Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1916-01-01 · Heft 9 (Januar 1916) · p. Seite 565

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 9 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 565 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2268830-2268895-2268898--1625-3523242
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

565 liches Ansiedeln, eine tätige Mitarbeit auf allen Feldern menschlicher Betätigung, war nicht länger zu widerstehen. Heute, und besonders unter oen! Donnerschlägen des Krieges, dürften denn auch die meisten, zurechnungsfähigen Deutschen, wo es nötig war, auch über uns umgelernt haben. Aber auch wir »vollen, gleich allen andern Deutschen, noch mehr geistige Selbstzucht üben, als früher; wir wollen uns den schrankenlosen Subjektivismus untersagen, und uns vor jenem ehrfurchtslosen Eigendünkel hüten, der Autoritäten stürzen und unbedingt in allem rechthaben muß. Wir bewundern die Leistungen unserer deutschen Organisation,' sie ist nichts anderes, als ein auf alle Gebiete des bürgerlichen und sozialen Lebens sinngemäß angewandter und angepaßter Militarismus. Dieser beruht aber, wie Nahum Goldmann in seiner Kriegsschrift (Sammlung vr. Jaeckh) treffend ausgesührt hat, auf Uniformierung und Autorität in gegenseitiger Durchdringung. Beide sind dem jüdischen Geiste seit der Emanzipation stark abhanden gekommen; Subjektivismus bis zum Atomismus, ätzende Kritik, Witzelei und Spottsucht bis zur würdelosen Selbstschmähung trieben ihr Wesen. Ich sage nichts gegen den famosen, jüdischen Humor, treffsicheren Witz und Schlagsertigkeit! Aber es war doch ein befreiendes Schauspiel, daß vor einiger Zeit ein witzig sein sollendes jüdisches Machwerk von den deutschen Juden mit einem Fußtritt aus der Welt geschleudert wurde. Solange die Waffen klirren, ist keine Zeit zum Politisieren. Sowohl diejenigen, die heute ihr feldgraues Ehrenkleid tragen, das manchem schon züm Sterbekleid wurde, als auch wir im Lande kennen heute nur ein Ziel: Verteidigung des Vaterlandes, Hingabe des Letzten, was es von uns fordert, für seine Wohlfahrt. Aber die Zeit wird kommen, da werden neue Parteikämpfe im Volke einsetzen, auch wir werden immer noch um unser besseres Recht kämpsen müssen. Dafür sollen wir uns mit dem ausrüsten, was Bismarck Zivilcourage genannt hat! Ob jemals wieder im deutschen Reichstage behauptet werden wird, daß der jüdische Offizier die nötige Achtung als Vorgesetzter nicht finden könne, oder daß der jüdische Soldat die Front verunziere, möchte man beinahe für unmöglich halten. Dennoch heißt es: bereit sein, ist alles. Ein ehrlicher Mut beseele uns gegenüber dem Vaterlande, wo wir Anrechte geltend machen können. Falsche Bescheidenheit wirkt abstoßend; derjenige, der nur sein wohlerworbenes Recht will, wirkt niemals anmaßend. Auch der Krieg will dem besseren Rechte Geltung verschaffen; sein Mittel ist die Gewalt. Wir werden uns friedlich-gesetzmäßiger Mittel bedienenwir kennen auch die engen Schranken, die einer kleinen Minderheit von selbst gezogen sind, und ein Zuviel von selbst verhindern. So gehörte noch manches zu der geistigen Verfassung, die wir uns für die Zukunst denkendoch mögen diese Andeutungen genügen. Zu den Kriegsverlusten rechnen wir nicht nur zerstörte, wirtschaftliche Güter und unersetzliche Menschenleben, sondern die Einbuße an idealen Besitztümern, besonders an tieferer Ethik und umfassender Humanität. Kein Krieg soll in dieser Hinsicht so verwüstend gewirkt haben, wie der gegenwärtige. Deutschland kam in die tragische Lage,' durch die von der Notwehr gebieterisch eforderte Verletzung belgischer Neutralität sich en selten aufrichtigen, meist erheuchelten Vorwurf eines völkerrechtswidrigen Gewaltaktes zuzuziehen. Angesichts der Schandtaten von Ostpreußen, von Reims, des „Baralongh" und des „King Stephen" ist jener Vorwurf reichlich stumpf geworden. Aber immerhin — da der Krieg doch die elementarsten Forderungen der Ethik insoweit außer Kraft setzt als sie dem Feinde gegenüber nicht geübt werden können, ja nicht einmal dürfen — was ist eine Sittlichkeit aus Kündigung, eine Ethik, die man ankurbeln und abstellen kann! Was ist sie zwischen Mensch und Mensch, wenn die andere Uniform ihn des Menschseins beraubt, und nun gar zwischen Volk und Volk vom Augenblick der Kriegserklärung an? Müßte man da nicht lieber ehrlich an eine Abrüstung in sittlicher Hinsicht denken, statt von einer höherensittlichreligiösen Bereitschaft zu sprechen? Das uns entgegengeschleuderte „Barbarentum" gilt ja als nichts anderes, als die Summe unsittlichen Wollens vieler Millionen Einzelner. Demgegenüber wäre zu fragen, ob zunächst der Einzelwille dieser Millionen anders, als ethisch zu werten sei?! Er war darauf gerichtet, für eine Idee, die Pflicht fürs Vaterland, restlos sich einzusetzen. Dies gilt hüben, wie drüben. Die Heiligkeit dieser Idee ist nicht anzutasten. Sie verlangt eine absolute Absage an alle Formen niederen oder feineren Glückseligkeitsstrebens, sie ist die Verneinung des Willens zum eigenen Leben zugunsten des Lebens eines höheren Organismus, gleichviel, ob man diesem noch angehören wird oder nicht. Im Heroismus für die Nation bringt offenbar die Blüte der Bevölkerung allen Eudämonismus, Sinnenfreude, Selbstgenuß, Zukunstshoffnung, oft auch Einzelehre (denn der ungenannten Helden ist eine Legion) zum Opfer. Man könnte in Deutschland (wie ja auch in Frankreich) aus die Macht der Gesetze als des Ausdrucks des Volkswillens Hinweisen, um die ethische Höhe zu verkleinern. Aber Wektkriege führt man nicht auf Grund

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.