KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 10 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 620 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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620 Es fehlt unserer akademischen Jugend die Kraft zum sozialen Schauen, es fehlt ihr der Einblick in die Psyche aller Volkskreise. Das hat hinwiederum zur Folge, daß bei ihr Jntereffelosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den großen Gegenwartsfragen Platz greift. Jnftrenger Abgefchlossenheit wird keine Lebenserfahrung erlernt. Wir wollen nicht leugnen, daß gerade hier im letzten Jahrzehnt schon vieles geschehen ist, um der akademischen Jugend Auge und Ohr zu öffnen für das gewaltige Getriebe des Gegenwartslebens. Doch noch viel tatkräftiger, viel eifriger, und nicht vereinzelt, sondern ganz allgemein muß auf dieses Ziel hingearbeitet werden. Natürlich darf man dabei nicht in den obengerügten Fehler verfallen und jede einzelne studentische Korporation zu einer politischen Partei stempeln. Das ist auch gar nicht nötig. Nur Einblick verschaffen sollen sich unsere jungen Studenten in alle Vorgänge unseres Lebens, und sie sollen sich nicht mehr mit Bedacht fernhalten von all dem, was außerhalb des engen Gesichtskreises ihrer nächsten Umgebung liegt. Nur reife Menschenkenntnis und umfassende Erfahrungen werden es dem jungen Akademiker möglich machen, mitzuarbeiten an der Lösung all der wichtigen sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Fragen, die nach dem Kriege an das deutsche Volk herantreten werden. Männer, kraftvoll an Körper und kraftvoll an Geist, Männer, stark zum Herrschen und willig zu gehorchen, Männer, die bereit sind, ihr Höchstes hinzuaeben für ihr Vaterland, für ihre Ehre, für Freiheit, Recht und Kultur, braucht das deutsche Volk nicht nur in diesen schweren Tagen, sondern es wird sie zu allen Zeiten nötig haben. Daß unsere Hochschulen solche Männer ins Leben hinaussenden, das hat die große Stunde gezeigt. Nicht der Zufall waltet hjer ob, sondern in der Art unseres Hochschullebens liegen die Gründe dieser Erziehung verborgen. Deshalb brauchen wir auch hier keine großen Umwälzungen. Nur darauf kommt es an, daß unsere akademische Jugend den Geist der auf unfern Hochschulen weht, in seinem ganzen Umfang und seiner tiefen Bedeutung nach zu erkennen sich bestrebt. Sollte das bisher nicht immer oder nicht in der richtigen Weise geschehen sein, so dürfen wir zuversichtlich hoffen, daß auch hier der große Lehrmeister Krieg Wandel schaffen wird. Noch einmal wiederholen wir es: Die akademische Jugend muß sich der Bedeutung der Erziehungsmittel, die man ihr selbst in dieHand gegeben hat,stets bewußt bleiben. Maßhalten muß sie mit ihnen. Dann zweifeln wir nicht, daß sie zu jeder Zeit allen Anforderungen, die man an sie stellen wird, gerecht werden kann. Humor im Me. Bon einem Feldgrauen.*) Es gibt sicherlich Leute, welche ganz ernsthaft behaupten, daß es eine Zeit gegeben hat, in der noch kein Krieg war. Wir Feldgrauen, die wir nun schon wer weiß wie lange! rat Felde stehen, mit dem Kriegs- und Soldatenleben innig verwebt, verkettet, verwachsen sind, gewissermaßen durch die Wurstmaschine des Krieges hindurchgegangen und dementsprechend umgestaltet sind,—wir Felögrauen, die wir uns nach solch eingreifender Metamorphose kaum noch unseres ehemaligen zivilistischen Embryonalstadiums zu erinnern vermögen — wir dürfen und können uns solch zwingenden Argumentationen ernsthafter Leute nicht verschließen. Einige von uns — zweifellos ganz besonders hitzige Draufgänger — mögen sich sogar, keck und feldgrau wie sie sind, in wagehalsiger Gedankenattacke erdreisten, sich und uns vor- und einzureden, daß sie (und wir) trotz des Stacheldrahtes unserer Kriegsgepflogenheiten und trotz der Brummerlöcher unserer Gehirnarbeit noch ganz die alten seiendaß womöglich zu Hause die alleinseligmachende Badewanne vollauf genüge, um — nach entzückendem klassischen Vorbilde — aus dem farbigen (feldgrauen?) Seifenschäume wieder die alte, schöne Seele hervorzuzauberndaß schließlich nach dem Kriege — und weshalb sollte man nicht einer solchen Möglichkeit furchtlos ins Auge sehen? — alles wieder beim alten wäre. Wir persönlich sind nicht leichtfertig genug, mit dem (leider!) verrosteten Bajonette spitzfindiger Zungenelastizität solch undurchdringlichem Ästverhau komplizierter Probleme zu Leibe zu gehen. Wozu auch ohne strategische Notwendigkeit die, ach!, so große Zahl schlechter Propheten in diesem Kriege vermehren? Wozu auf den Nebelpsaden grauen Theoretisierens schleichen, da uns doch hier draußen das tote Blei der Logik viel weniger gilt als das lebendige der Mörserschlünde? Sei dem also wie ihm sei. In einer Beziehung würden wir uns allerdings herzlich freuen und auch wünschen, daß wir viel vom Alten beibehielten, nämlich von dem Verscheucher trüber Wolken, dem Retter aus schweren Stunden, dem würzigen Humor. Und wirklich, es ist erstaunlich, wieviel hierin bei uns vorne „geleistet" wird,' wie er trotz der Grauen und Greuel oes Krieges nicht versiegt, sondern immer wieder wie eine *) Der Verfasser versteckt sich, spreizt sich dafür über um so mehr als Anonymus. Scheut er auch heute in ergötzlichem Diskant, so hat er vielleicht morgen schon ernste Baßweisen vorzutragen. Und wäre man dann nicht allzu leicht geneigt, in ihm wieder den alten Spaßvogel zu suchen? Was tut auch der Name zur Sache? Sehen wir Feldgrauen nicht aus einer wie der andere?