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KC-Blätter · 1916-05-01 · Heft 11 (Mai 1916) · p. Seite 639

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 11 (Mai 1916)
Date
1916-05-01
Page
Seite 639 (sequence 17)
Language
German
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639 Vücher- und VlStterfchau LJ Die polnische Frage von vr. Adolf Grabowsky. Zweite, durchgesehene Auflage. 1916. Carl Heymanns Verlag, Berlin. Preis 3 Mark. Mit gründlichem historischen Wisien und Verständ- bis, mit gutem Blick für die praktischen Forderungen der Gegenwart hat der konservative Schriftsteller Gra. nowsky die gesamte polnische Frage untersucht und in einer Broschüre von etwa hundert Seiten übersichtlich dargestellt. Bon seinen» Lösungsversuche — er empfiehlt ein deutsch-österreichisches „Kondominium" über die eroberten polnischen Gebiete — ist ün dieser Stelle nicht zu reden. Wir möchten sogar meinen, daß zu solchen Erörterungen noch immer Zeit genug sein wird, wenn über das Schicksal des Landes die Waffen end. gültig gesprochen haben und die Friedensverhandlungen im Gange sein werden. Hervorgehoben sei nur der Freimut, rnit dem Grabowsky die bisherige preußische Polenpolitik betrachtet und verurteilt. Seine Kennzeichnung des bisherigen Verhaltens gegen Rußland, das man als stärksten Hort der „Autorität" (bester hieße es vielleicht „Reaktion") betrachtete und demgemäß liebevoll behandelte, ist hoffentlich ein Zeichen dafiir, daß man in den Kreisen seiner politischen Freunde auf dem Wege zur Einsicht und zur Besserung ist. Sehr treffend und scharf ist der uns interessierende Teil des Problems ersaßt. In Einzelheiten kann man dem Verfasser des Buches freilich nicht immer zustimmen. Geschichtlich ist es durchaus falsch — psychologisch übrigens auch —, daß das „Ghetto eine Erfindung der Juden" sei. Ebenso unhaltbar ist es, wenn er dem Ostjuden eine innere Disposition zu dem „bekannten, traurigen Typus" mit würdeloser und knechtischer Gesinnung Nachsaat. Um den Chassidismus und die jüdische Gesetzlichkeit innerlich erfassen und verstehen zu können, was doch wohl die Grundlage eines Urteils sein sollte, mutz man die jüdische Denkweise und das jüdische Leben viel genauer erforschen, als Grabowsky es getan hat, und ohne eine gründliche Kenntnis jüdischer Geschichte wird dies überhaupt nicht möglich sein. Die Behauptung, daß die Juden nur darauf warten, mit Gewalt an der Ausübung vieler Gebräuche gehindert zu werden, klingt fast grotesk, und auch sonst sind kleine Jrrtümer und schiefe Auffassungen zu berichtigen. Alle Mängel verschwinden aber vor der großzügigen Auffassung, der klug vorausschauenden Einsicht, dem sicheren politischen Urteil in den Grundzügen seiner Anschauung. Und besonders heroorgehoben sei die menschenfreundliche, fast liebevolle Gesinnung, die aus seinen Wünschen für die Zukunft der verachteten und gedrückten Stiefkinder Europas spricht. Auf die verständigen Ansichten und Vorschläge Grabowskys im einzelnen einzugehen, ist hier nicht erforderlich, da sie sich mit denen der deutschen Judenheit, die auch in diesen Blättern dargestellt worden sind, im allgemeinen decken. Völlige Rechtsemanzipation, verbunden mit wirtschaftlichen Maßnahmen und Schutz vor dem übermächtigen polnischen Antisemitismus sollen ihnen die gedeihliche Entwicklung im eigenen Lande gewährleisten und die Abwanderung nach Deutschland auf natürlichem Wege verhindern. Von einer absoluten Grenzsperre, wie sie Fritz verlangt hatte, will Grabowsky nichts wissen, und er lehnt die Schreibtisch. Weisheit des alldeutschen Theoretikers mit bestimmten Worten ab. Ueber die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der Ostjuden ist Grabowsky durch eigene Anschauung gut