Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1916-01-01 · Heft 9 (Januar 1916) · p. Seite 581

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 9 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 581 (sequence 39)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2268830-2268895-2268898--1641-3523258
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

581 wiesen und von Herzen baldigen Erfolg gewünscht hätte. Wann wird man endlich in zionistischen Kreisen beginnen, über die Bedeutung so gefährlicher Freundschaften und Bundesgenossen ein wenig nachzudenken? F. Goldmann-Thuringiae. Die Sprache der Ostjuden, von Dr. Felix Goldmann- Sonderabdruck aus dem Jahrbuch für jüdi'che Geschichte und Literatur. Berlin 1916 Leider macht sich die Zerrissenheit des deutschen Judentums, über die wir uns in den letzten Jahren so oft zu beklagen hatten, auch in schroffster Weise geltend bei den Vorarbeiten zur Lösung der Ostjudenfrage. Und gerade hier würde Einigkeit so bitter not tun. Besondere Schwierigkeiten macht die Sprachenfrage, die mit der Schulfrage im engsten Zusammenhang steht. Soll man als Unterrichtssprache die polnische oder die deutsche Sprache einführen, oder soll allein das Jiddische die Sprache der Ostjuden bleiben? Unser Kb. Felix Goldmann, einer der besten Kenner des Ostjudenproblems, hat bekanntlich schon wiederholt die Ansicht vertreten, dass nur dann der polnische Jude geneigt sein wird, sich seiner unschönen Eigenheiten zu entledigen, wenn man ihm wenigstens zunächst seine Sprache belässt. In seiner neuesten Abhandlung, die im Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur veröffentlicht ist, unterzieht Gold, mann die Sprache der Ostjuden einer eingehenden Untersuchung. Er kommt zu dem Ergebnis, dass das Jiddische nichts anderes ist als eine Abart der deutschen Sprache, und dass es dasselbe Anrecht auf Achtung und Beachtung hat wie jeder andere deutsche Dialekt Dieser Dialekt hat sich aber hier — ähnlich wie in Holland — zu einer Volkssprache ausgebildet. Es ist auch falsch, diese Sprache als tot oder als verhunzelt zu bezeichnen. Sie ist voll lebendiger Kraft, denn sie hat eine umfangreiche Literatur, die sich auf alle Gebiete erstreckt, hervorgebracht. Für das Deutschtum ist es von nicht geringer Bedeutung, dass in dem besetzten Grenzstreifen ein erheblicher Teil derBevölkerung die deutsche Sprache spricht. Diese deutsch sprechenden Juden werden den Schutzwall zwischen Deutschland und dem Slaventum bilden, und sie sind heute schon — und werden es gewiss in Zukunft erst recht sein — die Mittler der deutschen Kultur All denen, die das Bestreben haben, sich mit der Ostjudenfrage näher zu beschäftigen, - und wer von uns deutschen Juden hätte heute dieses Bestreben nicht! — wird die Schrift, wenn sie auch nur ein kleines Teilgebiet des Problems behandelt, reiches Material bieten. K. A. Juden und Deutsche. Eine Sprach- und Jnteressengemeinschast von David Trietsch. Wien 1915. R. Löwits Verlag. Juden und Deutsche, dieses Thema ist während des Krieges schon öfters behandelt worden und wird aller Voraussicht nach auch nach dem Krieg zu mancher Diskussion Anlass geben. Bei der Behandlung dieser Frage ist es vor allem wichtig, streng objektiv vorzugehen und alles sine ira et stuciio zu betrachten. Es ist natürlich grundfalsch, tvenn es auch von antisemitischer Seite tagtäglich versucht ivird, Juden und Deutsche als Gegensätze, ja, als Gegenpole, hinzustellen, es ist aber ebenso übertrieben, wollte man die Jntereflen fast sämtlicher Juden der ganzen Welt mit den deutschen Interessen identifizieren. Für uns deutsche Juden ist die Identifizierung unserer Interessen mit denen unseres Vaterlandes eine Selbstverständlichkeit, auch für unsere Glaubensgenossen in den Staaten unserer Verbündeten, wenigstens während des jetzigen Krieges mag das stimmen. Alle übrigen Juden rnögen einige gemeinsame Interessen mit