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KC-Blätter · 1916-03-01 · Heft 10 (März 1916) · p. Seite 615

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 10 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 615 (sequence 33)
Language
German
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615 raten, dem seine Kunden abtrünnig werden und dessen Warenlager kein Absatz mehr findet. Wie wird England sich aus solcher Geschästskrisis retten? Ich weiß nicht, wie die Frage der Fabrikarbeiter gelöst werden kann) aber ich weiß, daß die Politik des modernen Karthago nicht sehr wählerisch in ihren Mitteln ist. Ein europäischer Krieg wird dieser Selbstsucht vielleicht zuletzt als das geeignetste Mittel erscheinen, um dem inneren Gebrechen einige Ableitung nach außen zu bereiten." (Französische Zustände XLVII.) An einer andern Stelle heißt es dann: „Wir müssen es uns endlich gestehen, daß die offizielle Feindschaft der absoluten Könige uns minder gefährlich ist, als des konstitutionellen John Bull zweideutige Freundschaft. Die völkermeuchelnden Umtriebe'der englischen Aristokratie treten bedrohlich ans offizielle Tageslicht.-England müßte man eigentlich im Stile eines Handbuchs der Mechanik beschreiben.-Mit Recht sagen die St. Simonisten, England sei die Hand und Frankreich das Herz der Welt. Ach! dieses große Weltherz müßte verbluten, wenn es aus britische Generosität rechnend, einmal Hilse verlangte von der kalten, hölzernen Nachbarhand. Ich denke mir das egoistische England nicht als einen selten, wohlhabenden Bierwanst, wie man ihn auf Karikaturen sieht, sondern, nach der Beschreibung eines Satirikers, in der Gestalt eines langen, mageren, knöchernen Hagestolzes, der sich einen abgerissenen Knopf an die Hosen wieder annäht, und zwar mit einem Zwirnfaden, an dessen Ende als Knäuel die Weltkugel hängt — er schneidet aber ruhig den Faden ab, wo er ihn nicht mehr braucht, und läßt ruhig die ganze Welt in den Abgrund fallen-" Es ist im gegenwärtigen Weltkrieg bei den Franzosen Sitte geworden, aus ihren Flugzeugen in und hinter unsere Linien allerhand gedruckte Unwahrheiten herabzuwerfen. Als Gegengabe sollten wir ihnen diese Wahrheit über England einmal in ein paar Tausend Abdrücken zukommen lassen. Sie erinnern sich vielleicht noch, daß Heine, der in seinem Testament von 1851 das Bestreben, ein herzliches Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland herzustellen, als die große Aufgabe seines Lebens bezeichnete, es nicht schlecht mit ihnen meinte. Ueber die kleine Schmeichelei mit dem „Weltherz" würden sie nicht weiter erzürnt sein, dafür sind sie Franzosen. Besonders stark tritt die scharfsinnige und liebevoll auf alles Große eingehende Betrachtungsweise Heines in den unter dem Titel Deutschland I und I! zusammengefaßten Aufsätzen hervor. Man lese in der „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" z. B. die Schilderung der Reformation und die Würdigung der Persönlichkeit Luthers nach. Scharfumrissen steht die Gestalt des glaubensstarken Reformators, des genialen Sprachschöpsers und Dichters und des freiesten deutschen Menschen seiner Zeit vor uns, ohne daß Heine jemals seinen Standpunkt zur religiösen Fragen verhehlte. Auch kleine Züge sind da, die zeigen, welch tiefes Verständnis Heine für den Geist des Luthertums hatte, so die heimliche Schilderung des protestantischen Pfarrhauses, aus der soviel geistige Größe aus allen Gebieten menschlichen Wissens und Könnens in Deutschland hervorgegangen ist. Was verschlägt es da, wenn er ein anderes Mal über „blonde Predigerstöchter" scherzt oder seinen unsterblichen Hirsch Hyazinth, das karikierte Bild des beschränkten, selbstzufriedenen Raüonalismus, allerhand Bemerkungen über die aüßere Nüchternheit des protestanttschen Gottesdienstes machen läßt. Aber wie viele Finger haben sich ob solcher und ähnlicher Blasphemien" wund geschrieben. Wie oft hat die Christusvision im 13. Kapitel des Wintermärchens zu den häßlichsten Angriffen aus den Dichter herhalten müssen. Man klammert sich da an ein paar Worte, die aus dem Zusammenhang gerissen vielleicht lästerlich erscheinen mögen, aber man übersieht geflissentlich die tiefe Ehrfurcht vor der reinen urw mutigen Duldergestält, die hier wie immer aus dem Innersten des Dichters spricht. Heine macht nicht viel „Aufhebens" von dem, was ihm lieb war. Er hat es einmal als den Fluch des Poeten bezeichnet, daß er seine besten Gefühle prostituieren müsse. Diese Empfindung ist zum großen Teile daran schuld, daß so manche seiner Schöpfungen gerade im Augenblicke tiefster Versenkung und dichterischer Hingabe in einen schrillen Mißton Umschlagen. Nur Verständnislosigkeit oder absichtliche Verkennung bei solchen, die als Verfasser dickleibiger „Würdigungen" die Werke des Dichters füglich genau kennen sollten, kann darin die eitle Sucht nach der „Pointe" oder die Verspottung der eignen als unwahr erkannten Gefühle erblicken. Aber solche Auslegung ist ja so bequem und läßt sich so wundernett für allerhand judenseindliche Theorien verwerten. Freilich, es lag in dem Wesen Heines eine gewisse Disharmonie, die er auch in seine Dichtungen hineingetragen hat und die allerdings aufs Engste mit seinem Judentum zusammenhängt. Heinrich Heine, der deutsche Jude — mit diesem Problem haben sich nicht nur Pamphleteschreiber beschäftigt, die das Wort deutsche zwischen zwei Anführungszeichen setzten) an ihm kann Niemand Vorbeigehen, der den Dichter ganz verstehen will. Das gewaltige Ringen, das wir miterleben, der große Kampf um die Geltung des deutschen Gedankens in der Welt bringt es mit sich, daß wir mehr noch als sonst die Dinge und Menschen an ihrem Verhältnis zum Deutschtum messen, daß wir ge-

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