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KC-Blätter · 1916-03-01 · Heft 10 (März 1916) · p. Seite 598

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 10 (März 1916)
Date
1916-03-01
Page
Seite 598 (sequence 16)
Language
German
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598 tauben. An der Seite eines Weibes aus dem Volke, das nicht lesen und schreiben kann, sucht der große Dichter und Künstler, der das Wort in Sprache und Schrift nach seinem Willen zu form«, versteht, glücklich zu werden. Ueppig blüht die Frauengunst an seinem Lebensweg. Aber die reine wahre Liebe, die losgelöst ist von allem Sinnlichen, lernt er erst kennen, als er sich aus seinem Schmerzenslager unter den flirchterlichsten Leiden windet, als sein Körper schon der Auflösung nahe ist, und nur sein gewaltiger Geist noch strahlt. Die „Kleine Fliege", la petite mouche, von der wir heute noch nichts wissen, wer sie ist und woher sie kam, ist die Frau, die Heine in seinen letzten Tagen noch einmal liebte. Die Verfasserin unseres Romans läßt das Leben der „Kleinen Fliege", Else Krienitz, die Heine als zehnjähriges Kind zum erstenmal im Hause Salomon Heines sah, erfüllt sein mit einer verzehrenden Sehnsucht nach dem großen Dichter. Dieser Sehnsucht bringt sie alles zum Opfer: Ehre, Glück und Freiheit. „Wenn du zwanzig Jahre älter bist", so hatte Heine ihr im Hause seines Hamburger Oheims gesagt, „dann will ich dich gerne — sehr gerne sogar — in meine Arme nehmen und dich bei meiner» hohen Gönner, denr Herrn vom Korallenthron und dem Bernsteinzepter, einführen. Dann sollst du Fräulein Wellenhaar heißen und Base Perlmutter rvird dir auf mein Gebot ihre schönsten Perlen schenken." Und die Kleine Fliege wartete zwanzig schwere, lange Jahre. Einmal, in Le Havre, gingen sie aneinander vorüber, das Glück streifte beide. Aber erst als Else Krierritz mit ihrem schurkischen Gatten, dem Hochstapler Seiden, das Schiff bestiegen hatte, das sie nach England bringen sollte, da erfuhr Heine den Namen der Frau, die ihm erschienen war wie „Kultur und Geist, Krankheit und Träne, wie das Widerspiel seines eigenen Jchs, gefangen in die betörende Schönheit des Opals." Er erinnerte sich des kleinen Mädchens, das ihm einstmals in Hamburg so seltsame Fragen gestellt hatte, und er fühlte, daß das Glück an ihm vorübergeschritten war. „Er aber hatte als echter deutscher Träumer die Gelegenheit verträumt". Da raunte er seiner alten Gönnerin und Beichtigerin, der Nordsee, in die silberschaumigen Ohren das neue große Geheimnis, das ihn sterbenswund schlug. „Berfehlte Liebe, verfehltes Leben". Aber das Bild dieser Frau verließ ihn nicht mehr, er lebte in dem Gedanken an sie, bis sie eines Tages wie ein Sonnenstrahl hineintrat in sein Krankenzimmer, sich wie eine Erscheinung am Lager des schmerzgeplagten Dulders niederließ, um ihm endlich die Retterin, Erlöserin, Gnadenspenderin zu werden, als die sie sich einstens geträumt hatte. Tief hinein in die Welt, die Heinrich Heines umgibt, führt uns das Buch. Salomon Heine, James Rothschild, Ludwig Börne, Caroline Jaubert, Machilde Mirat, la petite mouctie, diese wenigen Namen kennzeichnen die äußeren Gegensätze, innerhalb deren sich der Dichter bewegte und vielleicht auch bewegen mußte. Mit wundersamer Anschaulichkeit läßt Doris Wittner das ganze Leben Heines — die Geschichte der „Kleinen Fliege" ist eigentlich nur als Episode eingezeichnet — an uns vorüberzieben. Sie bedient sich mit Vorliebe der Sprache Heines, und es gelingt ihr, wenn wir von ganz wenigen Fällen absehen, meisterhaft durch künstlerisch packende Wiedergabe, der weder das zarte Empfinden noch die satirischironische Charakterisierung von Menschen und Dingen mangelt, den Leser ganz in den Bann des Geisteshelden Heine zu ziehen. Vielleicht mag die eine oder andere Bemerkung über das Jüdische verfehlt erscheinen. Aber Doris Wittner betont iinmer und immer wieder — und dadurch unterscheidet sie sich vorteilhaft von vielen