Deutschland haben, aber sie sind zu verschieden in Kultur und Bildungsstufe, als dass diese wenigen gemeinschaftlichen Interessen genügen würden, um eine innige Gemeinschaft Deutschlands mit der jüdischen Gesamtheit zu ermöglichen. Dies hat Trietsch meiner Ansicht nach, zu wenig in seiner Abhandlung berücksichtigt. Diese gemeinschaftlichen Interessen sind nach Trietsch in der Hauptsache sprachlicher Natur, denn das Deutsche wird von vielen Millionen unserer Glaubensgenossen gesprochen und ist neben dem Hebräischen das am meisten gesprochene Idiom der Juden. Es ist sehr anerkennenswert, dass die vielen Juden in Amerika, England, Oesterreich-Ungarn und Russland, trotzdem sie unter ganz anderssprachigen Völkern wohnen, trotz Tschechisierung und Magyarisierung ihr „Jiddisch" beibehalten haben. Heute sprechen nach Trietschs Berechnungen von den 14'/., Millionen Juden der Welt etwa 10 Millionen Deutsch. Der Verfasser weist dann an einzelnen Beispielen nach, welchen Einfluss die Juden auf die Ausbreitung des Deutschtums in den einzelnen Ländern haben Er zeigt, wie die Juden in Galizien und der Bukowina von jeher eine Stütze für die deutschen Bestrebungen waren; in Ungarn bilden die Juden ein grosses deutschsprachiges Kontingent. Auch auf dem Balkan und in Aegypten ist die Deutschsprachigkeit der Juden von Bedeutung, wenn man bedenkt, dass dort neben 90000 Deutschen 420000 deutschsprachige Juden leben, ebenso in der Türkei, wo zwischen nur 30000 Deutsche etwa 130000 deutschsprachige Juden leben. Dieser ganze Einfluss der Juden, den sie infolge ihrer Sprache ausüben können, ist aber heute im Begriff, durch den Antisemitismus. zu Nichte gemacht, zu werden, und Professor l)r. Eugen Ehrlich meint, „der Antisemitismus sei im besten Zuge, die Juden von den Deutschen zu entfremden und. so dem Deutschtum eine Einflusssphäre zu rauben, die vorn Böhmerwald bis Odessa reichte." Trietsch glaubt, die deutschsprachigen Auslands- Juden seien für die deutschen Interessen deshalb von so grosser Bedeutung, weil sie in der Regel Städter sind, die Auslands-Deutschen dagegen meist das flache Land bewohnen, sich also gegenseitig ergänzen können. Dies ist namentlich wichtig in Russland und in den Vereinigten Staaten. Auch die grosse- und weitverbreitete jiddische Presse ist sehr wohl in der Lage, das Deutschtum und seine Interessen zu vertreten. Um den Wert der jüdischen Einwanderung zu beweisen, glaubt der Verfasser, das Beispiel Whitechapels, der berüchtigten Londoner Vorstadt, anführen zu können, das durch die Einwanderung der russischen Juden von einem berüchtigten Verbrecherversteck zu einem allerdings übervölkerten, aber ruhigen und arbeitsamen Distrikt Londons geworden sei. Eine grosse Uebertreibung, wenn nicht einen Fehler, begeht Trietsch aber, wenn er denkt, dass sich die Uebermacht der englischen Sprache, die sich zweifellos in den letzten hundert Jahren herausgebildet hat, dadurch eindämmen lässt, dass die Juden dem deutschen Sprachbereich nicht verloren gehen und sich mehr für das Deutschtum betätigen. So sehr es auch zu begrüben ist, wenn sich die Juden der ganzen Welt für unser Deutschtum betätigen, so. glaube ich doch nicht, dass ihr Einfluss so gross ist (selbst wenn sich alle Juden der nicht englisch sprechenden Welt ausnahmslos der deutschen Sprache bedienen würden^, dass dadurch das zaHlenmätzige Verhältnis zwischen der deutsch und englisch redenden Bevölkerung eine ausschlaggebende Aenderung erfährt, denn abgesehen davon, dass es sich nur um wenige Millionen Menschen handeln kann, ist das Deutsch der nicht reichsdeutschen Juden in der Hauptsache das Jiddisch-Deutsch, ein mittelhochdeutscher Dialekt, der von vielen deutschen Juden, geschweige denn von den übrigen Deutschen, kaum verstanden wird. Dagegen wird in dem Werkchen der Fehler der Alliance u>raelhe erkannt, die in ihren Schulen nur noch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.