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KC-Blätter · 1916-01-01 · Heft 9 (Januar 1916) · p. Seite 554

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1915-1916
Issue
Heft 9 (Januar 1916)
Date
1916-01-01
Page
Seite 554 (sequence 12)
Language
German
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554 zurückschlugen. Aber hernach gehts wieder im alten Gleise weiter. Nur die Geschütze brüllen, und ab und zu gellt ein Maschinengewehr dazwischen, oder eine Jnfanteriekugel zischt über die Gräben hinweg. Zwischen den Gräben aber breitet sich, 'je weiter der Winter vorwärts schreitet, ein schützender Morast, der einen Angriff säst zur Unmöglichkeit macht. Daß einem bei einen» solchen Leben hie und da die Langeweile anwandelt, wirst Du verstehen, und in der Verzweiflung besinnt man sich wieder auf seine frühere „Bildung" und fängt an zu streben. Ich habe mir hier so bereits eine ganz hübsche Schützengrabenbibliothek angelegt. Außer größeren oder kleineren belletristischen Erzeug, niffen haben sich hier Spinoza, Carlyle, Fichte, Mendelssohn und andere zusammengefunden, um mir den Winterschlaf so angenehm als möglich zu machen. In letzter Zeit habe ich mich dann wieder jüdischen Fragen zugewandt, nachdem Alexander und unser Feldrabbiner Or. Baerwald so liebenswürdig waren, inir jüdische Schriften und Zeitungen verschiedener Richtung zu überlaffen. Ich war allmählich ganz aus der Sache herausgekommen, da mir die Mittel fehlten, mich über die Zeitströmung zu orientieren. Nun arbeite ich mich aber allmählich wieder hinein. Für heute noch herzliche Grüße für Deine werte Gemahlin, Dein Mädel und Dich Dein Fritz Mayer. Berlin-Vereinslazarett, den 20.4.15. Meine lieben! Bundes- und Kartellbrüder! Da ich weiter nichts Vernünftiges zu tun weiß — was sollte man auch im Bett anfangen? — und mir eine ganz niedliche Episode aus meiner allerdings kurzen Kriegstätigkeit einfällt — denn nun bin ich schon seit Ende Dezember Lazarett- oder besser Bettsoldat —, will ich ffe zum Besten der K.C.- Blätter geben. Es war Anfang Dezember, wenn ich nicht irre, bei den Kämpfen um Lodz, als wir einen feindlichen Schützengraben mit schweren Verlusten, nach mehreren vergeblichen Anstürmen, genommen hätten, dann aber beim weiteren Vorgehen uns durch Eingraben gegen das verheerende Russenfeuer schützen mußten. Die Erdlöcher, die wir bei Tage gegraben hatten, wurden, als die stockfinstere Nacht hereinbrach, durch Verlängerung jedes Loches nach links und rechts zu einem leidlichen Schützengraben ausgebaut, mit Unterständen, Schießscharten und sogar mit Gelegenheit zum ungefährlichen „Abprotzen" (ich bin nicht mal Artillerist!). In der Nacht war es eisig kalt. Also Stroh her! Da nun der Soldat sich lieber totschießen läßt, als bei russischer Kälte ohne Stroh im Schützengraben zu übernachten, machte ich mich mit einem Kameraden auf den Weg, um das Unentbehrliche zu holen, das für Krieger Unter- und Oberbett zugleich ist. Die Russen, in beständiger Furcht, wir würden noch wahrend der Nacht angreifen, hatten die Dörfer hinter unserer Front in Brand geschossen. Was für ein grausig-schöner Anblick, den Besitz unschuldiger Dorfbewohner lichterloh brennen zu sehen, den die Russen der Verrvüstung preisgegeben hatten, nur weil sie feige waren! Man konnte von den russischen Stellungen aus auf diese Weife jede Bewegung, auch die eines einzelnen Mannes sehen, der vor unserem Graben sich blicken ließ, sei es aus Uebermut, um zu schaufeln, oder wie wir, um Stroh zu! hblen. Sobald wir nun aus dem Graben herauskrochen und einige Meter vorwärtsstürzten, ging ein wahnsinniges Feuer los. Gemütlich war es ja nicht! Aber wer denkt an Tod? Und wir mußten doch Stroh haben! Unser Ziel war die einzige heil gebliebene Scheune eines Dorfes, das in der seitlichen Verlängerung unseres Schützengrabens lag, dessen linker