KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 10 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 597 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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597 eine empfindet in Bewegungen, der andere handelt in Bildernder erste hat, wenn er wahrnimmt, das Erlebnis der Tat, der zweite hat, wenn er tut, das Erlebnis der Gestalt. Beide denkenaber des einen Denken meint Wirken, des anderen Denken meint Form " Der zweite Aufsatz „Die jüdische Religiosität" wuselt nach endlosen Wiederholungen in dem Satz, daß Religion nur die Summe der Bräuche, also eine Passivität, Religiosität aber Aktivität des Gefühls und ein Tun ist. Eine sehr schöne und uralte Wahrheit und wer sich für sie interesiiert, wird sie z. B. in Lessings „Nathan den Weisen" zum klassischen, klaren Ausdruck gebracht, bei Buber aber nur eine schwärmerische Verzücktheit darüber finden. In den letzten 4 Ausiätzen, die zum größten Teil Neuabdrucke früherer Aufsätze darstellen, beschäftigt sich Buber mit seinem Lieblingsgebiet, derjüdischen Mystik, für die er eine große und echte Liebe empfindet, aber viel Klarheit ist auch hier nicht für einen suchenden normalen Geist vorhanden Wer sich über Baal-Schem und seinen Chassidimus unterrichten will, wird mehr aus dem einfachen, übersichtlichen Aufsatz von Eliasberg in dem neuen Ostjudenhekt der „Süddeutschen Monatshefte lernen, als von Buber, der zwar durch seine Wäruke gewinnen will, aber durch seine übertriebene Darstellung abstößt. Eine so geniale Offenbarung, wie sie in den hier früher besprochenen „Drei Reden" Bubers (vgl. K. C. Blatter 1911/12 S. 550) anzutreffen war, findet sich in diesem „Geiste des Judentums" nicht. Sämtliche Aussätze sind vor dem Krieg entstanden. Falls Buber durch die erschütternde Tatsächlichkeit der jetzigen Ereignisse sich von seiner Exstase reimvaschen und dank eines reifer gewordenen Dichtertums wieder ein Werk voll Klarheit und Einfachheit schenken könnte, wäre es ein Gewinn. Ich fürchte aber, er wird sich bei seiner Eigenart immer mehr in Okkultismus verlieren, ein ständiges Mitglied des „Chorus mystieus" werden, der da singt: „Alles Vergänglicheist nur ein Gleichnis, das Unzulängliche hier wards Ereignis." vr. Hochschild, Colmar. Nachum Goldmann: Von der weltkulturellen Bedeutung und Aufgabe des Judentums. In der Sammlung Weltkultur und Wellpolitik, Verlag von F. Bruckmann, A. G., München 1916. — Preis 1 Mark. Wenn für die zionistische Presse der objektive Eindruck einer Arbeit ebenso maßgeblich wäre wie die abgestempelte Parteiangehörigkeit ihres Verfassers, so würde sich über die neueste Leistung Nachum Goldmanns ein Entrüstungssturm erheben, gegen den der Orkan, wie er nach der Veröffentlichung von Cohens „Deutschtum und Judentum" durch den jüdischvölkischen Blätterwald brauste, ein sanftes Säuseln ist. Denn gegen alle geheiligten Parteidogmen hat Goldmann sich gewandt, wenn er als leitenden Grundgedanken, durch den die Geschichte der Judenheit von höherer Warte aus bestimmt erscheint, die Missionsidee bezeichnet Ganze Bände könnte man über das wechselvolle Geschick dieser These, die der Geschichte des Judentums Zweck und Inhalt gibt, und ihre Behandlung in der zionistischen Literatur schreiben, obwohl sich die verschiedene Beurteilung fast nur auf die Form bezieht, die vom blusigsten Hühne bis zur pathetischen Entrüstung fast jeden Ausdruck aufweist, der völliger, schroffer Ablehnung dient. Goldmann scheint umgelernt zu haben. Inhaltlich ist für ihn die Missionsidee noch umfassender, als man es bei den vielgeschmähten liberalen „Assimilanten" gewöhnt ist. Die Aufgabe des Judentums erblickt er darin, daß es die Werte, die es als „höchste und reinste Ausdrucksfornr des tiefsten Kulturgehalts Vorderasiens geschaffen hatte, unter den Völkern des