andern teinebiographen —, daß Heine im Herzen stets ude geblieben und daß nicht zuletzt das Jüdische in ihm die Quelle seiner Dichterkraft gewesen ist. Die Verfafferiu lehrt, daß Heine, wenn er auch außerchalb seines Glaubens stand, doch zu ihm gebörte, daß er aber ebenso auch sein Vaterland, das ihn blutig geschlagen, mit aller Kraft seiner sehnenden Seele lieble. Daß uns dieser Heine-Roman eine solch vortreffliche Seelen- und Lebensschilderung des Dichters bietet, ist sein großes Verdienst. K. A. Tycho Brahes „Weg zu Gott". Roman von MaxBrod. Verlag Kurt Wolff, Leipzig. Das Streben der Menschennatur, das Mysterium von dem höchsten Sein zu ergründen, der Wunsch, zu erkenn«», was die Welt im Innersten zusammenhält, dieser Wille bildet die Leitidee des nachdenklichen Buches. Nicht selten ist ja dies Thema von Modernen behandelt worden, und die mehr oder weniger große Kompliziertheit eines jeden Autors läßt sich an der Art des Weges erkennen, auf welchem er seinen Helden zum Ziele, zur Erkenntnis führt. Der Volksdichter P. H. Roffegger gibt uns in seinem „Gottsucher" des gläubigen Naturmenschen Wahnfred Streben nach Erkenntnis, des ungebildeten Nachdenklichen, deffen Streben nach Wahrheit, Erkenntnis und Licht das Feuer als ewige Lebensquelle und Schöpfer des Alls erscheint. Und doch gelingt es Roffegger kaum, dem Leser die logische Einheit der Glaubensbestrebungen Wahnfreds nahe zu bringen. Andere Wege geht Max Brod: Seiner empfindsamen Natur genügt es nicht, nur der Seele dunkles Gottoerlangen zu schildern, des großen Denkers Tycho de Brahe Streben nach Erkenntnis will er zeigen, er will darstellen, wie der Meister der Himmelskunde den Weg zu dem findet, was man gemeinhin „Gott" nennt. Tychos Aufgabe ist es,dieHimmelsgesetze zu ergründen, jene ehernen Regeln, nach rvelchen die Welten ihre Bahn ziehen. Noch wirkt das Mittelalter nach, und des Köper nikus Lehre ist den Zeitgenossen noch geistig fern. Tycho aber genügt es nicht, das Wort Augustins zu befolgen, creclo ut intellegam, er sucht nicht scholastisch im Glauben die Erkenntttis, sondern er will durch die Erkenntnis und das Streben nach ihr die Grenzen des Menschengeistes erweitern, um zur Vollkommenheit zu gelangen. Dieser faustische Drang beherrscht sein Leben, erklärt die Vielseitigkeit seines Strebens, die Zerriffenheit seiner Natur. Irdische Güter achtet er nicht mönchisch gering, aber nur insoweit, als sie ihm sein Forschen äußerlich ermöglichen. Kein reiches Familienglück ist ihm beschieden, ja selbst die Freundschaft mit dem heißgeliebten Kepler vermehrt nur seine innere Zerrissenheit, vergrößert nur sein Streben nach Erkenntnis und Vollkommenheit. Seinem Suchen aber wird der Weg gewiesen: In dem episodenhaft anmutenden Zusammentreffen mit dem „hohen Rabbt Löw" hält ihm dieser würdig entgegen: „Wir haben eine Lehre: Gott ist nicht um des Gerechten willen da, unr ihm zu dienen und ihn zu stützen, sondern der Gerechte ist da, um Gott zu dienen und ihn zu stützen." Zwei Weltanschauungen fallen aufeinander: Tycho sieht sich einer uralten fertigen Lehre gegenüber, die Gott in Wahrheit erkannt hat und sein Streben findet jetzt den Weg. Er macht sich frei von anthropomorphen Gottesbegriffen, das Allzumenschliche seines Gottesglaubens verschwindet und er erkennt am Ende seines Lebens Gott in der Vollkommenheit der Welten am Sternenhimmel, der Welten, deren winziges, dienendes Glied Tycho ist. Mag man aus Tychos Erkenntnis ein Bekenntnis zuu» Pantheismus lesen, mag der Naive daraus persönlichen Gottesbegriff entnehmen, sein Streben zeigt logischen Ausbau und klare Entwicklung. Brod kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, in das Dunkel der irrenden, strebenden Menschenseele hineingeleuchtet und sie zu einer Erkenntnis geführt zu haben, bei welcher ihr vor ihrer Gottähnlichkeit nicht bange zu werden braucht. Ein nachdenkliches, ein gepflegtes Buch! Dr. Baruch.

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