KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 10 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 617 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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617 Leipzig oder Berlin oder auch — in Oxford erworben haben. Wir wollen, wie bereits oben bemerkt und begründet, bei der Erörterung der nationalen Gesinnung Heines davon absehen, die eigenen Äußerungen und Bekenntnisse des Dichters über diesen Punkt anzuführen. Aber doch — ein Gedicht sei hier wiedergegeben, weil ihm nicht mit dem Hinweis auf Alles, was Heine je Bitteres über sein Vaterland geschrieben hat, begegnet werden kann. Dieses Gedicht steht unter den in den Jahren 1839 — 1846 entstandenen Zeitgedichten, ist also in der Zeit entstanden, als Heine so böse und in seiner Verbitterung oft auch ungerechte Töne gegen deutsche Zustände und Persönlichkeiten gefunden hat. Gerade die Zeitgedichte enthalten neben dem auch in diesen Jahren entstandenen „Wintermärchen" wohl die schärfsten Zeitsatiren, die je aus der Feder des Dichters geflossen sind. Da weist das Gedicht „Deutschland" mit prophetischer Schönheit aus dem Elend damaliger Gegenwart auf Deutschlands Zukunst hin, ein Trostrus an seine Landsleute über dem Rhein, ein Warnruf an Deutschlands Feinde, nicht zum wenigsten an die Franzosen, unter denen er lebte und die seine Werke lasen wie nur seine besten Freunde und intimsten Feinde in der Heimat: Deutschland ist noch ein kleines Kind, Doch die Sonne ist seine Amme. Sie säugt es nicht mit stiller Milch; Sie säugt es mit wilder Flamme. Bei solcher Nahrung wächst man schnell Und kocht das Blut in den Adern. Ihr Nachbarskinder, hütet euch Mit dem jungen Burschen zu hadern. Er ist ein täppisches Rieselein, Reißt aus dem Boden die Eiche, Und schlägt euch damit den Rücken wund Und die Köpfe windelweiche. Dem Siegfried gleicht er, dem edlen Fant, Von dem wir singen und sagen; Der hat, nachdem er geschmiedet sein Schwert, Den Amboß entzweigeschlagen. Ja, du wirst einst ein Siegfried sein, Und töten den häßlichen Drachen; Heisa, wie freudig vom Himmel herab Wird deine Frau Amme lachen! Du wirst ihn töten und seinen Hort, Die Reichskleinodien besitzen. Heisa! wie wird auf deinem Haupt Die goldene Krone blitzen. Dehmel läßt in dem eingangs erwähnten Gedicht „Ein Heinedenkmal" den fürstlichen Auftraggeber des Denkmals zu dem Bildhauer also sprechen: Und eile dich mit deiner Arbeit, Freund, Schon weil dein großes Lebenswerk dich drängt, „Der deutsche Michel aus dem Schlaf erwachend". Ist es nicht, als ob der jubelnde Hymnus auf das kommende Reich dem Dichter des gewordenen und sich seiner Kraft bewußten Deutschlands vorgeschwebt hat, als er mit schöner Symbolik den Bildner des sich reckenden deutschen Attchel ausersah als den Schöpfer eines Denkmals für Heinrich Heine.*) In dem Gedicht „Deutschland" verkörpert Heine das Bild des neuen Deutschlands in der Lichtgestalt Jung- Siegfrieds. Die Gedankenwelt der nordischen Mythologie und der Sagen und Märchen deutscher Vorzeit lag ihm nahe; er beschäftigte sich mit ihr von seinem ersten studentischen Semester, als er in Bonn die Farben der deutschen Burschenschaft trug, bis zu seinem Krankenlager in Paris, als er, drei Jahre vor seiner Erlösung, in den „Göttern im Exil" die Sage vom Tannhäuser behandelte. Die erste Prosaarbeit Heines war — wenn wir in diesem Punkte seinem allerdings oftrmzuverlässigenJugendgenossenundBiographen Friedrich Steinmann glauben dürfen — eine Abhandlung über das Nibelungenlied, die er als Bonner Student schrieb. Aus seinen Kollegheften wie aus den zahlreichen Mitteilungen seiner akademischen Lehrer und Studiengenossen wissen wir, mit welchem Eifer und welch leidenschaftlicher Liebe sich Heine, offiziell in der Matrikel der juristischen Fakultät eingetragen, der deutschen Sprach- und Geschichtsforschung hingab. An der Pforte des poetischen Schaffens des Dichters steht ein Gedicht „Deutschland", voll romantischer Sehnsucht und Klage. Das Gedicht ist nicht besser und nicht Kter als so manches Reimverbrechen anderer Micher, die später brave Staatsbürger und korrekte Familienväter geworden sind, ohne jemals in ihre Jugendsünden zurückzufallen. Aber immerhin ist es bezeichnend für die ganze Sinnes¬ und Geistesrichtung und die eingeborene Empfänglichkeit des Dichters für alles, was mit deutscher Art und deutschem Wesen zusammenhängt. Wie Heine eigentlich Zeit seines Lebens Romantiker geblieben ist, auch als er sich längst feierlich von der Romantik losgesagt hatte — letzten Endes ist es wohl jeder echte Dichter — so zeigen sich in dem Jugendgedicht auch schon die deutlichen Keime seiner Zweiflernatur, die sich hier noch kindlich unbefangener äußert als im späteren Schaffen, aber dadurch gerade wertvolle Einblicke in die Seele des Dichters und Fingerzeige für die Gründe seiner „Zerrissenheit" gibt. (Schluß folgt.) *) Es mag in diesem Zusammenhang erwähnt werden, daß Hugo Lederer, der geniale Schöpfer des Ham. burger Bismarckdenkmals, auf der diesjährigen Frühjahrsausstellung der Berliner Sezession eme Portrait, düste Heines ausstellt. Unsere akademische Jugend. Wir sind uns darüber klar, daß der Krieg nicht eine völlige Umwälzung unserer gesamten Lebensverhältniffe zur Folge haben wird. Es würde das auch nicht nöttg sein, denn gar vieles hat sich als gut und brauchbar erwiesen, vielleicht