspiel aber ist «S, wenn einer im Berkehr mit sich selbst nur iwch den! Witz oder die Sentimentalität d«S Tingeltangel zur Verfügung hat. » * ♦