KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 9 (Januar 1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 574 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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574 mäßig vertreten, so daß sie nicht nur in kultureller,! sondern auch in politischer und wirtschaftlicher! Hinsicht zu selbständigem nationalen Leben! befähigt ist. I Anders die polnischen und überhaupt die oft-! europäischen Juden. Sie bilden zwar in vielen Städten starke Minderheiten und haben in zahlreichen — allerdings nur kleinen Städten — sogar der Zahl nach das Uebergewicht. Aber in keinem einzigen geschlossenen Landesteil verfügen sie über die Mehrheit. Es fehlt ihnen ferner die harmonische Berufsgliederungda ihnen zahlreiche der wichtigsten Berufsarten verschlossen waren, sind sie ausschließlich in wenigen städtischen Gewerben tätig. Deshalb sind sie darauf angewiesen, mit der umgebenden Bevölkerung auszukommen, daher konnte der polnische Wirtschaftsboykott egen die Juden vor dem Kriege eine so vereerende Wirkung ausüben. Sie können den ungleichen nationalen Kamps nicht aufnehmen, weil ihre Existenz eben nicht in dem sicheren Boden einer nationalen Heimat wurzelt und^daher nur allzu leicht der Vernichtung ausgesetzt ist. Sie sind daher auf eine Verständigung, auf ein friedliches Zusammenarbeiten mit der polnischen Bevölkerung angewiesen. Aber das Aufgeben der Jargonkultur wäre in Wirklichkeit auch kein großer Verlust. Ihr Wert ist doch jedenfalls nicht größer, als der Wert der polnischen, die unter allen slavischen Kulturen die höchste Stufe erreicht hat. Besitzt doch die jiddische Kultur erst seit wenigen Jahrzehnten ein auch heute noch — von Übersetzungen abgesehen — äußerst bescheidenes Schrifttum. Das kann auch nicht wundernehmen. Denn abgesehen davon, daß die Entwickelung der Ostjuden durch die ständigen Bedrückungen sehr gehemmt war, so ist doch namentlich zu bedenken, daß der Jargon eben nur die Verkehrssprache des täglichen Lebens bildete, während die eigentliche Kultur- und Schriftsprache das Hebräische war, das bei den Ostjuden das Kulturleben in vielleicht noch stärkerer Weise beherrschte, als die lateinische Sprache die mittelalterliche Kultur. Es ist heute nicht ohne Jnteresie, sich daran zu erinnern, wie in der letzten Zeit vor dem KÄege gerade die zionistisch-nationaljüdischen Kreise der jiddischen Sprache jeden kulturellen und nationalen Wert absprachen und mit großer Schärfe die „alljüdische" Bewegung bekämpften, welche im Gegensatz zum „Hebr'aismus" das Jiddische als nationale Sprache der Ostjuden pflegen wollte. Das gewichtigste Bedenken wäre, daß es nicht angehe, einem großen Volksteil ohne weiteres die Muttersprache zu rauben. Tatsächlich wird aber auch kein vernünftig Denkender an die polnischen Juden die Forderung richten, sie sollten mit einem Male aufhören, jiddisch zu sprechen und sich unvermittelt in jüdische Polen verwandeln. Es kann sich nur darum handeln, die natürliche Entwicklung zur polnischen Assimilation zu fördern. In Wirklichkeit ist diese bereits in einem sehr erheblichen Maße angebahnt, da ein sehr großer Teil der Juden bereits der polnischen Sprache mächtig ist, und bereits eine Reihe jüdischer Schulen mit polnischer Unterrichtssprache existieren. Sie wird aber noch dadurch erleichtert, daß sie den Gegensatz zu den Polen nicht als einen nationalen betrachten und daß der größte Teil der jüdischen Bevölkerung den national-jüdischen Bestrebungen teilnahmslos, vielfach sogar — z. B. die im „Bund" organisierten Gewerkschaftler — feindlich gegenüberstehen. Den meisten ist das Wesentliche die religiöse Gemeinschaft, sie erblicken daher auch nicht in der jiddischen, sondern in der hebräischen Sprache die heilige. Gewiß, auch in Polen wird es Feinde einer Assimilation geben, sie werden aber die natürliche Entwicklung ebensowenig aufhalten können, wie der gegen Moses Mendelssohn geschleuderte Bannfluch eines fanatischen Rabbiners die Assimilation unserer Vorfahren an das Deutschtum hindern konnte. War die Assimilation für uns, die westeuropäischen Juden, ein großer Segen, hat sie es uns erst ermöglicht, in gewohnter Weise Anteil an der Gesamtentwicklung der Menschheit zu nehmen, so dürfen wir auch hoffen, daß die Assimilation und die Befreiung aus der Enge des Ghettos die polnischen Juden zu einem wertvollen Kulturfaktor machen wird, daß sie als jüdische Polen ihrer Religion, ihrem Vaterlande und der Menschheit ebenso große Dienste leisten werden, als es die Juden der westeuropäischen Länder dank ihrer Assimilation vermochten. Die Kriminalität 6er Zu6en.*> Bon stud. iur. L. Götz, K. C.-Stammtisch, Frankfurt a. M. „Die moralische Minderwertigkeit der Juden", das ist einer der bedeutendsten Vorwürfe unter den zahllosen, die von antisemitischer Seite ständig wider uns erhoben werden. Der Jude betätige sich kriminell stärker als der Christ, so behaupten die Gegner, und suchen diese Behauptung in zahl- *) Die vorliegende Arbeit ist von dem Verfasser zunächst als Referat in der Fuchsenstunde des K. C- Stammtisches Frankfurt a. M. gehalten worden. Wir hoffen, daß durch ihre Veröffentlichung die jüngeren Verbandsbrüder in stärkerem Mätze, als es bisher der Fall war, zur Mitarbeit an den K. C.-Blättern veranlaßt werden. (Die^Schristl.)