KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 9 (Januar 1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 567 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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567 bloß human-ethisches zu nennen; es zieht seine! besten Kräfte aus dem Glaubenseine Verwirk- | lichung geht über Menschenkraft, daher weist es auf Religion hin. Ich möchte Religion in dem Bilde unserer Bereitschaft und Rüstung die Brünne nennen, die das Herz schirmt. Sicher hat uns der Krieg bereits in mancher Hinsicht auch eine religiöse Neuorientierung gebracht; aber nichts ist schwerer, als religiöse Ersahrungen aus den Zeiten des Aufruhrs aller Gefühle und des Druckes letzter Nöte in ruhige Zeiten hinüberzunehmen. Es geschieht nur, wenn jene bis in die Tiefen unseres Wesens hinabreichen, wenn wir das Gefühlsmäßige in die Sphäre des Intellektuellen erheben und intellektuelle Schwierigkeiten durch die - absolute Gewißheit innerer Erlebnisse überwinden. Man hat von einer Art Schützengraben-Religion gesprochen, als neuem Erlebnis unserer Frontkämpfer und wertvollen! Zuwachs für das religiöse Leben der Zukunft. Man meint damit das tiefe Ergrisfensein von der Gottesnähe, das feste Vertrauen auf höheren Schutz, Ergebung und Trost in allen Leiden. Dagegen habe diese Frömmigkeit nichts zu tun mit dem bestimmten Glaubensbekenntnis einer Kirche, mit Formeln und Dogmen, Leistungen und Riten. Diese negative Erfahrung beruht auf einer Täuschung; die Selbstbekenntnisse, die den Unwert jeder Eigenart des Väterglaubens zugunsten einer möglichst verschwommenen Menschheitsreligion hervorheben, stehen an subjektiver Selbstbeobachtung und objektiver Wahrheit hinter denen zurück, die ehrlich die Zurückgewinnung ihres alten, jetzt in eine höhere Sphäre gehobenen Kindheitsglaubens eingestanden. Wie könnte es auch anders sein! Nicht der Begriff, die Idee, aber die Macht und Wirksamkeit der Religion sind untrennbar vom angestammten Glauben. Wir müssen in unserer eigenen Religion heimisch sein, oder wir sind es in keiner. Sicher soll der Krieg das gegenseitige Sichverstehen der Bekenntnisse fördernder Gott der Heerscharen ist aller Gottaber wir müssen uns mit neuer Lebendigkeit dessen bewußt werden, was er uns besonders ist. Dazu kann die Tatsache große Dienste leisten, daß in der Einschätzung und Bewertung unserer heiligen Schrift im Volksurteil und im Urteil führender Theologen ein gewaltiger Umschwung durch den Krieg sich vollzogen hat. Bis dahin die Zielscheibe offener und versteckter Angriffe aus den verschiedensten Lagern, steht sie heute mit ihrer Lehre gotterfüllter Wehrhaftigkeit und ihrem klassischen Kriegsliederbuch, den Psalmen Davids, in ungeahnter Größe da. Der Gott des Judentums gibt nicht nur dem einzelnen, sondern auch den Völkern ihr Geschick in die eigenen Hände. Der Krieg gilt ihm an sich so wenig als widergöttlich, wie' die Notwehrer wird es erst durch die Frivolität feines Beginnens, die Grausamkeit seiner Führung, die Unsittlichkeit seiner Ziele. Krieg soll das bessere Recht und die größere Wahrheit erkämpfen helfener gehört zu den Mitteln und Vorläufern sogar des Reiches Gottes, das der Menschheit den Frieden als schier unerreichbares, messianisches Ziel verkündet. Sich für befferes Recht schlagen, das für uns immer beim Vaterlande sein muß, heißt zugleich für Gott kämpfen und in diesem Kampfe sich selbst zum Opfer b.ringen. Grade diese Idee des Opfers ist aber eine eminent religiöseganz auf ihr aufgebaut ist bekanntlich das Christentum. Bei uns Juden hat sie eine andere Ausprägung erhalten: einem ganzen Volke, einer großen Gemeinschaft wird das Opfer zugemutet. Man sollte zugeben, die Juden haben bewiesen, daß sie ihrer geschichtlichen Mission bisher gerecht geworden. Jedes Blatt ihrer Geschichte beweist, etwa seit den Makkäbaerzeiten, daß sie zu sterben, aber auch zu siegen wußten, und aus allen blutigen, wie unblutigen Schlachten das Heiligtum ihres Glaubens gerettet haben. Wem sollte man solches mehr ans Herz legen, als den Gebildeten unter den Schützengrabenkämpfern und ihren Kameraden hinter der Front! Der Tag wird kommen, da Ehrentafeln in den Synagogen auch die Namen der gefallenen Akademiker künden werden. Sollen dann nur die Toten dem Gotteshause zugehören, oder auch die Lebenden? Der studierte Jude, der wahrhaft religiöse Interessen hatte (also nicht nur öffentlichrechtliche), war zur Ausnahmeerscheinung gewordenmit der inneren Zersetzung unserer alten, religiösen Kräfte rechneten unsere Gegner bereits, wie mit einem sicheren Faktor. Machen wir diese Rechnung zuschandenbeweisen wir, daß wir auch das Göttliche der gewaltigen Zeit verstanden und uns zueigen gemacht haben. Nicht die Erfahrungen des Einzelnen verstärken im Kriege den Drang nach Religion, sondern das Erlebnis des Volkes. Ist es wahr, daß das deutsche eines der religiösesten des Erdballs ist, dann sollte endlich auch der deutsche Jude sich auf sich selbst besinnen, und mit seinen Volksgenossen in freudiger Betätigung seines eingeboren,' religiösen Zuges wetteifern. Es war Gefahr im Verzüge, begegnen wir ihr mutig. Erblicken wir nichts Unwürdiges mehr in der Scheu und der Verehrung der unnennbaren, über und in uns waltenden Macht. Wer je die Gewalt des altniederländischen Dankgebets an sich verspürt hat, wird sich dann nicht vergeblich in die Schlußbitte mit eingeschloffen haben: „o Herr, mach' uns frei!" Auch für den Frieden wird er eine neue Freiheit sich erkämpft haben, ein Aufgeben religiöser Verneinung und Erstarrung. In dem Erstarken wahren, religiösen Lebens aber wird das Glück und der Vorzug kommender Zeiten ruhen.