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KC-Blätter · 1916-01-01 · Heft 9 (Januar 1916) · p. Seite 564

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Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 9 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 564 (sequence 22)
Language
German
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564 Körperausbildung ein übertriebener Kult dargebracht wird und das Soldatenkaisertum zur Vergöttlichung des Menschen führte, da empörte sich jüdische Art dagegen. Aber von übertriebener Geistigkeit waren sicherlich die biblischen Helden nicht angekränkelt, auch nicht die Propheten. Die Thora vollends ist allein dem Naturgemäßen, Gesunden und Kraftvollen zugewandt. „Was ich ihr besonders danke," sagt Gottfried Traub in einer Betrachtung über den Gegenwartswert der Bibel, „ist' ihre Freude am Gesunden." Diese Gesundheit ist die unerläßliche Grundlage für alles höhere Streben. Zur Zeit hat die körperliche Ausbildung der Jugend geradezu militärische Formen angenommen. Noch fehlt es an der gesetzlichen Grundlage, aber auch diese kann eine nahe Zukunft bringen. Unsere Gebildeten können sich der Pflicht nicht entziehen, diese Bewegung zu fördern. Schon mehrere Jahre vor dem Kriege hat man bei uns erkannt, daß eine von modern-pädagogischen, hygienischen Grundsätzen geleitete Jugenderziehung viel eher zu spät, denn zu früh einsetzen könne. Ich glaube, das nächste Geschlecht wird, wenigstens in Deutschland, eine harte Schule durchmachen müssen, und damit eine heilsamere, als ihm die süßliche Schwärmerin Ellen Key am Anfang des Jahrhunderts zudachte (dieselbe Ellen Key) die sich beim Ausbruch des Krieges pathetisch als Deutschseindin bekannte). Die Entwicklungsjahre von 14—17 sind die wichtigsten) man möchte sagen, dem Volke, das seine Jugend ungefährdet über diese kritische Zeit zu führen versteht, wird der letzte Sieg beschieden sein. Wir Juden hatten dreimal einen Mose von überragender Bedeutung. Der erste hat mit 120 Jahren allen Gebrechen des Greisenalters hohngesprochen) der zweite, Maimonides, klagte mit 60 über Schwäche und Hinfälligkeit) der dritte, Mendelssohn, trug die Bürde der körperlichen Verkümmerung seines Volkes nicht nur sinnbildlich auf seinem armen Rücken. Ein weiterer Verfall war nicht denkbar) der Zeitpunkt für den Aufstieg mußte kommen. Ein Zeitraum von kaum 150 Jahren, der die Entschränkung aller Kräfte, den Aufstieg in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht brachte, hat genügt, einen Umschwung herbeizuführen, über den höchstens antisemitische Karikaturenzeichner Tränen vergießen werden. Mögen diejenigen, welche die umbildende Macht der Umwelt gerade vom Typus des Juden fernhalten möchten, sich bald grausam enttäuscht sehen! Möchten wir selbst besonders die geheiligten Quellen des natürlichen Daseins rein erhalten) dann wird nicht nur den Gegnern manche Waffe von selbst entfallen, sondern wir brächten die altbertthmte, jüdische Lebens- und Widerstandskraft zu unserm eigenen Wohle zu Ehren. Stärker, als die leibliche, hängt die geistige Art einer Menschengruppe mit ihrer Geschichte zusammen) der Einfluß der Umwelt hat größere, innere Widerstände zu überwinden, bis er in die Tiefen hinabrcicht. Zum Glück ist in geistiger Beziehung hier für den deutschen Juden kein größeres Umlernen und Einstellen auf die Forderungen unserer harten Zeit nötig, als für den Deutschen überhaupt. Eine Ueberschätzung des Spiels und Sports, eine Züchtung des Athletentums und der Rekordsucht billigt man durchaus nirgends. Wo eine solche Neigung auftauchte, könnte eine Bemerkung von Hermann Cohen nützlich sein, die er mir gegenüber in ähnlichem Zusammenhang einmal tat: Das Gehirn ist auch ein-Teil des Körpers! Geistige Beweglichkeit, Scharfsinn, Entdeckergeist (ich denke an Lilienthal und Ehrlich); umfassende Kenntnisse und geistiges Können (man denke an den Wiederaufbau von Handel und Industrie) werden wir gar nötig brauchen. Wir werden Phantasterei und unfruchtbare Gelehrsamkeit nicht bannen können; so etwas, wie den Talmudjünger, aus dem man alles hätte machen können, aus dem aber öfters gar nichts wurde, wird es immer geben; aber viel Raum wird er nicht finden. Der deutsche Michel und der jüdische Träumer, die gegen alle Vermutung miteinander verwandt sind, haben schon lange darben müssen, und es ist ihnen wenig Hoffnung zu geben) womit ich beileibe nicht Poesie oder eine andere göttliche Kunst treffen will, diese holdesten Tröster des Daseins. Der Faustische Drang in uns führe uns schneller dorthin, wo der Held der Magie erst am Ende anlangt, er mache uns zu Tatmenschen. Der Dichterfürst stellt seinem Faust den Mephistopheles, das verneinende, böse wollende Prinzip leibhaftig an die Seite, wie es die Bühne erfordert) tiefer geschaut offenbart er uns nur Eine Person in ihrem „dunklen Drange" und ihrem unaufhörlichem Kampfe mit sich selbst und mit der Welt, in ihrem Unterliegen und endlichen Siegen. Wenn in dem ausgestoßenen, gehetzten und entwiirdigten Juden des Mittelalters mephistophelische Art allein zur Geltung'. gekommen wäre, hätte das niemand wundernehmen können: es blieb bei mancherlei Anflug. Unsere Gegner merkten nicht, daß sie selbst uns mephistophelisch beurteilten: sie glaubten den von uns unterschriebenen Kontrakt unserer Verdammnis in Händen zu haben, und diejenigen, die durchaus um unser Seelenheil besorgt waren, verriffen sich nur in den Mitteln. Jene Gegner aben widerwillig auch an uns das Gute geschafft, sie haben unsere Bejahung herbeigeführt, und den Drang nach umfassender, gemeinnütziger Betätigung in uns allmächtig gemacht. Dem Ruse, gebt uns ein tieferes Wurzeln, ein früh-

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