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KC-Blätter · 1916-05-01 · Heft 11 (Mai 1916) · p. Seite 644

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 11 (Mai 1916)
Date
1916-05-01
Page
Seite 644 (sequence 22)
Language
German
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644 dem Prinzip der Gewissensfreiheit und der gegenseitigen Achtung der Konfessionen, mit seiner ganzen religiösen wie patriotischen Seele erhofft, der glaubenstreue Jude, der sein Vaterland Hebt, wie seine Religion, und seine Religion lle&t, wie sein Vaterland — denn Treue bildet die Einheit seines Wesens — dieser Schwärmer wird vom Zionismus verspottet und verachtet. Er ist schlechterdings ein Feigling und ein Heuchler; denn er wuchert nur mit patrivttschen Redensarten, während er in seinem innersten Herzen kein anderes Vaterland fühle als daS gelobte Land, in dem man jetzt wieder für Milch und Honig den Anbau besorgt. So wird dagesamte nichtzionisttsche Judentum zur Schadenfreude aller Judenfeinde der inneren Unwahrhastigkeit geziehen. Und dieser Vorwurf trifft ebenso die Religiosität, wie die politische Gesinnung. Denn waS wäre denn Religiosität anderes alSNationalgesühl? Wer das jüdische Nattonalgefühl verleugnet, der hat sich damit zugleich die Religiosität abgesprvchen. Das ist ia aber eben das Problem, um dessen Recht gestritten wird. Diesen Einwand läßt der Zionist nicht gelten. WaS ist denn etwa sonst noch Religion? Die Speisegesetze und den größten Teil deö RitualiSmuS hält ja der liberale Jude erst recht nicht. Mithin werde auch hierdurch bewiesen, daß er keine Religion hat. Und der judenseindlichen Welt wird eS verkündet: der liberale Jude hat keine Religion. Richtig! sagt der Antisemit, er will ja auch nur die Weltherrschaft erobern. DaS Umsichgreisen deS Zionismus ist daher auch keineswegs ausschließlich seiner nationalistischen Werbekrast zuzuschreiben, sondent er profitiert hier mit der Politik einer sozialen Koalition von der Feindschaft der Orthodoxe gegen den Libera- Usmus. Und auch die Orthodoxie verschmäht den Gewinn nicht, der ihr aus solcher unnatürlichen Koalition erwächst. Die Verbindung ist unnatürlich, denn Vertreter deS Zionismus haben eS oft genug ausgesprochen und ihre schöne Literatur strotzt von diesem ZyniSmuS: daß die panthelstische Weltanschauung über die Religion einejenseitigen GotteS erhaben ist. Aber die jüdische Rasse trage in ihrer Lebenskraft daS Merkmal der Helligkeit an sich. Eine solche LedenSkrast stelle ein mystisches Moment dar — und was wäre alle Religion anderes als Mystik? Wenn nun der ZioniSutus Religion und Rationalität gleichsrtzt, so erheben wir zunächst den Einsvrnch, daß wir Richtzionisten keineswegs die Religion außer Verbindung setzen mit der Rationalität. Wir setzen au» beide nicht identisch, sondern machen die Rationalität zu einem anthropologischen Mittel für die Fortpflanzung der Religion. Hierdurch wird auch den anderen Religionen gegenüber die Toleranz gewahrt, die wir selber beanspruchen. Die Familie ist die Wiege der Religion. Die Religion begründet nicht einen Kogitantenbund, sondern in die Familie senkt sie ihre Wurzel, und aus der Familie zieht sie ihre Sprößlinae. So ist die Nationalität die naturgemäße Bedingung und Grundlage für den Fortbestand der Renaion. Indessen ebensowenig, wie zwischen Religion und Nationalität, besteht auch Identität zwischen Staat und Nationalität. Diese Einsicht hat der große Weltkrieg verbreitet. Man hat Jahrzehnte hindurch an dem österreichischen Staate verzweifelt, weil er so viele Nationen, wie man sagt, in sich vereinigt. Die Terminologie muß hier verändert werden. Nicht Nationen vereinigt der Staat, sondern Nationalitäten. Der Staat erst ftiftet und begründet die eine Nation, mit der er sich gleichsetzt. Aber diese eine, durch den Staat definierte Nation kann viele Nationalitäten in sich vereiillgen. Diese geschichtliche Einsicht muß sich jeder Antisemit jetzt gefallen lassen, und er spottet seiner selbst nur, seines eigenen Nationalstaates, wenn er uns deutsche 5>uden wegen unserer fortbestehenden jüdischen Nationalität dicZugehörigkeit zur deutschen Natton, zum deutschen Nationalstaats absprechen will. Die NationalitätSsrage haben wir sonach den» Zionismus gegenüber hier erledigt, sofern er unS der Unnatürlichkeit und Unaufrichtigkeit unseres NativnalaefühlS bezichtigt. Jetzt drehen »vir »ber den Spietz um und fragen ihn selbst: ob er mit klarem Bewußtsein die jüdische Nation, im Unterschied von der jüdischen Nationalität, zu seinem Panter macht. Nur wenn er grundsätzlich und ausnahmslos den jüdischen Staat erstrebt, hätte er ein Recht, von der jüdischen Nation und nicht, wie wir, von der iüdischenNationalttät zu sprechen. Ich mische mich nicht in den Streit um Losungsworte und Diskussionen darüber, wenn dagedankliche Prinzip für da- Losung-wort falsch )jt. Solange dort die Losung besteht, eine „öffentlichrechtliche Heimstätte" für die Juden zu gründen, ohne daß die Einschränkung hinzugesügt wird: für diejenigen Juden, die annoch einer solchen entbehren — kann ich sür den Zionismus keinen wahrhaftigen politischen Grund anerkennen, muß vielmehr eine Kränkung sür da- Vaterlandsgesühl derjenigen Inden in jener Losung finden, die ln Ihrem Vatrrlande ihrem politischen Bewußtsein und Grsühle nach eine Heimstätte besitzen. Und dir Zweideutigkeit dieser Losung macht den ganzen Ztoni-muS für mich zu einer schier rindegreulichen Unwahrhastigkrit. Wahrhaftigkeit ist jedoch die menschlich« Grundlag« der Religiosität. Auch sür Gott selbst macht

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