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KC-Blätter · 1916-01-01 · Heft 9 (Januar 1916) · p. Seite 580

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 9 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 580 (sequence 38)
Language
German
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580 druck. Man wird aber doch nicht müde, weil imnter wieder originelle Gedanken von wirklicher Gegenständlichkeit austauchen und der Verfasser die Superlative verabscheut. Zur Lektüre in langen Stunden, ivo man für philosophische Erörterungen gestimmt ist, z. B. im Schützengraben, ist das Werk wohl besonders geeignet. Dr. Hochschild. Ostjuden. Kriegsheft der Süddeutsche» Monatshefte, Februar 1916. Preis M 1,50. Es wird heute über die Ostjudenfrage allenthalben mit grotzer Leidenschaft gesprochen und geschrieben. Den meisten Beurteilern polnischer und jüdischer Verhältnisse fehlt aber die feste Grundlage der Sachkenntnis. Und das gilt nicht nur für die große Menge derer, denen jüdische Probleme bisher herzlich gleichgültig waren, sondern auch in den Kreisen der wirklich Interessierten, der eifrigen Mitarbeiter an den großen inneren und äußeren Ausgaben des Judentums, herrscht gerade über das Wesen und das Leben des Ostjuden eine bedauerliche Unkenntnis, deren Folge ebenso verkehrte wie harte Urteile gewesen sind. In Erkenntnis dieser Zustände hat die Schristleitung der Süddeutschen Monatshefte eine lange Reihe von kurzen Beiträgen über das Ostjudentum zu einem Sonderheft vereinigt, und man darf von vornherein anerkennen, daß nicht nur die Absicht eine gute war, sondern daß sie auch vollständig geglückt ist. Das Heft gibt übe-, fast alle Gebiete, die in Betracht kommen können, knapp gefaßte aber gediegene Aufklärungen. Das Fehlen einiger Punkte wird man freilich bedauern. So wäre eine Behandlung der ostjüdischen Literatur (die von Seligmann gegebene umfaßt gewiß einen sehr wichtigen aber nur kleinen Ausschnitt) und des Theaters sehr zu wünschen gewesen. Um ein wirkliches Verstehen der geistigen Strömungen zu ermöglichen, hätten unbedingt auch die Aufklärungsbewegung (Haskalah), wie der polnische „Talmudismus" eine Behandlung erfahren müssen. Und auf politischem Gebiete vermißt man-eine Abhandlung über das galizische Judentum und die Ursachen seines kulturellen Tiefstandes. Mit wenigen Ausnahmen find die jüdischen Verfasser der Artikel (einige sind auch von Christen geschrieben) Zionisten. Und es verdient ausdrückliche Hervorhebung, daß die Objektivität keinegswegs zugunsten von Parteiinteressen zurückgetreten ist. Zurückweisung nach dieser Richtung verdient einzig und allein der Beitrag von S. M. Melamed über die Juden in Amerika. Seiner „Gesinnungstüchtigkeit" wird man, es noch gern zugute halten, daß er in ganz klobiger Weise die nordamerikanischen Reformrabbiner, die gewiß für Religion, Wissenschaft, soziale Aufgaben und Ehre des Judentums unendliches leisten, anrempelt und ihnen das Judentum abspricht! Wenn er aber den Versuch macht, die nordamerikanischen antizionistischen Gegner eines allgemeinen jüdischen Kongresses bei der großen Oeffentlichkeit allesamt als deutschfeindlich (!) zu denunzieren, so dürfte das doch ein Verhetzungsversuch gegen alle Nichtzionisten sein, dessen Gefährlichkeit den Grad seiner Grundlosigkeit fast erreicht. Als belehrendeAuffätze seien aus der Fülle des gebotenen besonders hervorgehoben die Beiträge von Kaplun-Kogan (Geschichte der Juden in Polen), Alexander Eliasberg (der Chassidismus), Julian Hirsch (Wirtschaftliche Lage in Polen), I. Turoff (Jüdische Landwirtschaft in Rußland) und Avramson (Ehe, Scheidung und Totenkultus). Zu diesem letzteren ließe sich freilich noch manches berichtigend und ergänzend sagen. Bemerkenswert sind auch me Ausführungen von Friedemann (Bedeutung der Ostjuden für Deuffchland) und Bodenheim er (Einwanderungsbeschränkung), deren Anschauungen und Forderungen sich mit den in diesen