KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 9 (Januar 1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 573 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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578 Lauf der Geschichte in andere Bahnen lenken, hin zum Deutschtum oder im Verharren in der Ghettokultur? So manches Bestechende auch die Erziehung der jüdischen Bevölkerung in einem selbständigen Polen zum Deutschtum hat, eine gewisse Berechtigung läßt sich doch den Gegenargumenten Goldmanns nicht absprechen. Dafür scheint zu sprechen, daß die Vorfahren der polnischen Juden — wenn auch vor vielen Jahrhunderten — aus Deutschland eingewandert sind und sich im Jargon sogar ihre deutsche Sprache bewahrt haben. Konnte ich doch bei meinem Aufenthalt in den verschiedensten Teilen Polens und Littauens seststellen, daß wohl sämtliche Juden deutsch verstehen und — wenn auch nicht immer richttg — sprechen. In Kurland, das ja aus dieser Betrachtung ausscheidet, ist bereits eine sehr weit- > gehende Assimilation an das dort herrschende Deutschtum eingetreten; zeigt doch der kurländische Jude überhaupt kaum noch den ostjüdischen Typus. Aber man darf andererseits nicht vergessen, daß in der Fremde nicht nur die Spräche j eine andere Entwicklung genommen hat, als in! Deutschland, auch in kultureller Hinsicht hat sich die polnische Judenheit doch so stark dem Deutschtum entfremdet, daß sie — wie es selbst die deutschen Juden zu Mendelsohns Zeiten mußten — sich erst wieder dem Deutschtum assimilieren müßten, um Deutsche zu werden. Anders als bei den deutschen Juden würde es sich hier aber nicht um eine Assimilation an die Umgebung, sondern um eine Assimilation an die Kultur des Nachbarlandes handeln, die sich nicht als das natürliche Ergebnis des engen Zusammenlebens mit der Umwelt ergibt und sich daher wohl nur auf eine äußerliche Annäherung beschränken, den polnischen Juden wohl kaum wirklich deutsches Wesen übermitteln könnte.*) Eine solche Assimilation würde sie — wie Goldmann treffend sagt — nur mit einer dünnen, deutschen Tünche überziehen, sie dafür aber ihrer bisherigen Umgebung entfremden und ihnen den Zusammenhang mit dem heimischen Boden rauben. Wie sehr man auch im deutschen Interesse wünschen mag, daß die polnischen Juden auf slavischem Gebiet die Schrittmacher und Vorkämpfer deutschen Wirtschaftslebens werden möchten, so muß man doch andererseits auch bedenken, daß gerade die deutsche Erziehung den bestehenden Gegensatz zwischen Juden und Polen noch verschärfen würde. Der politisch bedrückte und verfolgte Jude dürfte kaum *) Bei Gebieten, die dem deutschen Reiche einverleibt werden, würden diese Bedenken schwinden, da alsdann eine intensive Durchdringung des Gebiets mit deutschen Staatseinrichtungen stattfinden und eine innige Berührung mit dem Deutschtum erfolgen würde. die Möglichkeit haben, der deutschen Sache den Weg zu bahnen. Dagegen würden sie auch ohne derarttge halbe Assimilation ihre Kenntnis der deutschen Sprache zur Förderung enger Beziehungen zwischen Deutschland und Polen benutzen können; sie werden es alsdann um so lieber tun, als sie in den Deutschen ihre Befreier von der russischen Reaktton erblicken. Den Interessen Deutschlands wird daher wohl am besten gedient sein, wenn wir durch Gewährung voller Gleichberechtigung die Ezcistenz der polnischen Juden festigen und uns dauernd den Dank einer Bevölkerungsschicht sichern, die schon aus ihrer historischen Entwicklung heraus der deutschen Sache zugetan ist und die durch ihre Stellung im Wirtschaftsleben zur Vermittlertätigkeit bestimmt ist. > Wenn aber Goldmann anerkennt, daß das! Deutschtum einen solchen Gegensatz zwischen Juden und Deutschen befürchten läßt, warum berücksichttgt er nicht die Gefahr beim Verharren in der jiddischen Kultur? In beiden Fällen wird j der religiöse Gegensatz durch den kulturellen! und nationalen Gegensatz verschärft. Die deutsche Sprachzugehörigkeit würde den polnischen Juden wenigstens die Anlehnung an das mächtige Nachbarland ermöglichen und ihnen die Unterstützung durch die bereits im Lande befindlichen, fast eine halbe Million zählenden Deutschen gewähren. Das Verharren in der jiddischen Kultur würde aber die vollkommene Isolierung bedeuten und den jetzigen Zustand verewigen. Selbst eine größere Seßhaftigkeit, die Goldmann erstrebt, würde die jiddische Kultur nicht verbürgen) bisher hat sie jedenfalls die große, ostjüdische Auswanderung nicht aufgehalten. Eine enge Verbindung mit dem Land würde ja doch nur die Zugehörigkeit zum Polentum bewirken. Dagegen müßte das Streben nach einer jiddischen Sonderkultur einen nationalen Gegensatz zur herrschenden Natton schaffen und dadurch zu nationalen Kämpfen führen, denen die polnische Judenheit nicht gewachsen ist. Denn es ist durchaus irrig, zu glauben, einer nattvnal abgeschlossenen Judenheit sei ein Nebeneinanderleben neben dem Polentum in gleicher Weise möglich, wie wir es bei den verschiedenen Nationalitäten der österreich-ungarischen Monarchie sehen. Dieser von national-jüdischer Seite vielfach herangezogene Vergleich verkennt, daß sich die österreichischen! Nationalitäten ganz anders gegenüber- I stehen, als die Polen und Juden. In Oester-! reich hat jede Nattonalität ein besttmmtes Herr-! schaftsgebiet, wo sie bodenständig ist und eine > kompakte Mehrheit bildet. Dort ist sie in allen l Bevölkerungsschichten und Bernfsarten gleich-