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KC-Blätter · 1916-03-01 · Heft 10 (März 1916) · p. Seite 616

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 10 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 616 (sequence 34)
Language
German
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616 rade Persönlichkeiten, die uns irgendwie wertvoll zu sein scheinen, mit diesem Matzstab nachprüsen. So mag es nicht zufällig sein, daß gerade in diesen Tagen eine Broschüre von Ma; Fischer, dem Verfasser der vielbeachteten Monographie,,Kleist, der Dichter des Preußentums" erschienen ist, die das Thema „Heine, der deutsche Jude" *) behandelt. Um es vorweg zu sagen — leider ist das, wenn es sich um Heine handelt, nicht selbstverständlich — das Buch ist ohne Hatz und ohne Voreingenommenheit geschrieben. Der Verfasser, offenbar ein gläubiger Christ, bemüht sich in jeder Hinsicht, dem Dichter gerecht zu werden. Noch mehr, er legt die höchsten Matzstäbe an die Persönlichkeit und das Schaffen Heines. Wir haben beim ersten flüchtigen Durchblättern der kleinen, aber äußerst eindrucksvollen Schrift etwas vermißt, worauf uns der Titel hinzuweisen schien, nämlich die Erörterung über die nationale Gesinnung des Dichters. Bei näherem Zusehen erscheint uns aber dieser Mangel bei der sonstigen Stellungnahme des Verfassers, mit der wir uns noch auseinander zu setzen haben und die durchaus nicht eine unbedingte Schätzung des Dichters ist, eher ein Vorzug zu sein. Fischer geht bei der Würdigung Heines offenbar von dem Satze Wischers aus: „Das Moralische versteht sich von selbst." So eingehend er die „Gefühlswelt" des Dichters erörtert und dabei zu der Feststellung einer Disharmonie zwischen seiner jüdischen Abstammung und seinem Deutschtum kommt, so wenig läßt er einen Zweifel an der deutschen „Gesinnung" Heines auch nur durchblicken. Er sagt an einer Stelle (S. 15), Heine habe sich „letzten Endes doch am stärksten als Deutscher empfunden" und damit ist für den unbefangenen Beurteiler eigentlich Alles gesagt. Wer sich selbst als Deutscher empfindet, kann schlechterdings nicht antinational gesinnt sein, kann es am wenigsten sein, wenn er so eine impulsive Natur wie Heine ist, dem seine Empfindung geradezu Lebensgesetz gewesen. Leider können wir als Juden und K. C. er nicht so ohne Weiteres an dem eigentlich Selbstverständlichen vorübergehen. Denn die Verdächtigung der nationalen Gesinnung ist von jeher der Angelpunkt aller häßlichen Angriffe gegen Heine gewesen. Diesen Angriffen läßt sich nun nicht, wie so oft versucht, damit wirksam entgegentreten, daß man aus den Werken des Dichters eine Anzahl Stellen herauszieht, die ein Bekenntnis zum deutschen Vaterland und zu deutscher Gesinnung aussprechen. Einer solchen Sammlung wird man immer wieder eine vielleicht eben so große Anzahl Aussprüche entgegenstellen können, die seine nationale Gesinnung zweifelhaft erscheinen lassen könnten, zu¬ *) „Heinrich Heine, der deutsche Jude" von Max Fischer. Cotta 1916. Pappbd. 80 Pfg. mal wenn sie von Leuten, die in dieser traurigen Kunst geübt sind, geschickt aus dem Zusammenhang gerissen und gesinnungstüchtig hergerichtet werden. Wer freilich die Zusammenhänge kennt, wer weiß, mit welchen Widerwärtigkeiten der Jude Heine in der kläglichen vormärzlichen Zeit Mechernichscher Staatskunst zu kämpfen hatte, wer weiß, welch scharfe Worte damals gerade von den besten Deutschen und heißesten Patrioten gefallen sind, der wird sich durch solche dunklen Künste kaum täuschen laffen. Ein als gründlicher Kenner deutschen Staatslebens und deutscher Politik ebenso wie als feuriger Patriot geschätzter Mann, der Bonner Staatsrechtslehrer Zorn hat dazu in einem Artikel in der Kölnischen Zeitung vom 16. Mär^ 1916 (Nr. 277) das Wort ergriffen. Sasanow, ausgerechnet der Russe Sasanow, hatte in einer im Daily Chronicle vom 23. Februar 1916 abgedruckten Unterredung mit einem Berichterstatter dieses Blattes mit Göthe und Nietzsche auch Heine als „Hasser des barbarischen Deutschlands" bezeichnet, um zu beweisen, daß die geistigen Größen Deutschlands in diesem Kriege auf Seiten — Rußlands ständen. Dazu schreibt Zorn: Auch Heines Vaterlandsliebe hatte (wie die Göthes) ihre besondere Eigenart. Daß er die zu seiner Zeit Regierenden und den hohen Bundesrat mit dem ätzenden Gift seines Hohnes und seiner Geringschätzung übergoß, nimmt ihm heute kein Deutscher übel, denn er bÄämpfte ja damit nur das politische Elend des Deutschlands seiner Zeit im Innern und nach außen, aus dem die preußische Politik und die deutschen Waffen, der „preußische Militarismus" uns endlich nach tausendjähriger Not und, so Gott will, für alle Zeiten erlöst haben. Aber Heine die deutsche Vaterlandsliebe abzusprechen, kann nur derjenige wagen, der Heines Schriften gar nicht oder nur ganz oberflächlich kennt. Insbesondere in seinen Briefen und Aussätzen über das Frankreich des Bürgerkönigtums äußert sich Heines Vaterlandsliebe fast auf jeder Seite stark und tief; wenn der Sänger des Buches der Lieder trotz all seiner inneren Zuneigung zu Frankreich die französische Naturalisation zurückweist, weil auf seinem Grabstein die Worte stehen müßten „Ein deutscher Dichter", so ist das allein Zeugnis genug, wie tief, wenn auch in besonderer Eigenart oie deutsche Vaterlandsliebe Heines war. Und er nennt es „ein ebenso feiges und hinterlistiges Bubenstück", wenn man ihn als „Feind Deutschlands^ verleumden wolle. Das gilt also auch für Herrn Sasanow." — Nicht für ihn allein. Wer sich Literav- — oder Kulturhistoriker nennt oder sich sonst als?raeceptor Germaniae ausspielt und über Heine schreibt, kann sich nicht mit Unwissenheit entschuldigen, mag er nun seine Grade in

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