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KC-Blätter · 1916-05-01 · Heft 11 (Mai 1916) · p. Seite 632

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 11 (Mai 1916)
Date
1916-05-01
Page
Seite 632 (sequence 10)
Language
German
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632 risse in der seinblauen, fast durchsichtigen Lust scharf hervortreten, wird gesungen. Man fühlt, wie die Töne zarte Fäden zwischen den feindlichen Gräben spinnen. Das französische Landstädtchen auf der rückwärtigen Anhöhe liegt im zitternden Dunst des Abends wie eine Fata Mor- SV Man sicht nicht seine zerschossenen Giebel. ' sie nicht sehen. Mit tausend Begierden saugt man die fülle Geruhsamkeit der friedlichen Natur in sich. Wie in Kinderzeiten ist es einem, wenn die Mutter Märchen erzählte, oder wie damals, als man — ein grasgrüner Fux — Hand in Hand mit einem lieben Mädel das Frühlingswunder des Neckars schaute. Alles in uns drängt dem Leben entgegen. Ich glaube, man muß den Tod geschaut haben, um das Leben so lieben zu können. Kein Schuß stört die heilige Ruhe. Der Krieg scheint zwischen den Gräben zu schlafen. Aber das Dunkel der Nacht, das sich langsam von den Hügeln herabwälzt, wird ihn wieder wecken. Es ist jeden Tag dasselbe. Man sitzt eben bei einem Becher Kriegskaffee und plaudert mit einem Kameraden über dies und jenes, wenn das feindliche Artilleriefeuer beginnt. Erst tasten ein paar leichte Schrappnells nach unserem Graben. Man lacht noch darüber. Eine leichte Ouvertüre. Leitmotiv: Abstand und Richtungswinkel der feindlichen Arttllerie zu unserer Stellung. Ist dies genau herausgearbeitet, dann erst eröffnet das Dröhnen der Granaten die eigentliche Handlung. Am rechten Flügel des Abschnittes beginnen sie. Sie zielen nicht schlecht, die drüben. Schuß für Schuß sitzt im Graben oder wühlt sich in die Brustwehr. Der Boden zittert. Die aufspritzenden Eisenteile der berstenden Granaten singen auf ihrem Todesweg durch die Luft. Erdschollen, abgerissene Holzteile werden umhergewirbelt. Alle 10 Meter eine Granate. Man kann schon berechnen, die wievielte dem eignen Unterstand gelten wird. Der Kaffee wird kalt. Man zündet eine Zigarette an uno versucht, gleichgültig auszuschauen. Dann und wann spricht einer noch ein Wort. Insgeheim zählen alle. Noch 5, noch 4 . . . 3 . . . Ein krampfhaftes Lächeln wird zur Maske. Man bohrt sich die Fingernägel ins Fleisch und versucht, an anderes zu denken. Noch 2. Man denkt nicht ans Sterben, wenn beim Angriff der allgemeine, rasende Taumel einen wie von Sinnen vorwärts peitscht oder wenn tierische Wut bei der Verteidigung ums Leben kämpft. Aber wehrlos im Unterstand hobken und die Sekunden zählen, die vielleicht noch übrig bleiben, das rüttelt an einem. Nur noch eine und jetzt kommt man selbst an die Reihe. Man steckt die Hände in die Tasche und heißt die Zähne aufeinander. Und horcht, gebannt wie die Opfer der Kopra. In der Ferne ein Abschuß. Langsam heulend wälzt sich die Granate heran. Die Nerven drohen zu bersten. Dann ein furchtbares Dröhnen. Der Unterstand scheint in sich Zusammenstürzen zn wollen. Eisen, Holz, Erde schmettert an seine Wände. Wir schauen einander an. Der Schuß saß einige Meter zu kurz. Die Erstarrung weicht. Wir' zucken gleichgültig die Achseln uno zünden eine neue Zigarette an. Bis morgen haben wir wieder Ruhe. Die Granaten wandern weiter. * q- * Ich habe mich heute mit einem Offizier über die Judenfrage unterhalten. Es ist merkwürdig, wie oft man hier draußen zu solchen Gesprächen kommt. Es besteht viel ehrlicher Wille bei den christlichen Soldaten, über die Kluft zu uns herüberzugelangen. Wir müssen ihnen dabei entgegenkommen. Am besten durch volle Offenheit. Sie verstehen es, wenn man ihnen von der geschichtlichen Bedingtheit unseres Wesens spricht. Und sie wissen, daß bei dem kulturellen Aufstieg nicht alle gleichen Schritt und Tritt halten können. Man soll nichts zu entschuldigen suchen, was nicht entschuldigt zu werden braucht. Aber wir wollen ein offenes Ohr haben für ihre Einwürfe, denn manche von ihnen zeigen uns neue schwere Wege, die wir in der kommenden Friedenszeit zu gehen haben werden. Gewiß, auch in dem edelst denkenden Christen schlummert im innersten Denken überkommenes Vorurteil, das krampfhaft nach Beweisen sucht. Aber wir dürfen hier nicht überempfindlich sein. Die meisten kennen uns ja noch gar nicht. Stoßen wir sie nicht von Anfang an zurück, indem wir böse Absicht da bekämpfen, wo nur Unkenntnis täppisch an uns stößt. Uno lernen wir vor allem gegen uns selbst gerecht sein! Und unerbittlich streng! Unsere gute Sache darf nicht der Deckmantel werden für jedermann. Sicherlich, das Judentum selbst steht für uns über jeder Debatte, ob gut oder böse. Das sind wir unserer Selbstachtung schuldig. Aber Mir wollen anderseits auch nicht immer das Judentum schützen wollen, wo nur Personen angegriffen werden, die es verdienen. Und sollen nicht gleich mit Statistiken gesprungen kommen, die beweisen, daß es auch schlechte Christen gibt. Die Schreier gewinnen wir auf diese Weise auch nicht und die, um welche es sich zu werben verlohnt, wissen das von selbst. Sie wollen ja auch nicht von uns hören, was in ihren Reihen Schlechtes geschieht, sondern wollen das Gute kennen lernen, das in tausendfältigen Formen im deutschen Judentum lebendig ist. Und dann: es ist trotz allem wahr: ein deutscher Jude, der die Größe selbst dieser unserer schweren Zeit nicht versteht, sündigt doppelt: gegen

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