KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 9 (Januar 1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 579 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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579 □Q Bücher- und Vlätterschau. Dreißig Jahre Bilu. Die Geschichte einer palästinischen > Studentenkolonie, von Eberhard. Deutsche Korps, zeitttng, 33. Jahrgang, Hest 17, Nummer 107, 1. Februar 1916. Es mag eigenartig erscheinen, daß die Deutsche Korpszeitung, das Organ eines einflußreichen Kreises, der in seinem großen Teile dein deutschen Judentum bisher nicht allzu freundlich gegenübergestanden hat, eine ausführliche Abhandlung über eine jüdisch-zionistische Studentenkolonie in Palästina bringt. Der Verdacht lag nahe, daß wir es auch hier mit einer jener Berössent. lichungen zu tun hätten, die heute so zahlreich sind und deren Verfasser eine Vorliebe für den Zionismus vorspiegeln,'um dann um so nachdrücklicher für eine Entrechtung des dem deutschen Volke wesensfremden — und natürlich auch minderrvertigen — Judentums, depen Gesundung nur auf einem andern Boden möglich sei, einzutreten. Wir haoen uns aber die Ueberzeugung verschafft, daß dem Bersaffer der vorliegenden Arbeit diese Absicht nicht zuzuschreiben ist. Eberhard kennt die Berhältniffe in Palästina aus eigener Anschüttung,- er ist schon früher wiederholt für den Zionismus eingetreten, irgendwelche antisemitische Aeutzerungen sind von ihm niemals bekannt geworden. Dennoch können wir einige seiner Ausführungen nicht unerwidert laffen. An der Universität Charkow bildete sich im Jahre 1883 eine studentische Vereinigung von 25 Mitgliedern, die die Vorkämpfer einer Wiedergeburt des jüdischen Volkes werden wollten. Sie gingen bei ihrem Vorhaben von denselben Gedanken aus, die etwa ein Jahrzehnt später Herzl ausgesprochen hat. Das schlummernde Volksbewutztsein des Judentums sollte wiedergeweckt, die Liebe zu Zion sollte erneuert, alles im Golus sollte geopfert werden, um dem Boden Palästinas die besten Kräfte zu weihen. Der prophetische Spruch „Bet Jaakob Lechu Benhel'cha (Haus Jakobs, kommt, wir wollen gehen" Jes. 2,5 ) wurde zum Leitstern dieses Kreises. Dornenvoll war der Weg, den die Biluenser zu gehen hatten. Ihr Ziel erreichten sie nur insofern, als sie selbst in der Nähe des Fellachendorfes Katra ein Stück Land errvarben, das sie besiedelten. Unter außerordentlichen Entbehrungen führten sie die Kolonisation ihres Eigentums, das heute 450 Hektar umfaßt und von ca. 140 Seelen bewohnt ist, durch. Der Idealismus der Biluenser verdient gewiß hohe Anerkennung. Diesem Idealismus der Biluenser und überhaupt deni Idealismus aller Zionisten stellt nun der Berfaffer die Charakterlosigkeit des Assimilationsjuden gegenüber, die er mit den schärfsten Worten geißelt. Es ist nicht erkennbar, ob Eberhard mit „Manschet" — dieser Herzl'sche Ausdruck wird hier mit Vorliebe gebraucht — nur den Hyperassimilanten meint, nur den würdelosen Menschen, der zu jeder Stunde und um jeden Preis sein Judentum jw verleugnen bereit ist. Daß auch wir uns aufs schröpfte gegen diese feige und schwächlichste Assimilation wenden, bedarf keiner Erörterung. Sollte aber der Bersaffer hier alle sich nicht zum Zionismus bekennenden Juden habe treffen wollen, so müßten wir ihm entgegenhalten, daß er allem Anschein nach sehr wenig über die starke Richtung innerhalb des deutschen Judentums orientiert ist, die sowohl die Assimilation in dem eben angegebenen Sinne wie auch den Zionismus ablehnt. Aber die Anhänger dieser Richtung sind es, die seit Jahrzehnten mit einem Idealismus, der dem der Biluenser in nichts nachsteht, den Kaulpf um das Recht des Judentunrs führen. Trotz aller Enttäuschungen und trotz aller Schicksalsschläge haben sie