Flügel etwas vorgenommen war. Um dorthin zu gelangen, mußte man der, vor unserer Deckung befindlichen freien Raum durchschreitep, der fast ohne Unterbrechung vom feindlichen Arttllerie- und Jnfanteriefeuer bestrichen wurde. Unter abwechselndem „Hinlegen" und „Sprung auf — marsch, marsch" legten wir die mehrere hundert Meter lange Strecke zurück, ohne Gewehr, nur mit einer Pistole bewaffnet, die ich mir beim Ausrücken aus der Heimat mitgenommen hatte. Glücklich in der Scheune angelangt, vor und in der unzählige Tote lagen, begannen wir nach zusammengebundenen Strohbündeln zu suchen, die, weil sie wegen der leichten Transportmöglichkeit sehr begehrt wurden, naturgemäß selten waren. Die Scheune war wohl ebensoweit von der russischen Stellung entfernt wie von unserer, sodaß wir gewärtig sein konnten, Stroh holende Russen anzutreffen, die wie wir das Feuer nicht scheuten, um sich für den weiteren Teil der Nacht zu versorgen. Denn das Thermometer würde gewiß weit unter Null gezeigt haben, wenn wir hätten nachsehen können. Mein Kamerad' hält also Wacht und leuchtet gleichzeitig mit nach dem Feinde abgeblendeter Taschenlampe in das eine Gelaß der Scheune, das mit zum großen Teil unausgedroschenen, Korn hoch angefüllt ist. Ich klettere hinein und suche... Plötzlich ein Rascheln! Das Seitengewehr Heraus und auf die Stelle zu mit leuchtender Taschenlampe war eins! Doch Sülle ringsum! Ich mußte mich getäuscht haben. Ich suche weiter, mein Kamerad wacht, schärfer als zuvor. Denn auch er war nervös geworden — und die Russen waren nicht weit. Da wieder ein Rascheln! Länger als das erste, ettva als ob jemand j nach langem Schlaf aus dem Stroh kriecht und sich nochmal richüg streckt. Ich Seitengewehr und gespannten Mauser heraus, entsichert, auf die Stelle los, woher das Geräusch zu kommen schien! Inzwischen war der andere, ebenfalls mit Pistole und brennender Taschenlampe, zu mir heraufgesprungen. So ernst die Situation damals war, jetzt muß ich jedesmal lachen, wenn ich daran denke. Ein Russe, ein leibhaftiger Russe mit Gewehr und Gepäck, kriecht hervor!! Er weiß wohl gar nicht, wo er ist, was mit ihm geschieht, reibt sich die schlaftrunkenen Schweinsäuglein, entdeckt uns, fährt vor Schreck zusammen, stammelt unverständliche Laute, leckt uns die derben Männerfäuste. Wir stehen mit vorgehaltener Pistole vor ihm, mit Siegermiene, unerbittlich, wie zwei Felsen im Rhein. Wir geben unserem Russen durch Zeichen zu verstehen, daß er uns folgen müsse, nachdem wir ihn, sein Gewehr abgenommen hatten. Das alles geschah in wenigen Sekunden. Und so steuerte das Trio, voran der Russe, dem wir etliche Strohbündeln aufgeladen hatten, ähnlich wie wir gekommen, unserem Graben zu, unterwegs reichlich bedacht mit russischen Granaten, bei deren Platzen der Russe sich jedesmal hinwarf und erst wieder hochzubekommen war, wenn wir ihn mit deutlichem Hinweis auf unsere Pistolen nicht allzu zart zur Eile trieben. Mit Hallo wurde unsere Beute begrüßt. Der arme Kerl war ganz verschüchtert. Ob auch er den grausamen Tod vor Augen hatte, den wir Barbaren für unsere Gefangenen eigens erfunden haben sollen? Nachdem wir unfern Russen vor den Kompagnieführer, einen Leutnant d. R., gebracht hatten, wo er mit Hilfe eines Dolmetschers ausgefragt wurde, entfernten wir uns. Ob das Männchen Stroh holen wollte und oorgezogen! hat, in dem zweifelhaften Hotel zu übernachten, ob er ein Drückeberger war, — ich weiß es nicht und habe es nie erfahren. Aber wir hatten Stroh!! Mit K.C.er Gruß! Sidney Mendel (Lic.) i Sehr geehrter Herr Kartellbruder! Vom Schau, f platz der letzten Kärnpfe gestatte ich mir, Ihnen die i besten Grütze zu senden. Trotz der „dicken Luft", die hier besonders bei der letzten Offensive herrschte, her- 1 vorgerufen durch Stink-Brandgranaten und ähnliche

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