KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 9 (Januar 1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 569 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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569 Als daher die drei Viadrinen Friedmann, Ehrlich und Davidsohn, die in unserem zweiten Semester zum Besuch kamen, jeden Gedanken an eine etwaige Ausnahme von Mitstreitern nichtjüdischer Religion — auch in der Theorie — zurückwiesen, war ich sehr zufrieden. Ich vertrat auch ihren Standpunkt mit Erfolg in unserem Konvent, wie ich es schon ein halbes Jahr vorher in Würzburg — dort leider erfolglos — getan hatte. Zum Schluß des Semesters fuhr ich nach Breslau, um dem 5. Stiftungsfest der Viadrinen beizuwohnen und gleichzeitig die Beziehungen der beiderseitigen Verbindungen in feste Formen zu bringen. Die Reise, von Heidelberg nach Breslau nimmt eine hübsche Spanne Zeit in Anspruch, und wer — wie ich es tat — auf Rundreise- Billett 3. Klasse fährt, kommt nach mehr als 24 Stunden, ziemlich gerädert, in seinem Bestimmungsort an. Auch sonst war mir nicht wohl in meiner Haut: denn es ist eine alte Geschichte, daß Gäste, welche etwas bringen, lieber gesehen werden als solche, die etwas haben wollen. Ich aber wollte von der Viadrina die Hilfe von zwei"Aktiven für" das nächste Semester haben, in das wir mit den denkbar trübsten Aussichten hineingingen. Nur drei von unseren Leuten, Mainzer, Auerbach und Strauß, wollten wiederkehren, und bei letzterem war es nicht einmal ganz bestimmt. Alle übrigen gingen mit dem Plan um, andere Universitäten aufzusuchen. Es war also kein Wunder, daß unsere Breslauer Freunde nicht gerade entzückt waren, als sie hörten, wie es in Heidelberg stand. Nach anfänglich recht herzlicher Begrüßung wachte auch bald auf ihren Gesichtern der Ausdruck der Freude einer sehrnachdenklichen Miene Platz. Als die Festtage, welche damals weniger pomphaft als unsere heutigen Festivitäten begangen wurden, vorüber waren, wurde ein Konvent anberaumt, in dem über meinen Antrag auf Zuweisung von zwei Aktiven beschlossen werden sollte. Der Konvent fand in der Wohnung des damaligen Erstchargierten, Prinz, statt, wohin ich mich auch voll banger Erwartung begab, um mir das Resultat der Beratungen Mitteilen zu lassen. Niemals in meinem Leben werde ich den Schrecken vergessen, den ich empfand, als mir Goldschmidt verkündete, die Viadrina sei von der Unmöglichkeit überzeugt, daß sich die Badenia auf die Dauer halte, und sie müsse davon absehen, jemand von ihren Leuten nach Heidelberg zu beordern. Vergebens legte ich mein ganzes Herz in meine Worte, um den Beschluß rückgängig zu machen. VergebensI stellte ich den Breslauern vor, wie auch sie mit bösen Tagen zu kämpfen gehabt und jetzt doch gesichert daständen. Vergebens schilderte ich ihnen den reichen Nutzen, den unsere Erhaltung für die Ideen ihrer eigenen Verbindung und damit für ihre Verbindung selbst bringen würde, sie glaubten, das von mir erbetene Opfer nicht bringen zu sollen. Nachdem sich die Tür hinter mir geschlossen hatte, vermochte ich meinen Tränen der schmerzlichsten Enttäuschung nicht mehr Einhalt zu gebieten. Wenn ich mich auch den Viadrinen mit. dem unbehaglichen Gefühl des Bittenden genähert hatte, so war das doch in vollem Vertrauen auf ihre himmelftürmende, schrankenlose Begeisterung für die gemeinsame Sache geschehen, und nun mußte ich auf so kiihles Erwägen, auf so vorsichtige Zurückhaltung stoßen. Die Viadrinen sind nachher unsere aufrichtigen Freunde und lieben Kartellbrüder geworden, ich gebe mich der Hoffnung hin, daß sie mir die Erwähnung der oben geschilderten Tatsachen nicht übelnehmen werden/ denn nichts liegt mir ferner, als ihr Mißfallen zu erregen. Hätte ich aber, wie sie es damals für ratsam hielten, meine Tätigkeit in Heidelberg - als aussichtslos eingestellt, so würde es heute kaum einen K. C. geben. Ja, ich hege sogar begründeten Zweifel, haß eine Viadrina existieren würde, denn nach ihrem glänzenden Jubiläum des 10. Semesters kamen für sie wieder Tage, von denen es hieß „und sie gefallen mir nicht". Mit einer Aktivitas, deren Anzahl noch geringer war, als die Badenia in ihren schwächsten Augenblicken sie auß;uweifen hatte, mußte sie sich verschiedene Semester lang mühevoll durchschlagen. Sie konnte es ausführen/ denn die Existenz der Badenia gewährte ihr einen starken moralischen Halt. Die Existenz der Badenia lieferte den Beweis, daß die Idee der jüdisch-akademischen Organisation bei unbeugsamer Zähigkeit und unbedingtem Ausharren schließlich doch Boden findet, und so wurde in Breslau kein Suspensionsbeschluß mehr — wie kurz vor Begründung der Badenia — gefaßt. Betrübten Herzens, aber mit ungebrochenem Mut, kehrte ich nach Heidelberg zurück, setzte dem in der Nähe wohnenden Halle gründlich zu und erhielt schließlich dessen Versprechen, in Heidelberg zu bleiben. Auch Strauß kam wieder, ebenso Auerbach und zwar brachte er seinen Freund Fritz Frank mit, der gleich seinem mehrere Tage später eingetroffenen Mitschüler Schild aus Westfalen bei uns aktiv wurde. Mainzer übernahm die erste Charge, Halle die zweite und Auerbach wurde mit der dritten betraut. Wir waren also mit unseren sechs Aktiven eine kleine, aber seine Verbindung, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen ließ. Mit der Zeit gewannen wir auch Boden bei der jüdischen Bürgerschaft Heidelbergs, die