KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 11 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 645 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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645 die jüdische Weisheit die Wahrheit zum »Siegel" der Göttlichkeit. Wo daher die Wahrhaftigkeit in der politischen Grundbestimmung verletzt ist, da kann auch die Religiosität nicht richtig orientiert sein. Wenn nun sür den Begriff der jüdischen Religion neben dem Einzigen Gotte noch ein anderes begriffliches Merkmal besteht, so ist dies die messianische Menschheit. Mir diesem Begriffe der Einen Menschheit, welche den (ÄnzigenGott erkennen wird, vernichten die Propheten Israels das Heidentum und begründen in dieser Botschaft Israels an die Völker der Welt die göttliche Erwählung des jüdischen Volkes, als des Boten der Menschheit. Die zionistische Literatur aber ergeht sich auch in Schriften deutscher Rabbiner in frivoler Verhöhnung dieser höchsten Idee der jüdischen Religion, die sie als eine Ausgeburt der Humanitätsduselei des liberalen Rationalismus herabwürdigt. Diese Differenz allein ist hinreichend, die religiöse Scheidewand zwischen unserm messianischen Judentum und dem Zionismus auszurichten. Wenn dennoch auch hier eine Vermittlung, ein Ausgleich schüchtern versucht wird, so sei man vorsichtig, daß die messianische Gottesidee nicht beeinträchtigt werde. Ohne Hoffnung auf die messianische Menschheit gibt eS für uns kein Judentum. Und wer daS Judentum in seiner Grundlehre grundsätzlich sür daS jüdische Volk reserviert hält, der verleuanet den Einzigen Gott der messianischen Menschheit. Die Erwählung JSraelS erkennen wir nur als die geschichtliche Vermittlung für die göttliche Erwählung der Menschheit an. Im Talmud wird der Mensch, wenn er vor den göttlichen Richter geführt wird, nur nach seinem moralischen Verhalten gefragt, mit der alleinigen Ausnahme, daß er nur noch gefragt wird: „Hast du gehofft auf da- Heil?" So klar und so ttef wird die messianische Zuversicht den Grundvrsten der jüdischen Religiosität zugeordnet. ES ist ia freilich nur die Konsegue»»z denationalistischen GrundirrtunrS, die sich in der Abstoßung der messianischen GotteSidee vollzieht. Aber diese Kvnseguenz erstreckt sich aus daSBerständntS unserer ganzen Bibel, wahrlich nicht minder aus den Pentateuch alS auf die Propheten und die Psalmen. Und ebenso wird MalmonideS mit seiner Abtrennung deS MessianiSmuS von der Eschatologie und damit fein Grundsatz deS Rationalismus aus dem Mittelpunkte der Religion verschoben und die Grundauelle der geistigen Auffassung und deS sittlichen JdealiSmuS unserer Religion verstopft. Gott bewahre unS vor der Exegese der Propheten, »velche auS dem zionistischen Standpunkt hervorgeyen müßte. Unser Verhältnis zur Bibel hat nun aber eine besondere aktuelle Bedeutung sür unsere studierende Jugend. Mit der Negation und Abwehr allein ist es nicht getan: wir müffen zu ganz anderen positiven Leistungen uns aufraffen, wenn wir unserer Aufgabe gerecht werden wollen. Die Taufgesahr ist unstreitig noch immer im Wachsen oegriffen. Und die Angriffe von Seiten des Christentums, und zwar ebenso sehr vom katholischen Modernismus wie vom liberalen Protestantismus, werden immer schärfer und durch daS Liebäugeln mit dem Pantheismus immer gefährlicher, je schwacher offenbar subjektiv ihr eigener dogmatischer Halt wird. Die allgemeine Literatur ist durchgängig von Pantheismus und Mystik beherrscht; der Einzige Gott gilt als mythischer Aberglaube. Denn wie Christus eine Person ist, so möge auch der Einzige Gott eine Person sein. Einen Unterschied im GeltungSwerte der Idee von dein der Person erkennt man nicht, weil man den wissenschaftlichen JdealiSmuS nicht erkennt. JdealiSmuS soll nur aus Intuition beruhen. So vereinigt sich der Pantheismus mit der Mystik und mit der Abschwächung deS strengen Monotheismus zur Ablehnung Gottes im Geiste der Idee. Der Stil des Zionismus in der allgemeinen Literatur bestätigt daher andererseits das allgemeine Vorurteil der Christen gegen unS, daß »vir keine Religiosität hätten, daß nur die gloria gentis unsere Religion wäre. Wenn dagegen wahrhafte Begeisterung sür den tiefsten Gedanke»» der ethischen Kultur »»»»d sür die »»nerschüpsliche Bedeutung des Begriffs von» Einzigen Gotte unsere Seele erfüllt, wie könnten »vir dann noch in irgend einer Naturtatsache, »vie der der nationale»» Abstammung, den eigentliche»» u»»d einzigen Halt suchen sür u»»ser Setbstbewußtsein. Wer mH der gniucn Glut deS Herzens, mH Zittern und Beben fein Schema IiSrael betet, der, und er allei»», befestigt sein jüdisches Ich unerschütterlich in Geist u»»d Seele. Wer hingegen dajüdische Selbstbewußtsein in» letzten Grunde auS dem Stan»u»esgefühl herleitet, der geht an de»»» lebendigen Brum»en vorbei, der der Jungbrunueu des Ervigen ist. Die Rationalität hat freilich ein Moment, durch deffen Stärkung der Ziv»»iSu»uS sich scheinbar ein Berdle»»st erwirbt: die hebräische Sprache. Jndeffen scheiden sich a»»ch hier Stutzen und Vorzug von Gefahr und «»»fm»». Wtr reden von unS deutschen Juden, »»ich» von Palästina. Die hebräische Dpracke ist m»S eine heilige Sprache. Doch dieser A»rsorurk schon ist, »vie gewöhnlich, eine falsche Uebersetzttng des Heiligen. Der hebrätsche Ausdruck lautet: die Sprache des Heiligtums. Nicht eine profane Umgangssprache soll u»»S die Sprache unserer