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KC-Blätter · 1916-05-01 · Heft 11 (Mai 1916) · p. Seite 640

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 11 (Mai 1916)
Date
1916-05-01
Page
Seite 640 (sequence 18)
Language
German
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640 von Palästina aus werden sie geistig beeinflußt und als kulturelle Einheit zusammengehalten werden können. Er glaubt, -aß so der geistigen „Judentumsnot" ein Ende bereitet werden könne, indem so der Bestand des Judentums gesichert, seine Entwicklung ermöglicht, die Gefahr der „Atomisierung" verhindert werden würde. (Achad-Haam und seine Anhänger sehen eine Gefahr für den Einzelnen weniger in der „Affimilation", der Anpassung an die Völker, als in seiner „Atomisierung", dem Verlust des innern Zusammenhanges mit dem Judentum). Dagegen erwartet er von der Besiedlung Palästinas nicht eine Beseitigung der materiellen Judennot. Er hält im Gegensatz zu den meisten Zionisten eine Masseneinwanderung für unmöglich, nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Juden wird allmählig angesiedelt werden können. Wer sich Wer diese beiden verschiedenen Spielarten des Zionismus orientieren will, dem empfehle ich die „Autoemancipation" von Leo Pinsker aus dem Jahre 1881 (in zweiter Auflage im jüdischen Berlage erschienen) einerseits, den Aufsatz von Achad-Haam „Ihr. Pinsker und seine Broschüre" (Am Scheidewege Bd. I, S. 65 st.) andererseits. Der heutige (organisierte) Zionismus bedeutet eine Synthese dieser entgegengesetzten Anschauungen. Bereits Ausgang der 80er Jahre hatte Achüd-Haam entscheidenden Einfluß auf die russischen Zionisten gewonnen. Als dann Herzl auftrat, auf diplomatischem Wege einen Charter zu erlangen suchte, um die jüdischen Masten binnen kurzer Zeit nach Palästina zu verpflanzen, sah er sich zu schärfster Opposition veranlaßt. Diese Strettschristen sind es, die in diesem zweiten Bande vereinigt sind. Bei einer Besprechung des II. Zionistenkongrestes von 1898 (S.29 ff.) befürwortet Achad-Haam planmäßige Kolonisation Palästinas und Förderung jüdischer Kultur. Der Kongreß hätte Resolutionen in diesem Sinne angenommen, aber Achad-Haam meint mit Recht, daß die Resoluttonen auf dem Papiere stehen würden, da Herzl bekannttich Kolonisation vor Erlangung des Charters nicht wünschte und für Hebraismus und andere Kulturfragen wenig Verständnis hatte. Obwohl die russischen Zionisten im Banne der Anschauungen von Achad-Haam standen und stehen, fügten sie sich zu. nächst der überragenden Persönlichkeit Herzls, aber nach 8erzls Tode auf dem Vll. Kongreß (1905) erlangte die pposttton den entscheidenden Sieg (Beschränkung der zionisttschen Kolonisationstättgkeit auf Palästtna und Nachbarländer, soforttge planmäßige Kolonisation ohne Charter, Förderung hebräischer Kuttur). Seitdem hat sich der offizielle Zionismus den Anschauungen von Achad-Haam genähert, was dieser auch 1912 in dem Artikel „Die Bilanz" (S. 71 ff.) anerkennt. Gleichwohl ist Achad-Haam meines Wissens der zionisttschen Organisation bislang nicht beigetreten. Was meine Stellung anlangt, so begnüge ich mich zu bemerken, daß ich Achad- Haam in manchen Punkten nicht beistimmeich will aber gern bekennen, daß seine Anschauungen auf mich tiefen Eindruck gemacht haben schon zu einer Zeit, als sie in Deutschland noch wenig bekannt waren. Die Entwicklung in Palästina hat Achad-Haam rechtgegebendort entsteht eine hebräische Gemeinschaft, mit der als einer Tatsache man wi«> rechnen müssen. Welchen Einfluß das aber auf die große Mehrheit der Juden haben wird, darüber werden die Ansichten vorläufig ebenso auseinandergehen wie über viele andere Fragen des Zionismus. Immerhin, Achad-Haam rührt an die tiefsten Probleme des modernen Judentums, das sich in einem Umwälzungsprozeß befindet, und die Lösung, die er gibt, wird man nicht leichthin abtun können. Hans Block (Licariae). Eine nnbekannte Welt. 2. Band: Zwischen Rhein und Wolga. Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben von Jud äus. (Verlag von Sänger und Frkedberg, Frankfurt a. M. 5673). „Eine unbekannte Welt" hat der Verfasser seine Erzählungen betttelt, deren zweiter, fast 500 Seiten starker Band soeben (im Jahre 5673!) erschienen ist. Es kann bezweifelt werden, oo die Welt die Ostjuden, in welche der Verfasser den Leser einführen will, nach den Werken von Kompert und Franzos wirklich so unaekannt ist, daß ein Bedürfnis nach einem Buche zur Einführung vorlag. Man muß das Werk ein Tendenzbuch nennen: Die Ostjuden, ihr Leben, ihre Frömmigkeit und Rechtschaffenheit werden im hellsten Lichte geschildertvon Schattenseiten der Charakterbildung — und auch die sind doch bei unseren östlichen Glaubensgenossen vorhanden — ist nirgends die Rede. Solche kennt der Verfasser nur bei den Westjuden, deren mangelnder Gottesglaube, Pietätlosigkeit und Untreue gegen die Religionsgesetze nicht kratz genug geschildert werden können. Der Autor verficht unverkennbar die Theorie, daß nur der Ostjude ein wahrer und guter Jude sei, und erblickt im westlichen Kulturjüden lediglich den Assimilanten, wohl gar den demnächstigen „Meschummed". Selbst handgreifbare Jrrtümer scheut der Verfasser nicht, wo es gilt, den Ostjuden herauszustreichen Ein Beispiel dafür bietet die Stelle (S. 33), an welcher es in bezug auf einen Talmudlehrer heißt: „Er war ein Gelehrter und konnte infolgedessen weder deutsch schreiben noch lesen. Das heißt, er hatte seit seiner ftmhesten Jugend so emsig Thora und Talmud studiert, daß er für das Studium des deutschen Lesens und Schreibens keine Zeit und Muße, vielleicht auch (sic!) keine Anregung und Gelegenheit hatte." Ja, weiß denn der Verfasser wirklich nicht, daß schon die bloße Kenntnis der deutschen Sprache und Schrift bei den östlichen chassidischen Glaubensgenossen als religiös unzulässig verpönt war? Zahlreiche, langatmige Talmuderzählungen, welche eingeflochten werden, machen das Buch nicht schmackhafter, und die Lebensunwahrheit einzelner Erzählungen ändert sich dadurch keineswegs, daß der Autor sie ins achtzehnte Jahrhundert verlegt. Der Verfasser des recht breit geratenen Buches dürfte wohl in Kreisen des orthodoxen jüdischen Klerus zu suchen seiner konnte im Hinblick auf Gegenstand und Milieu zur Einführung in die „ungekannte Welt" die Ostjuden etwas Interessantes oder Belehrendes schaffen; esiist ihm nicht gelungen. vr.Baruch. vr.Felix A. Theilhaber. Schlichte Kriegserlebniffe. Lamms jüdische Feldbücherei Nr. 7. Berlin, Verlag Louis Lamm. Es ist bereits früher an dieser Stelle der von der Verlagshandlung Louis Lamm Herausgegebenerl jüdischen Feldbücherei warme Anerkennung gezollt worden. Die kleinen Hefte,, die es sich zur Aufgabe setzten, unseren Glaubensgenossen im Felde allgemein jüdische Literatur zu bieten, haben denn auch viele Freunde gefunden. Im 7. Bändchen läßt der Verlag den bekannten Pub-, llzisten Felix A. Theilhaber, der jetzt als Oberarzt im Felde steht, zu Worte kommen. „Schlichte Kriegserlebnisse" nennt der Verfasser feine kurzen Berichte, die die Wiedergabe packender Eindrücke von der Ost. und. Westfront enthalten. Das Grauen des Krieges wird dem Arzt, der das Elend lindern und es daher besonders klar schauen muß, zum tiefen Erlebnis. Und so klingt denn auch durch die einfachen Erzählungen gar oft ein Ton des furchtbaren Leides, das in tausendfälttger Ge. statt den Spuren des Krieges folgt. — Es nimmt nicht wunder, daß einem Mann wie Theilhaber der Ostjude,

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