mit Entrüstung jeden Versuch der Gegner, sie zu sich herüberzuzieheu, zurückgewiesen. Denn sie. lieben nicht minder als jene Schwärmer der Studentenkolonie Katra ihr Judentum und bekennen sich stolz und bewußt zu ihm. Wir lehnen aber auch jenen Gedanken ab, den Eberhard am Schluffe seines Aussatzes zum Ausdruck bringt: „Und um ihn «.den Biluenser) herum wächst ein Geschlecht heran, das von kleinaus mit dem Boden der Väter verwachsen ist und in der Heinratlust gesund und stark wird an Leib und Seele — ein verheißungsvoller Ansatz zu der Wieder, gebürt der jüdischen Raffe, die sich nur vollziehen wird im Erez Israel, dem Lande der Väter, dem Erbe der Enkel." Wir sind vielmehrder durch nichts zu erschütternden Ueberzeugung, daß die „Lösung der Jndenfrage" nur auf deur Boden erfolgen karrn, auf dem wir seit Jahrhunderten rvohnen und mit dem uns unzählige Bande untrennbar verknüpfen. Nur hier weht die Heirnatluft, die uns gesund und stark an Leib und Seele bleiben läßt. Wir vermögen auch nicht einzusehen, weshalb durch unser Verbleiben hier im Lande unserer Liebe zum Judentum, das für uns kein künstlich geschaffener Begriff ist, Abbruch getan werden sollte. Or. Kurt Alexander. Der Weltkrieg im Lichte des Judentums. Von l)r.J. W o h l g e m u t. (Verlag des „Jeschurun", 1915) 165 S. In dem Buche hat der Bersaffer der größeren Oeffentlichkeit zehn Kriegsanssätze übergeben, welche schon zuvor im Jahrgang 1 und 3 seiner Zeitschrift „Jeschurun", Monatsschrift für Lehre und Leben im Judentum, veröffentlicht waren. Im „Jeschurun" werden religiöse Zeitfragen im „Spiegel der Ewigkeit", d. h. vom Gesichtspunkte des gesetzestreuen Judentums be. handelt und zwar in gründlicheren, wissenschaftlichen Betrachtungen. Die Lehre der Thora mit den Verpflichtungen der Jetztzeit in Uebereinstimmung zu halten ist das heiße Bemühen des Berfaffers. Gesetzestreue und modernes Staatsleben sollen in ihrer Wirkung aufeinander betrachtet und schriftstellerisch dargestellt werden. Aus diesen zwei Wurzeln wachsen die Gebilde aus der Feder Wohlgemuts und bei der Durchsicht seiner Kriegs, aufsätze kann wohl gesagt werden, daß es dem Herrn Versager größtenteils gelingt, in seiner theologisch.historischen Betrachtungsweise den Fragen des Weltkrieges nerie und zuin Nachdenken anregende Saiten abgugewinnen. Als guter und frommer Jude wie als begeisterter und pflichtbewußter Deutscher ergeht sich der Verfasser in tiefgründigen, tvarmherzigen Betrachtungen, wie die Kluft von Gotteswort und Weltkrieg zu Überdrücken, ja zur höheren Einheit zu verbinden sei. Dabei ergeben sich kraft des klaren Verstandes von vr. Wohlgernut keine leeren, nur moralisierenden Predigten, sondern ganz zeitgemäße, praktische Folgerungen, die eindrucksvoll Handeln und Gedanken des mit der Zeit fühlenden Juden beeinflussen. Trotz der ständigen Anknüpfung an die Thora durchweht doch Wirklichkeitssinn das Buch. Der Bersaffer bemüht sich, nicht in fernen Gedankenbahnen zu wandeln, sondern fest mit beiden Beinen auf dem Boden des nüchternen Alltags zu bleiben und von der realen Tagesgeschichte aus die Gedanken aufwärts zu lenken. In seiner Wirklichkeitstreue liegt der große Wert des Buches, dessen Kenntnis, nähme jedem Juden und aber auch jedem Nichtjuden empfohlen sei. Weil der Verfasser den Tatsachen, seien sie auch unangenehm, tapfer ins Gesicht sieht und sie nicht in. Redensarten einwickelt, ist er sympathisch und interessant. Als K. Cer mag man zwar mit manchen »eiten nicht übereinstimmen (Verfasser lehnt z. B. iuskeljudentum" wohl im Hinblick auf den K. C. ab, S.43), aber es sind nur gelegentliche Stellen, die uns zum Widerspruch reizen. Was an-dem.Buche eher auszusetzen^ist, ist eine gewisse Breite und gelegentliche Weitschweifigkeit im Ans-