unterrichtet. Auch über manche der modernen inneren Vorgänge weiß er treffendes zu sagen, so über polnisches Nationaljudentum und Zionismus die fein beobachteten, beachtenswerten Sätze: „ . . . wie denn überhaupt der Zionismus in der Hauptsache eine westliche Denkrichtung ist, die sich von den Ostjuden zum Teil ganz phantastische Vorstellungen macht. Man will das „volle Judentum" dieser östlichen Juden nachähwen und will doch wieder diesen östlichen Menschen als Führer dienen. Die östlichen Nationaljuden sind weit realistischer, sind so realistisch, daß den meisten Zionisten des Westens darob noch einmal das Grauen kommen wird." Diese kurzen Andeutungen werden genügen, um zu zeigen, daß man allenthalben das Grabowskysche Buch mit Nutzen lesen wird. Auch dort, wo man vom jüdischen Standpunkte ans zum Wider, spruche gezwungen ist, können uns seine Ausfiihrungen vieles und gewichtiges sagen, und allen, die für die Probleme des Ostens ein ernstes Interesse haben, seien sie angelegentlich empfohlen. Felix Goldmann (Thuringiae). Achad-Haam, Am Scheidewege. II. Band. Aus dem Hebräischen von Df. Harry Torczyner. Jüdischer Verlag Berlin 1916. Preis 4 Mark. Achad-Haam (Pseud. von Uscher Ginsberg) ist der bedeutendste hebräische Schriftsteller der Gegenwart, ein Denker, der auf die Ideen der russischen Juden tiefgehenden Einfluß ausübt. Kartettbruder Lazarus hat in den K. C.-Blättern (Juli 1914) den ersten Band besprochen, der Aufsätze meist aus den Jahren 1888 -1893 enthält. Jetzt sind Aufsätze m»s den Jahren 1897 bis auf unsere Tage zu einen» zweiten Bande vereinigt »vorden. Die Uebersetzung ist gut »rnd auch aus diesem Btlche spricht eine starke, in sich geschlossene, ethische, in der Polemik vor»»ehme Persönlichkeit. Die letzten drei Aufsätze dieses zrveiten Bandes fallen aus dem Rahmen der übrigen heraus. In „Drei Stufe»»" und „Golusverneinung" bespricht er die Bestrebungen nationaler Autonomie für die Ostjuden, ohne dieses Problem zu erschöpfen. (Das Beste über diese schivierige Frage hat meines Erachtens Franz Oppenhei»ner in de»n Ostjudenheft der Süddeutschen Monatshefte gesagt.) Achad-Haam bezweifelt als hebräischer Schriftsteller die Lebensfähigkeit des Jargons und steht den Autonomiebestrebungen ziemlich skeptisch gegenüber. Der letzte Aufsatz „Die Schwankenden" ist ei»»e sehr lesensrverle Betrachtung über die Unterschiede der jüdischen und christlichen Religion. Sämtliche übrigen Aussätze des Bandes enthalten eine Kritik des Zionismus von dem Auftreten Theodor Herzls an. Der Standpunkt von Achad-Haam wird oft als Kulturzionismus bezeichnet: „Palästina wird einst ein geistig-nationales Zentrum für das Judentum sein, ein Zentrum, das dem ganzen Volke lieb und teuer ist und das ganze Volk (geistig) vereinigt und verbindet; ein Zentrum der Thora und der Wissenschaft, der Sprache und der Literatur, der körperlichen Arbeit und der seelischen Reinheit, eine echte Miniatur des jüdischen Volkes, wie es sein sollte. . . . Und ein jeder Jude in der Zerstreuung wird es als ein Glück betrachten, wenigstens einmal in seinem Leben das „Zentrum des Judentums" zu sehen, und wenn er in seine Heimat zurückkehrt, wird er zu seinen Freunden sagen: Wenn ihr den echten Typus eines Juden in seiner urwüchsigen Gestalt sehen wollt, sei es ein Rabbiner, Gelehrter oder Schriftsteller, sei es ein Bauer, Handwerker oder Händler, dann geht nach Palästina, und ihr werdet ihn zu sehen bekommen...(Am Scheidewege Bd. I, S.86, Bd. II, S. 93). Die große Mehrheit der Juden wird auch in Zukunft nicht in Palästina leben, aber die Zersplitterung ist nicht zu befürchten, rmbehindert werden sich die Juden in der Diaspora entfalten körmen, denn

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