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KC-Blätter · 1916-01-01 · Heft 9 (Januar 1916) · p. Seite 572

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 9 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 572 (sequence 30)
Language
German
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572 „seltsamerweise als ein erbitterter Feind der I jüdischen Muttersprache zu erkennen". Das ist selbstverständlich unrichtig. Als Historiker bin ich weder Feind noch Freund historisch gewordener Tatsachen. Ich stelle in meinen Artikeln in der AllgeLneinen Zeitung des Judentums nur sest: 1. Wie sich auch nach dem Frieden die staatsrechtlichen Verhältnisse Polens gestalten werden, so wird eine bedeutende nationalistische Entwicklung des Polentums stattfinden, an - der das Kaiserliche Gouvernement in Warschau schon jetzt beharrlich arbeitet. 2. Kundgebungen der polnischen Blätter sowie des polnischen Lehrervereins beweisen unzweifelhaft, daß die Polen nach dem Frieden für den Fall, daß die dortigen Juden sich ihnen nicht auf dem Boden der Sprache assimilieren, sich um deren völlige politische und ökonomische Vernichtung auf polnischem Boden bemühen werden — ein Anstreben, das um so mehr Erfolg verspricht, als es schon vor dem Kriege zum guten Teil gelungen war. 3. Deshalb muß in den jüdischen Volksschulen Polens in polnischer Sprache gelehrt werden, damit die sie besuchenden Kinder Polnisch verstehen und sprechen lernen. Daneben können sie zu Hause so viel „jiddisch" reden, wie es ihnen beliebt. Es handelt sich also hier um eine Existenzfrage der polnischen Juden. Berlin, 20. Januar 1916. Prof. Dr. Martin Philippson. Ghettoju-entum oder Assimilation? Von Karl Löwenstein. Die Ausführungen Goldmanns im letzten Heft, die so viel Vorzügliches über die „Ostjudenftage" brachten, möchte ich in einem Punkte nicht unwidersprochen lassen. Goldmann schreibt (S. 629): „Wollte man versuchen, die Ostjuden restlos der deutschen Sprache zuzuführen labgesehen natürlich von Gebietsteilen, die dem deutschen Reiche einverleibt werden sollten), so würde man den Schwerpunkt ihrer Interessen künstlich nach Deutschland verlegen. Man würde ihnen ihr eigenes Wesen nehmen, ihnen Halt und Sicherheit gänzlich rauben, um sie dafür mit einer dünnen, nutzlosen, deutschen Tünche zu überziehen. Man würde mit einem Worte die Auswanderung großziehen, die man doch in ihrem eigenen Interesse vermieden sehen will. Daß überdies im Falle der Einführung der Amtssprache des deutschen Reiches das Verhältnis zur polnischen Bevölkerung ein recht gespanntes werden müßte, sei nebenher erwähnt. Von welcher Seite man auch das Problem anpacken möge, zu einem anderen Ergebnis kann man kaum kommen, als zu dem natürlichsten, daß die Muttersprache der Ostjuden nicht angerührt werden darf." Goldmann erwähnt nur die eine Alternative: deutsch oder jiddischer übergeht aber völlig die dritte Möglichkeit, nämlich die Assimilation an die herrschende umgebende Nation, das wäre aber sür die Gebiete Kongreßpolens, die nicht dem deutschen Reiche einverleibt werden, die polnische, denn von der nichtjüdischen Bevölkerung Polens sind nur 10 Prozent fremder Nationalität. Und doch hätte diese Lösung wohl am nächsten gelegen. Denn die Assimilation'an die herrschende, umgebende Nation war in Westeuropa so ausnahmslos die Folge der Emanzipation der Juden, daß hier geradezu von einer gesetzmäßigen geschichtlichen Entwickelung gesprochen werden kann. Es gibt bisher kein Land, in dem die Juden nach Gewährung der bürgerlichen Gleichberechtigung sich nicht oer im Lande herrschenden Nationalität angeschloffen hätten, mit der sie nach dem Wegfall der Ghettoschranken in den engsten Verkehr traten. Wenn wir also die Folgen der künftigen Emanzipation der Juden Polens erörtern, liegt nichts näher, als daß wir zunächst mit der Möglichkeit rechnen, daß dieselbe Entwicklung wie in Westeuropa so auch in Polen eintritt. In Polen liegen allerdings die Verhältnisse insofern anders als in den westeuropäischen Ländern, als dort die jüdische Bevölkerung wesentlich dichter ist (15 Prozent der Gesamtbevölkerung). Die kompakte Ansiedlung erschwert aber die Berührung mit der umwohnenden nichtjüdischen Bevölkerung und dadurch auch die Assimilation. Aber ein dauerndes Hindernis bildet auch die Massenansiedlung nicht. Selbst in der dichtesten Judenansiedlung der Welt, im Judenviertel New-Aorks, gibt es trotz des ununterbrochenen Zuflusses der im Ghetto ausgewachsenen Ostjuden kein Halt in dieser Entwicklung; mehr und mehr setzt sich auch hier der Einfluß der Assimilatton durch und fortwährend verlassen amerikanisierte Juden die engen Gassen des New-Ä)orker Ghettos. Wie wenig eine größere Dichte der jüdischen Bevölkerung dauernd die Assimilation zu hindern vermag, beweist insbesondere auch das Beispiel Galiziens, das einen wohl ebenso hohen Prozentsatz an Juden zählt, wie Polen. Trotzdem die Emanzipation des zum Teil erst 1846 an Oesterreich gefallenen Landes noch keineswegs durchgeführt ist, trotzdem die wirtschaftliche' und besonders die kulturelle Lage der galizischen Juden noch trauriger ist, als die ihrer polnischen Glaubensgenossen und trotzdem das Polentum in dem national zerrissenen Lande nur über eine knappe Mehrheit verfügt (54 Prozent der.Gesamtbevölkerung gegen 75 Prozent in Polen) hat in Galizien, wo es bereits polnische Abgeordnete jüdischen Glaubens gibt, doch schon eine weitgehende Assimilatton stattgefunden. Soll man nun die Assimilatton an das Polentum wünschen und fördern oder künstlich den

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