KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 10 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 618 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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618 als besser und brauchbarer, als wir je erwartet haben, und es würde ein bitterer und schwer zu ersetzender Verlust sein, wenn uns all das genommen werden sollte. Der Krieg dars und wird bei uns nicht zur Revolution werden, die alles Bestehende über den Hausen wirft, den Faden des geschichtlichen Zusammenhanges alles Seins durchschneidet, um dann auf neuer Grundlage ein neues Leben aufzurichten. Solch ein Beginnen muß immer verderbenbringend sein, denn die Menschen mit all ihren Anschauungen und Lebensbetätigungen wurzeln nun einmal in einer bestimmten Vergangenheit, sie zehren von einer bestimmten Ueberlieferung, und es tut nicht aut, sie mit plötzlicher Gewalt von diesem Mutterboden fortzureißen. Aber ein Lehrmeister ist uns der Krieg, eine Kraftprobe, die zeigen soll, ob sich all das, was wir in jahrzehntelangem friedlichem Schaffen uns angeeignet haben, auch im Ernstfall bewähren kann. Daß das deutsche Volk diese Kraftprobe bestanden hat, bedarf heute keiner besonderen Erörterung mehr. Und selbst aus den Auseinandersetzungen unserer Feinde, in denen sie die Ursachen ihrer Niederlagen zu ergründen suchen, klingt immer lauter der Neid, aber auch die Bewunderung über die innere Kraft, die „Organisation" Deutschlands. Dennoch konnte es bei alledem nicht ausbleiben, daß hie und da Schäden bemerkbar wurden, daß Organisations- und Erziehungsfehler in die Erscheinung traten, die vielleicht früher überhaupt nicht beobachtet werden konnten, deren Beseitigung aber heute allgemein als Notwendigkeit erkannt ist. Man hat vor dem Krieg viel über unsere Jugend gesprochen, und nicht immer im günstigsten Sinne. Der Verweichlichung hat man sie geziehen. Mat hat ihr den Jdealismns, der doch das ureigentlichste Gut der Jugend ist, abgesprochen. Einen Hang zur „Ueberkultur" glaubte man bei ihr seststellen zu können. Als aber der Sturm der Augusttage des Jahres 1914 das deutsche Volk durchbebte, da zeigte sich, daß man unserer Jugend Unrecht getan hat. In heiliger Begeisterung strömten sie zahllos zu den Waffen. Ohne auch nur einen Augenblick sich zu besinnen, gaben sie all das, was bisher der Inbegriff ihres Daseins zu sein schien, hin, um mit ihrem Leben das Vaterland zu schützen. Und was seit jenen Augusttagen, in 18 schweren langen Monaten, geschehen ist, das hat uns, die wir zu Hause bleiben mußten, mit heißer Liebe zu unserer Äugend erfüllt. Wir alle glauben wieder an sie. All die Vorwürfe, die man der Jugend insgesamt gegenüber aussprach, pflegte man mit besonderer Schärfe gegen die akademische Jugend zu richten. In den letzten Jahren erschienen in unfern Zeitungen in regelmäßigen Abständen langatmige Erörterungen, die sich mit der Verderbnis und der Fäulnis unseres Hochschullebens befaßten und in allen möglichen Vorschlägen zu dessen „Reinigung" und „Wiedergeburt" gipfelten. Es mag zugegeben werden, daß den Außenstehenden die Art, in der sich das Leben unserer akademischen Bürger abzuspielen pflegt, manchmal recht eigenartig anmuten kann. Das Korporationswesen mit all seinen Sitten und Gebräuchen, das freie ungebundene Leben, das das herrliche Gut der „Lernsreiheit" ganz zu verkennen schien, mußte dem, der sich nicht die Mühe nahm, den tiefen Sinn all dessen, was da vorging, zu erfassen, unverständlich und für die eigentliche Erziehung als gefährlich erscheinen. Die Ursache all der vernichtenden Urteile dürfte aber nur darin zu suchen sein, daß man sich eben nicht bemüht hat, nach Zweck und Bedeutung dieses ganzen Erziehungssystems — wenn wir es einmal so nennen dürfen — zu forschen. Ohne Prüfung verurteilte man, weil man nicht mehr begriff. Heute dürsten sich auch hier die Urteile geändert haben. Unsere akademische Jugend hat ihre höchste Leistungsfähigkeit erwiesen. Sie stellt die größte Prozentzahl der Kriegsfreiwilligen. Die Hörsäle sind verwaist. Teilweise ist es nur der Beteiligung der Frauen am akaoemischen Studium zu verdanken, daß unsere Hochschullehrer ihre Lehrtätigkeit sortsetzen können. Die meisten der studentischenKorporationen haben ihre Pforten geschlossen. Und wo sie es nicht getan haben, halten nur die in der Universitätsstadt in Garnison stehenden Mitglieder und die krank oder verwundet aus dem Felde zurückgekehrten in bescheidenem Rahmen den Verbindungsbetrieb aufrecht. Kann wohl eines der mit uns kriegführenden Länder eine gleich hohe Kriegsbeteiligung der akademischen Jugend aufweisen? Ob wohl in einem anderen Land die Besucher der Hochschulen mit der gleichen Begeisterung zu den Waffen geströmt sind? Daß aber der deutsche Student heute in der Stunde der großen Not all seinen goldenen Leichtsinn, seine heitere Fröhlichkeit und seine sorglose Lebensauffassung mit einem Schlage abstreifte und als ganzer Mann dastand, der nur noch den heiligen Ernst der Pflicht kannte, das ist eine Folge seiner vielaeschmähten Erziehung. Universalität, Freiheit, Idealismus, das sind die Zentren, um die unser Hochschulleben kreist, das sind aber auch die Sonnen die es mit belebenden Strahlen durchdringen. Universalität: Nicht nur die Vorbereitung für einen bestimmten engumgrenzten Beruf empfangen unsere jungen Akademiker auf den Hochschulen, sondern eine allumfassende Bildung soll ihnen hier zuteil werden. Den Ehrentitel wUniversitates litterarum« führen unsere Hochschulen auch heute noch zu Recht. Hier wird der Grund > gelegt zu der Universalität des deutschen Geistes,