Blättern vertretenen im allgemeinen decken. Weitere Artikel führen in etwas entlegenere Gebiete, aber sie werden allesamt init größer« Nutzen gelesen werden. Unzweifelhaft der wertvollste von allen Beiträgen ist der von FranzOppenHeimer über die „nationale Autonomie für die Ostjuden". Zwar wird er vielleicht weder die uneingeschränkte Billigung seiner zionistischen Parteigänger und noch weniger die der großen nichtzionistischen Allgemeinheit finden. Aber das Rechte hat er doch mit jeder Zeile seiner Ausführungen getroffen. Die Feststellung, daß die Lage der Ostjuden die theoretischen Streitigkeiten zwischen Religions- und Nationaljudentum nicht berührt, daß also die Anerkennung einer zu erhaltenden ostjüdischen Kulturgemeinschaft sich weder mit der These eines Religionsjudentums in Widerspruch setzt noch auch die Zustimmung zu der entgegengesetzten rem nationalen Anschauung bedeutet, ist klar und überzeugend. Einen schönen Satz seines Artikels will ich wörtlich anführen, selbst ivenn ich mich dabei dem Bor. wurf aussetze, daß ich Oppenheimer bei seinen zionistischen Freunden anschwärzen will. Er lautet: „.... denn trotz seiner etymologischen Herkunft von »natus« heißt Ratio, nalität für den modernen Soziologen und Staatsmann: eine soziale Gruppe, die durch den Kitt gemeinsamer Interessen an einer Sprache und ihrer Kultur zusammengehalten wird. Dieser Kitt existiert für die Juden West, europas nicht, trotz gewiffer Belleitäten jener winzigen Gruppe des jungen „nationalen" Westjudentunls, die mit dem Gedanken einer Renaiffance der hebräischen Sprache spielen (wir reden hier nicht von Palästina, wo das Hebräische seine Berechtigung haben mag, sondern eben von Westeuropa),' was wir hier lächelnd erleben) ist nichts als ein typischer Fall deffen, was Gabriel Tarde «Imitation par Opposition" nannte, das im Spiegel des gekränkten Selbstbewußtseins umgekehrte Bild des Raffen- Antisemitismus." Die Wahrheit dieses köstlichen Urteils beschränkt sich freilich nicht auf die hebräische Kulturbewegung allein. . Die Ostjudennummer der „Süddeutschen Monatshefte" sei mit ihrem reichen Inhalt auch dem K. C. er angelegentlich zur Lektüre empfohlen. Er wird daraus reiche Belehrung über Dinge schöpfen, deren Kenntnis für den gebildeten Juden unserer Tage durchaus notwendig ist. Denn auf lange Zeit hinaus wird das Ostjudenproblem die Richtung der Arbeit im JudenMm bestimmen. F. Goldmann-Thuringiae. Der völkische Gedanke und die Verwirklichung des Zionismus. Eine Betrachtung zur Versöhnung und zur Scheidung der Völker. Bon Or. F. Siebert. I. F. Lehmanns Verlag, München 1916. Preis M. —.80. Viel Neues enthält die vorliegende Schrift nicht. Was in ihrem Haupttitel kurz und klar ausgedrückt wird, ist nach bewährten Mustern recht langatmig und verschwommen in die Breite gezogen, ohne daß man einem ernsthaften Gedanken begegnete, der nicht schon zu Dutzenden von Malen in besser geschriebenen Flugschriften von „völkisch" denkenden Gesinnungsgenoffen des Verfassers zum Ausdruck gekommen wäre. Zu vermerken wäre höchstens die wundervolle Idee eines „jiddischen Staates", deffen Errichtung in Polen und Galizien empföhlen wird, und da dieser Vorschlag keinen schlechten Witz darstellt, sondern durchaus ernst genommen sein will, kann man sich ungefähr von der Sachkenntnis des Urhebers und von seinem Verständnis für politische und jüdische Fragen einen kleinen Begriff machen. Bon wirklichem Interesse ist für uns nur der eine Punkt: Selbstverständlich ist Siebert fürdasNationaljudentum begeistert! Wir wundern uns nicht darüber. Gibt es doch in der gesamten judenfeindlichen Literatur der Kriegszeit, die sich meist in maßloser Gehässigkeit gegen die Juden ergeht, kaum eine Veröffentlichung, die nicht ihre tiefe Verbeugung vor dem Zionismus gemacht, die nicht seinen innerpolitischen Zielen wie seinen palästinensischen Utopieen Wohlwollen er-

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