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KC-Blätter · 1916-03-01 · Heft 10 (März 1916) · p. Seite 613

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 10 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 613 (sequence 31)
Language
German
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613 und verrucht genug, sich in die Herren der Deutschen hineinzusingen wie Wenige. Ein Jude, ein Mitglied eines Volksstamms, der gerade gut genug ist zum Handel mit mehr oder weniger getragenen Kleidungsstücken und anderen bekanntlich aus Palästina' mitgebrachten minderen Gewerben, als deutscher Dichter, als Dolmetsch deutscher Gefühle und deutschen Empfindens! Ein entsetzlicher Gedanke, in seinen Folgerungen geeignet, die schönsten, ach so mühsam aufgebauten Theorien unentwegter Rassefanatiker — sprich Judenhetzer — bedenklich zum Wackeln zu bringen. Was fragen diese Herren nach fast zweitausendjähriger Volks-, Sprach- und Kulturgemeinschast: selbstverständlich waren Heines Töne falsch, erlogen, bestenfalls geschictt anempfunden, die eigenen Empfindungen des Dichters aber so undeutsch wie möglich und damit waren die Theorien gerettet unh Deutschland vor geistiger Invasion wieder einmal behütet. Es ist immer dasselbe Prinzip, dasselbe System. Da hat zu Beginn des Weltkrieges ein Jude, mag sein Bekenntnis zum Judentum auch noch so fragwürdiger Art sein, Ernst Lissauer, einen ,/Haßgesang gegen England" veröffentlicht, der einen großen Widerhall in den deutschen Landen gefunden hat. Der Wert oder Unwert des Gedichts mag hier unerörtert bleiben, ebenso die Frage, ob sich das Gefühl des „Haffes" im Kriege dem Feinde gegenüber vom Standpunkt der Ethik rechtfertigen läßt. Aber ergötzlich ist es, zu beobachten,'' wie bald sich eine Reihe Kritiker Lifsauers meldeten, unter ihnen natürlich auch Houston Stewart Chamberlain, die da fanden, der Haß und damit Lifsauers Gedicht sei ganz und gar undeutsch, sei spezifisch jüdisch. Judengott, Gott der Rache, Auge um Auge u. f. w. — alles gute alte Bekannte. In derselben Sammlung, in der der „Haßgesang" abgedruckt ist (Neue Kriegslieder, Axel Junkers Verlag), finden sich zwei Gedichte, eines von Herbert Eulenberg, Sonett „Für die Gefallenen", eins von Fritz'von Ostini „Unsere Opser." Bei Eulenberg heißts: Nun ruhet aus. Ihr habt genug gestritten! Laßt Eure Brüder Eure Waffen fassen Und unfern Feind um Euch jetzt doppelt hassen Die Ihr für Deutschland stolz den Tod erlitten. Urrd Ostini singt: Die Träne haltet nieder, daß ihr Ratz Das Beste nicht in uns erlöscht, den Hatz! Den Hatz, der jenes feige Pack entsetzt. Den Hatz, der all ihr Wahngespinst zerfetzt, Den Hatz, der endlich jeden Kampf gewinnt, Den Hatz, den wir der Menschheit schuldig sind, Der, ist an chm der Höllenbund zerschellt, Die Liebe schenkt der blutgetränkten Welt! Gras Ernst zu Reventlow,. gewiß ein unverdächtiger Arier und urdeutsch empfindender Poiittker, sprach nach dem Bericht der „Kölnischen Zeitung" vom 3. 10. 16 (Nr. 1007) an Hindenburgs Geburtstag vor einer nach vielen Tausenden zählenden Menge am „Eisernen Hindenburg" in Berlin also: „Hindenburg — hat gesagt: „Die Engländer hassen wir", und" das wollen wir auch tun und uns davon nicht abbringen lassen durch scheinmoralische Erwägungen. (Beifall) Wir wollen sie hassen mit aller Kraft und diesen Haß in die Tat umsetzen." Wir kennen die Gründe der „scheinmoralischen Erwägungen". Lissauer befindet sich jedenfalls in ebenso guter wie deutscher Gesellschaft, und mit feinem undeutschen Empfinden scheint's trotz Chamberlain doch nicht so schlimm zu sein. Wir widerstehen der Versuchung, deutlicher zu werden, haben die ganze Angelegenheit auch nur erwähnt, weil sie so charakteristisch ist für die Stellungnahme gewisser „Forscher", sobald es sich um Juden handelt und weil gerade die Person und das Schassen Heines so unendlich oft nach diesem Rezept verzerrt und entstellt worden ist. Die Wolsgang Menzels sind auch heute noch nicht ausgestorben. Adolf Bartels hat eine Heine- Biographie geschrieben, der er zum Schimpf den Untertitel „Auch ein Heinedenkmal" gegeben hat und die an Gehässigkeit und Einseitigkeit schlechterdings nicht zu überbieten ist. Derselbe Bartels spielt sich, ein halbes Jahrhundert nach dem Juden Emil Kuh, von dem Hebbel gesagt hat, er sei der Einzige, mit dem er habe reden können, der Einzige, der ihn — den damals noch fast Unbekannten — verstanden habe, als Schildträger, gewissermaßen als Entdecker Hebbels auf. Von Hebbel hätte Bartels bei einiger Anstrengung vielleicht auch etwas mehr Bescheidenheit und Zurückhaltung in seinem Urteil über Heine lernen können. Wie sehr der gedankenschwere, wuchtige Dramatiker Heine geschätzt hat, geht mit schöner Deutlichkeit aus mehreren Briefen, vor allem aus dem Schreiben hervor, das er am 18. Dezember 1855, zwei Monate vor dem Tode des Dichters, an ihn gerichtet hat: „ — Ich höre,, daß Sie noch lesen und sich noch vorlesen lassen. Damit entschuldigen Sie's,wenn ich Ihnen mein neuestes Stück übersende. Ich bin damit sonst sehr sparsam, denn ich weiß wohl, daß ich für die eigentlichen Wege meines Geistes einer größeren Hingabe bedarf, als man im allgemeinen verlangen kann — . Ich höre ebenfalls, daß Sie noch manches Lebenszeichen nach Deutschland flackern lassen,- sollte sich davon nicht auch einmal eins zu mir verirren? Ein Wort über meinen Gyges wäre ein schönes Neujahrsgeschenk,' Sie haben mir in Paris über die Judith einmal in einer halben Stunde mehr Tiefes gesagt, als alle deutschen Kritiker zusammen." So dachte der grüblerische Hebbel, der Typ „germanischer Tiefe" über Heine, denselben Heine, der so oft als oberflächlich, als jeder Tiefe, jeden Ernstes bar hingestellt wird. Gewiß, Heine hat

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