KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 10 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 619 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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619 der uns unfern Gegnern so unendlich überlegen sein läßt, der uns aber auch zurückhält vor all den niÄrigen Ausschreitungen, die sich jene haben zuschulden kommen lassen. Wir kennen unsere Gegner. Ihnen aber fehlt zumeist dasVerständrns für unsere Eigenartdenn nur der Deutsche hat sich von jeher bemüht, das Wesen anderer Völker zu ergründen. (Daß dies Bestreben nicht selten in ein Mißachten der eigenen Kraft ausartete, haben wir zu unserm Schmerz gesehen. Es wäre eine Gesundung unseres Volkes, wenn jetzt dieser Schaden behoben werden könnte.) Jeder einzelne von uns weiß kraft seiner Bildung, wofür er kämpft. Deshalb ist nur für uns dieser Krieg ein heiliger Krieg, in dem alle ihr Höchstes hinzugeben bereit sind. — Die Universalität der Ausbildung bedingt aber auch die Freiheit der Erziehung. Unserer akademischen Jugend ist als höchstes Gut die Lernfreiheit gegeben. Man erwartet von ihr, daß sie selbst aus eigenem Antrieb den Weg findet, der zu dem Ziele führt, das sie sich gesteckt hat. Ihr selbst ist es überlassen, von dem unendlich Vielen, was ihr geboten wird, das herauszusuchen, was ihr schön und geeignet erscheint. Verkennen wir nicht den erzieherischen Wert dieser Lernfreiheit. Sie bedingt unter unserer akademischen Jugend eine Auslese. Die energielosen Elemente werden zurückgestoßen, denn ihnen wird es ohne Zwang unmöglich sein, die Klippen, an denen unser Hochschulleben gewiß reich ist, zu umgehen. Die willensstarken Charaktere aber werden gefestigt, ihr Blick wird geweitet, ihre Arbeitskraft gesteigert. Sie werden sich in der Erkenntnis, daß Freiheit nur dann nicht in Zügellosigkeit ausartet, wenn der einzelne sich die durch das Zusammenleben mit der Umwelt gebotene Beschränkung auferlegt, selbst zur Pflichterfüllung, zum Gehorsam, zur Disziplin erziehen. So werden sie nützliche Glieder, aber auch vorbildliche Führer eines kulturstarken Volkes werden können. — Und ein Zug von Idealismus und vielleicht auch ein Hauch von Romantik geht durch unser studentisches Leben. Gerade weil sich unsere Musensöhne so manche Sitten erhalten haben, die mit unserm bürgerlichen Leben nicht mehr in Einklang stehen, haben sie sich, abseits von dem wogenden Getriebe der Alltagsrealität, eine kleine Welt errichtet, in der sie Ideale noch pflegen können. Mag manches an diesen Sitten zu tadeln sein, das steht fest, daß sie die jugendlichen Herzen derer, die sich zu ihnen bekennen, erglühen lassen für hohe Ideen, für Freundschaft, Ehre, Treue, Freiheit oder Gerechtigkeit. Und wenn auch später unter dem Drucke des Berufslebens vieles oavon wieder schwindet, ein wenig von diesem Idealismus wird immer in den Seelen all derer, die einst auf unfern Hochschulen jung gewesen sind, wach bleiben. Wie nötig in Stunden schwerer Gefahr ein solcher Idealismus ist, auch das haben wir heute gesehen. Das deutsche Wissen, das deutsche Pflichtgefühl, der deutsche Idealismus, das find, die Faktoren, die den Sieg des deutschen Volkes verbürgen. Vergessen wir nie, daß nicht zuletzt auf unfern Hochschulen der Grundstein zu den gewaltigen Erfolgen diese Krieges gelegt worden ist. Aber sagen wir nicht: weil der Krieg die Vorwürfe, die man gegen unsere akademische Jugend erhoben hat, zunichte machte, deshalb sei alles gut. Auch hier haben wir gelernt, und wir wollen uns bestreben, die Erfahrungen, die wir in diesen Tagen gemacht haben, in den künftigen Zeiten des Friedens zu verwerten. Wir haben den Wert unseres Hochschulerziehungssystems wohl schätzen gelernt. Wir wissen nunmehr, daß es gut ist. Die Schäden, die sich bemerkbar gemacht haben, mußten also darin ihre Ursache haben, daß unsere akademische Jugend nicht in der richtigen Weise Gebrauch gemacht hat von dem, was ihr gegeben ist. Sie hat mit ihm nicht immer Maß gehalten. Gar ofL haben wir beobachten müssen, wie die jungen Studenten dahinlebten in einer wilden Jagd nach tollen Vergnügungen. Gewiß! wie die Pflanze des Lichtes bedarf, um sich entfalten zu können, so muß die Jugend Lust und Freude haben, wenn nicht ihre Lebenskeime verkümmern sollen. Aber ein zügelloses Sichausleben, das nenne ich nicht ein richtiges Genießen der Jugend. Da werden nur die Kräfte, die sich entfalten sollen, ertötet. Und es tut auch nicht gut, sich etwa nur mit dem zu beschäftigen, was die Korporation, der man gerade angehört, verlangt. Gar zu gerne umhegen die studentischen Verbindungen ihren Kreis mit einer chinesischen Mauer, und jeder Zutritt eines Fremden oder auch das Hinauswagen des eigenen Mitgliedes in eine andere Welt ist streng verpönt. Nicht soll, wie nochmals betont wird, das Korporationsleben als solches angegriffen werden. Nur seinen Auswüchsen gilt der Taoel. Daß man all die Partei-, die Konfessions-,dieRassen-undKlassengegensätze auch ins studentische Leben hinüberträgt, ja sie dort noch verschärft, das ist bitter traurig. Vielfach trägt wohl hier eine Ueberspannung und Verkennung der Ideen, zu denen man sich bekennt, die Schuld. Aber jedenfalls muß dieser Giftkeim aus dem Herzen unserer akademischen Jugend herausgerissen werden. Man solle annehmen, daß sich jetzt, nachdem sie alle, die sich früher streng gemieden, brüderlich Not und Gefahr geteilt haben, dieser Läuterungsprozeß leicht vollziehen läßt. Aber auch deshalb ist dieser strenge Abschluß gefahrdrohend, weil er dem jungen Akademiker die Möglichkeit nimmt, andere Kreise als die, in denen er ausgewachsen ist, andere Lebensanschauungen als die, in denen er exogen ist, kennen zu lernen.