Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1916-03-01 · Heft 10 (März 1916) · p. Seite 614

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 10 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 614 (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2268830-2268895-2268899--1675-3523293
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

614 einen flüssigen Stil, eine Schreibart, der man das Öl der Studierlampe, den handwerklichen Fleiß nicht ohne weiteres ansieht. Aber hat man uns nicht schon in der Schule gelehrt, das sei das Zeichen eines vollkommenen Kunstwertes? Versührerisch genug war sie ja für kleine Geister, die sprudelnde, impressionistische Form Heines. Aber ist es seine Schuld, wenn mindere Journalisten und Feuilletonisten von ihm das Rüstzeug entliehen haben? Man lese doch ein beliebiges Kapitel Heinescher Prosa; sie ist noch heute lebendig, sechzig Jahre nach dem Tode des Dichters, als sei sie heute geschrieben, und dann vergleiche man damit die literarischen Ungezogenheiten der achtziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts, jener Zeit, da die Nachahmung Heinescher Diktion am meisten im Schwünge war. Es ist wahrlich keine Freude, das witzelnde, abgestandene Geschreibsel in sich aufzunehmenaber von Heine hat es nur die Form und auch die nur in einem faden Abguß. Wie jedem gesühlstiesen Menschen war auch Heine der Witz um des Witzes willen in der Seele zuwider, und er selbst schrieb, wohl im Hinblick „Witz in seiner Folierung ist gar?nichts ^wert. Nur dann ist der Witz erträglich, wenn er aus einem ernsten Grunde ruhtdarum trifft der Witz Börne's, Jean Paul's und Shakespeare's so gewaltig. Der gewöhnliche Witz ist blos ein Niesen des Verstandes, ein Jagdhund, der dem eignen Schatten nachläuft, ein rotjäckiger Affe, der sich zwischen zwei Spiegeln begafft. Nur der wirkliche Humor ergötzt — ." ‘ In dem oben angeführten Brief vom 18. Dezember 1855 findet Hebbel die richtige Bezeichnung der Wesenart Heines, wenn er in Bewunderung der „ungeschwächten Geisteskraft", die dem Dichter aus seinem Schmerzenslager blieb, schreibt: „Vielleicht sollen Sie den Theologen, die Sie so oft geärgert haben, einen neuen Beweis der Unsterblichkeit der Seele liefern. Das würde Sie eher ergötzen, denn es wäre eine Uebereinstimmung mehr zwischen dem Ihnen eigenen und dem Welthumor." Einer wehmutsvollen Erkenntnis entsprang Heines „Witz"- mit hohem Recht durste er in der „Krönung" der ungenannten „Königin seines Herzens" zurufen: Als Herod, die lachende Träne im Wappen, diene dir mein Humor!" Gemütstiefe und Herzensgröße waren die Merkmale Heines „wie er innerst war"- mag er auch noch so oft, von den kleinen Geistern des Vorurteils, des Neides und des Unverstands gereizt, mit unbarmherziger Geißel dreingesahren sein und mag er auch manchen zu hart getroffen, manchen, abgetan haben, den die Lächerlichkeit von selbst, vielleicht etwas schmerzloser, getötet hätte. — Wie groß und gut sein Herz war, das kann nur der ermessen, der da weiß, wie hilfs" bereit er seinen deutschen Landsleuten, die ihm den selbst Hilfsbedürftigen in Paris aufsuchtem mit Rat und Tat beisprang oder wer das innige Verhältnis des Dichters zu seiner Mutter und seiner Schwester Lotte aus seinen Dichtungen und mehr noch aus seinen Briefen kennt. Nur ein paar Zeilen, die Heine am 20, Juni 1817 an Lotte richtete, mögen hier Platz finden, weil sie so bezeichnend für den Dichter sind und als Motto seines ganzen Seins dienen könnten: „Wir können die Menschen füglich in zwei Klassen teilen: erstens diejenigen, die uns lieben; zweitens diejenigen, die uns oft und deutlich sagen, daß sie uns lieben. Mich, liebes Lottchen, kannst Du dreist zur ersten Klasse rechnen. Ich bin Dir herzlich gut, wenn ich auch nicht viel Aufhebens davon mache." Heine hatte ein scharfes Auge für das Kleine und Schwache seiner Zeit und seiner Zeitgenossen. Aber er sah auch das Große groß und hatte ein tteses Verständnis für echte Größe. Seine Prosaschristen sind überreich an Beweisen sür den klaren Blick und den hingebenden Fleiß, mit dem er historische und polittsche Probleme durchdrang. Bis Bismarck das Wort vom „perfiden Albion" prägte oder wenigstens weit vernehmbar aussprach, haben wohl wenige Deutsche das gefährliche und völkerfeindliche Wesen Englands begriffen und viele Historiker und Staatsmänner haben in dem Jnselvolk nur den blutsverwandten Freund gesehen und auch Bismarcks Warnung hat ihnen kaum die Augen geöffnet. Heine hatte England mit all seinem krassen Materialismus und seiner „tradittonellen Heuchelei" erkannt und es liest sich fast wie ein Blatt aus unseren Tagen, wenn er schreibt: „Ich gestehe es, ich bin nicht ganz unparteiisch, wenn ich . von Engländern rede, und mein Mißurteil, meine Abneigung, wurzelt vielleicht in Besorgnissen ob der eigenen Wohlfahrt, ob der glücklichen Friedensruhe des deutschen Vaterlandes. Seitdem ich nämlich ttef begriffen habe, welcher schnöde Egoismus auch in ihrer Politik waltet, erfüllen mich diese Engländer mit einer grenzenlosen, grauenhaften Furcht. Ich hege den besten Respekt vor ihrer materiellen Obmachtsie haben sehr viel von jener brutalen Energie, womit die Römer die Welt unterdrückt, aber sie vereinigen mit der römischen Wolfsgier auch die Schlangenlist Karthagos. Gegen erstere haben wir gute und sogar erprobte Waffen, aber gegen die meuchlerischen Ränke jener Punier der Nordsee sind wir wehrlos. Und jetzt ist England gefährlicher als je, wo seine merkanttlen Interessen unterliegen. — Es gibt in der ganzen Schöpfung kein so hartherziges Geschöpf wie ein Krämer, dessen Handel ins Stocken ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.