Okzidents verbreitet und vermittelt" hat, wobei auch er betont, daß diese Ideen vornehmlich ethischer und religiöser Natur seien. Wenn er aber weiterhin es als Mission des Judentums betrachtet, „Objekt der sittlichen Vervollkommenung der Völker zu sein", gewissermaßen als Prügelknabe der Weltgeschichte, an welchem die Völker sich die Nächstenliebe langsam, sehr langsam freilich, „einüben", so wird man doch etwas stutzig werden. Was hat man aber früher in zionissischen Kreisen über Gegner gewettert, die diese — gewiß sehr anfechtbare — Anschauung zu vertreten wagten! Neben diesem Grundgedanken des ersten Teiles steht im zweiten der Nachweis der engen Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit von deutscher und jüdischer Wesensveranlagung, woraus sich die gleiche Richtung ihrer Kulturbetätigung ergibt. Richtige und schöne Beobachtungen, geistreiche Gedanken mischen sich hierbei mit recht banalen Bemerkungen und großarsig umrahmten Selbstverständlichkeiten. Welche Tiefe steckt beispielsweise in dem vom Verfasser durch Sperr, druck heroorgehobenen Ausspruche: „Die weltkulturelle Aufgabe des Judentums muß die der intensivsten positiven Mitarbeit an der künftigen Weltkultur sein". Wessen Aufgabe wäre das nicht? Insbesondere bringen die vom Verfasser angeführten 11 ebereinftimmungen zwischen jüdischem und deutschem Geiste Richsiges und Falsches in buntem Wechsel, wobei letzteres viel gezwungener und weiter hergeholt, viel weniger logisch und historisch begründet erscheint als viele von den stark bekämpften Ansichten Cohens. Als ganzes bietet so Nachum Goldmanns Schrift wenig, selbst in den Teilen nicht, die den zionistischen Parteidogmen so scharf widersprechen. Selbstverständlichkeiten, die in gegnerischen Kreisen seit Jahren anerkannte Wahrheiten sind, werden als nagelneue Entdeckungen hingestellt, und in dem Bestreben, recht viel aus der Mission des Judentums auf der einen und dem Zusammenhänge zwischen Deutschtum und Judentum auf der anderen Seite herauszuholen, wird stark übertrieben. Dennoch ist das Büchlein lesenswert, denn im einzelnen bietet es oft treffende Bemerkungen, die von sicherem historischem Gefühle (wenn auch nicht immer Kenntnissen) zeugen. Auch das sprachliche Gewand ist sehr ansprechend, obgleich der Verfasser — dies auch vom Standpunkt der norrnalen und verständigen Sprach, reinigung — etwas sparsamer mit Fremdwörtern hätte umgehen dürfen. Mißbildungen oder Mißverständnisse wie Quintocento (hier Cinquecento!) mrchten unbedingt vermieden werden. F. Goldmann (Thur.) Die Geschichte der „Kleinen Fliege". Ein Heine-Rornan von Doris Wittner. (Verlag von Grechlein & Co. in Leipzig). Daß Heinrich Heines Leben mit besonderer Vorliebe zur dichterffchen Bearbeitung herangezogen wird, ist nicht verwunderlich. Heines Charakter, in dem die Gegensätze sich unüberbrückbar gegenüberstanden, sein wildbewegtes Leben, das ihn aus ärmlichen Anfängen zur schwindelnden Höhe des Weltruhmes und dann wieder zu Stunden grauenvollsten Leidens fichrte, bietet dem Dichter eine Unmenge von Stoff. Doris Wittner sucht die Tragik im Leben Heines zu erfassen, und es ist ihr gelungen. Er, „aus dessen Seele das deutsche Volkslied geblutet, dessen Herz siefe Trauer trug um deutsche Freiheit", wird von seinem Vaterland verstoßen, wird als Vaterlandsfeind verlästert, und er, der Meister der deutschen Sprache, muß seine Gefühle und Gedanken, die deutsch waren wie die keines oer vielen, die ihn schmähten, in französischer Sprache niederlegen. Und wie in seinem Herren ein heißer deutscher Butstrom pulsiert, so wurzelt er auch tief in dem Glauben, den er einst in seiner Jugend um des äußeren Erfolges abgeworfen, dem seine Seele aber immer treu geblieben ist. Ein Rausch von Leben und Lieben soll diesen doppelten Konflikt, von den: sein Herz zerrissen zu werden droht, be-